Niki Stein gehört zu den bekanntesten Drehbuchautoren und Regisseuren Deutschlands. Neben Fernsehfilmen wie "Die Pest" oder "Der Mann im Strom" ist Stein vor allem als Drehbuchautor und Regisseur im Gedächtnis. Aus seiner Feder entsprangen u.a. die Kölner Tatort-Ermittler Ballauf und Schenk oder das Frankfurter Tatort-Team mit Charlotte Sänger und Max Dellwo. 1961 geboren, studierte Stein zunächst Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Hochschule der Künste in Berlin. Neben seiner Tätigkeit als Regisseur und Drehbuchautor unterrichtet Stein u.a. an der internationalen Filmschule Köln und der Hamburg Media School.
literature.de: Herr Stein, Sie sind einem Millionenpublikum als Drehbuchautor und Regisseur vieler Tatortfolgen ein Begriff. Was hat für Sie als Filmemacher den Reiz ausgemacht in das Krimigenre einzutauchen?
Niki Stein: Ganz banal: Der Kriminalfilm hat mir erste Arbeitsmöglichkeit geboten Ende der 80er Jahre, weil schon damals eine große Nachfrage nach solchen Stoffen da war. Aber natürlich ist das Krimigenre eines der faszinierensten im Film, war es schon immer. Es spiegelt die Abgründe der Gesellschaft, die "schwarzen Seelen". Und es behandelt natürlich, in aller Überspanntheit, reale Ängste der Zuschauer.
literature.de: In Ihren "Tatorten" treiben Sie die Hauptpersonen, Täter wie Ermittler, häufig in psychische Extremsituationen. Woher kommen die Ideen zu Ihren Geschichten?
Niki Stein: Aus dem Leben, woher sonst. Im "Der Tag des Jägers", - übrigens ist der Titel eine Verneigung vor Charles Laughton und Robert Mitchum, deren "Nacht des Jägers" ich wohl mein ganzes Leben vergeblich hinterher "eifern" werde – war es zum Beispiel ein Nachbar, der sich über ein von mir ausgerichtetes Kinderfest beschwerte. Manchmal sind es aber auch kleine Zeitungsnotizen ("Das Böse", "Oskar"), oder große Ereignisse, wie z. B. bei "Frauenmorde", wo ich diesem Gefühl nach 9-11, dass das plötzlich eine andere Welt war, in der wir aufgewacht sind, im Kleinen etwas entgegensetzen wollte.
literature.de: Arbeiten Sie an Ihren Geschichten alleine oder beziehen Sie auch andere Experten ein, wie z.B. Kripo oder Gerichtsmediziner?
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Niki Stein: Ich recherchiere immer, frage nach. Ohne geht nicht. Man darf der Recherche nur nicht erliegen. Die neuen Methoden ("DNA") laufen der Filmdramaturgie oft zuwider. Die Kriminalistik wird dadurch zwar erfolgreicher, der Ermittlungsgang aber auch technokratischer und meist langweiliger.
literature.de: Sie haben u.a. für den Frankfurter Tatort die Charaktere der Kommissare Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) und Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf) entworfen. Worauf kommt es für Sie bei der Entwicklung Ihrer Figuren, insbesondere bei den Ermittlern, an?
Niki Stein: Dass sie Schwächen haben, nur das macht sie interessant für das Drama. Diese Gutmenschen, die leider im Fernsehen, - und auch im Kino -, wieder fröhliche Einstände feiern, haben keine Fallhöhe. Nur ein Charakter, der sich selbst im Weg steht, hat eine Chance auf Katharsis, dem Treibstoff jeden Dramas.
literature.de: Ihre Fälle folgen nicht zwangsläufig dem klassischen „whodunit?-Prinzip“. Worauf legen Sie stattdessen Wert und wie erzeugen Sie damit die notwendige Spannung?
Niki Stein: Die Frage, "Who have done it?" war noch nie erschöpfend für die Gestaltung guter Kriminalfilme. Verbrechen verändert die Menschen, die damit in Berührung kommen, auch die Polizei. Die in Serien, wie "Derrick" oder "Der Alte" gepflegte Polizeiroutine habe ich in der Wirklichkeit nie angetroffen. Spannung kann man auch erzeugen, in dem man den Zuschauer partizipieren lässt an tiefen Krisen z.B. eines Polizisten, der den Täter vor Augen hat, aber nicht überführen kann. Hinzu kommt dieses Gefühl des Abgrunds, das sich auftut, wenn, wie jüngst wieder, ein junges Mädchen grauenhaft ermordet wird. Dem filmischen Ausdruck zu geben versuche ich zumindest. Ich habe immer das Gefühl, dass man von uns verlangt, wir sollen das Verbrechen konsumierbar machen, nach der Methode: "War doch kein Mord. Das Opfer ist nur unglücklich gefallen!" Dem verweigere ich mich. Verbrechen ist immer schwer zu ertragen, und immer ein gesellschaftlicher Konflikt.
literature.de: Sie haben gesagt, dass Sie das Tatort-Kapitel geschlossen haben und sich nur noch anderen Projekten zuwenden werden, wie Sie es u.a. mit dem von der Kritik hoch gelobten Film "Der Mann im Strom" schon getan haben. Was war der Grund für diese Entscheidung und kann das Tatort- Publikum vielleicht doch noch auf Ihre Rückkehr hoffen?
Niki Stein: Das war eine Art Hilfeschrei, weil mir über Jahre nur Krimis, vor allem "Tatorte" angeboten wurden. Und für kein Format ist so schwer zu arbeiten, wie für den "Tatort", wenn man nicht in langweilige Routine verfallen will. Mein letzter Tatort, "Der Tag des Jägers", war für mich ein guter Abschluss, weil ich da das Gefühl hatte, mehr geht jetzt wirklich nicht. Aber neulich stand ich in einem Motiv, einer verlassenen Polizeistation, und hatte schon wieder eine Idee für einen ... Sie sehen also, das Kribbeln ist noch da. Sag niemals nie!
literature.de: Sind Sie auch privat ein Krimifan und wenn ja, welcher Krimi hat Sie besonders beeindruckt?
Niki Stein: Einen habe ich oben schon genannt. Alles von Hitchcock, alles von Sidney Lumet, Louis Malles "Fahrstuhl zum Schafott" und neulich "Insider", das Original aus Hong Kong, - Und noch tausend andere ... ich könnte gar nicht aufhören, aufzuzählen.
literature.de: Herr Stein, wir danken Ihnen für dieses Interview.