Es ist schon ein harter Brocken, den uns James Sallis mit seinem Roman"Driver" vorlegt. Auf 160 Seiten bekommen wir die gesamte Lebensgeschichte des Mannes erzählt, der sich selbst nur Driver nennt. Dieser Driver hat, was viele uns nicht haben, eine genaue Vorstellung von seinem Leben und seinen Zielen: Er will Autofahren - sonst nichts.
Mit viel Glück wird er als Stuntfahrer erst für C-Movies, später dann auch für die großen Hollywood-Blockbuster gebucht. Und da er seine Sache so gut macht, braucht er nicht viele Takes und hat seine Parts immer schnell erledigt. Was bedeutet: Er hat viel Freizeit. Also lässt er sich von Kriminellen zusätzlich als Fluchtfahrer anstellen. Gedanken über ein schlechtes Gewissen macht er sich keine, und die Hintergründe dieser Überfälle interessieren ihn kein bisschen, solange er seiner Passion nachkommen kann. Doch bei einem Raubüberfall geht alles schief. Driver findet sich am Ende des Tages zusammen mit drei Leichen in einem verlassenen und schäbigen Hotelzimmer. Als er dahinter kommt, dass dies eine Falle ist und er eigentlich auch tot sein sollte, nimmt er das persönlich und beginnt seinen gnadenlosen Rachefeldzug. Und genauso, wie Driver gnaden- und kompromisslos vorgeht, so lässt sich Sallis' Schreibstil charakterisieren: Kalt, präzise und schnörkellos. In kurzen Kapiteln, die eher Schnappschüssen ähneln, lässt er Drivers Leben Revue passieren - von dem Tag an, als Drivers Mutter den Vater ersticht und er bei Verwandten in einer der abgelegensten Provinzen der USA aufwächst bis hin zur Flucht nach Hollywood, wo er endlich als Stuntman Karriere macht. Dabei verschwendet der Autor keine einzige Zeile an gefühlsduselige Schilderungen. Es gibt kein Mitleid, weder mit Drivers Opfern noch mit dessen Kindheit - es gibt quasi nichts, was es dem Leser ermöglicht, zu einer der Figuren, wenn schon nicht Sympathie, so doch wenigstens eine gewisse Empathie zu entwickeln. Nichts - absolut nichts.
Anzeige Und dennoch fasziniert dieses literarische Kleinod - vielleicht gerade durch seinen kompromisslos-lakonischen Schreibstil und seinen tiefschwarzen Humor, der einen das Blut in den Adern gefrieren lässt. Allein schon die Eröffnungsszene im Hotel, wo sich Driver zusammen mit drei Leichen befindet und ihn die Blutströme umgeben, lässt ahnen, über welch großes Talent der Autor verfügt. Solche Szenen der Hoffnungs-, Trost und Sinnlosigkeit kennt man noch von Samuel Beckett - oder aus diesen französischen Filmen, die man sich am Besten mit schwarzem Rolli, ungepflegtem Drei-Tage-Bart getoppt von einer schwarzen Hornbrille anschaut. Am Ende steht dann die Erkenntnis, das Leben ist halt, wie es ist: "nichts als eine lange Abfolge von Ereignissen, die nicht so liefen, wie man es sich ursprünglich vorgestellt hatte."
Wem das nicht zu negativ ist und wer über ein gefestigtes soziales Umfeld verfügt, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt.