Ob John Banville seinen eigenen Sündenfall darin sah, nach 14 sehr anspruchsvollen Romanen, deren letzter,Die See, ihm den Booker Prize einbrachte, einen Krimi zu schreiben? Immerhin gehört er zu denjenigen, die keinen Hehl daraus machen, sich abschätzig über Krimis und deren literarischen (Un-)Wert zu äußern. Doch jeder Künstler braucht wohl mal ein wenig Zeit, seine Seele baumeln zu lassen und nach all den anstrengenden Büchern etwas vermeintlich Seichteres zu fabrizieren. Während viele Autoren dann gerne mal ein Kinderbuch schreiben, hat Banville sich für einen Krimi entschieden. Und für ein Pseudonym - "Benjamin Black" -, das allerdings ziemlich schnell aufflog.
Wer jetzt bei dem vorliegenden Roman allerdings nur einen halbherzigen Versuch eines Literaten vermutet, sich mal so zwischendurch in einem anderen Genre auszuprobieren, dem entgeht ein atmosphärisch dichter und ein weitaus mehr als nur passabler Krimi. Viele dürfte das aber auch nicht überraschen, hat doch Banville in seinen früheren Romanen immer wieder mal mit Versatzstücken aus dem Krimigenre gespielt. Verwiesen sei an dieser Stelle nur an die grandiose Mördertrilogie, den Roman Der Unberührbare oder auch an seinen düsteren - leider noch nicht übersetzten - Erstling Nightspawn. Warum Banville daher in Interviews immer wieder sehr abfällig vom Krimi spricht und seinen jüngsten Roman "nur" als Fingerübung ansieht - und ihn vehement als "Handwerk" im Gegensatz zu seinen "Kunstwerken" ansieht, bleibt schleierhaft und motiviert nicht unbedingt, sich sechs randvoll besprochenen CDs der Hörbuchversion auszusetzen. Doch kaum, dass die ersten Worte, gelesen vom großartigen Dietmar Bär, aus den Lautsprechern kommen, hält einen das düstere Dublin der 1950er Jahre, das Black als Hintergrund seiner Handlung gewählt hat, gefangen!
Anzeige Im englischen Original heißt das Buch Christine Falls und um eben diese Christine dreht sich die gesamte Handlung, die sich zu einer Abrechnung mit der katholischen Kirche und dem irischen Geldadel der 50er Jahre ausweitet. Christine ist aber nicht nur eine Gefallene, sondern, und das macht sie für den Pathologen und Hauptprotagonisten Quirke Griffins erst interessant, sie ist tot. Gestorben ist sie unter zwielichtigen Umständen - und als Quirke seinen Adoptivbruder Malachy dabei erwischt, wie dieser die Akte der Toten manipuliert, ahnt er, dass er einem großen Komplott auf der Spur ist, der ihn nicht nur mit der mächtigen Familiensippe der Griffins konfrontiert, sondern auch mit seiner eigenen Vergangenheit. Parallel dazu setzt eine zweite Handlungsebene ein, die in Boston spielt: Ein junges Ehepaar, das selbst keine Kinder auf die Welt bringen kann, adoptiert einen irischen Säugling - das Kind von Christine Falls.
Es ist schon beeindruckend, wie leichtfüßig Benjamin Black beide Handlungsebenen zunächst unabhängig voneinander ablaufen lässt und es schafft, auf beiden Ebenen kontinuierlich eine unheimliche Spannung aufzubauen und diese schließlich zusammenzuführen. Doch es geht dem Autor nicht nur um den Spannungsaufbau: Immer wieder gelingen ihm schafzüngige, zynische gesellschafts- und vor allem kirchenkritische Sentenzen, genau beobachtete Milieuschilderungen und metaphorische und anspielungsreiche Wendungen, die diesen Krimi zu einem sprachlich herausragenden Roman machen, der über den ein oder anderen hölzern und arg bemüht wirkenden Cliffhanger hinwegsehen lässt. Am Ende finden wir eine schon beinahe klassische Figurenkonstellation vor, die aus der Blüte- und Glanzzeit des viktorianischen Krimis stammt: Alle Beteiligten kommen an einem Ort zusammen - der Fall wird aufgelöst.
In diesem Roman nur eine schlichte Allegorie für die Auswanderungswelle vieler Iren in die USA zu sehen, eine Lesart, die Thomas Steinfeld in der Süddeutschen Zeitung vorschlägt, wird der Komplexität des Buches nicht gerecht: Black schlägt in Nicht frei von Sünde all die Themen an, die so manchem Leser aus den Romanen John Banvilles mehr als nur vertraut sind: die Vatersuche, die moralischen Verstrickungen des Lebens, die Rolle der Kirche und vor allem die "Kain und Abel"-Problematik, hier verdeutlicht an dem ungleichen Brüderpaar Malachy und Quirke, der eine Geburtsarzt, der andere Pathologe. Zynisch und schonungslos legt er in seinem Roman, in dem niemand wirklich frei von Sünde ist, die oftmals verzweifelt wirkenden Mechanismen, mit denen unter dem Deckmantel der Wohltätigkeit die eigenen Verfehlungen unter den Teppich gekehrt werden sollen, frei.
Das deutet schon an, dass es Black um die ganz großen Themen geht. Doch Angst, Black könne sich verheben, hat man zu keiner Sekunde, so dass er vielleicht nicht einen "Thriller par Excellance", so doch aber einen runden, spannenden und atmosphärisch düsteren Roman vorlegt, der seinen ganz eigenen Charme entwickelt und von der ersten Seite an seine Leser in den Bann zieht. Man darf gespannt sein, ob sich John Banville von seiner negativen Sicht auf dieses Genre kurieren lässt und weiterhin solch wunderbare Romane, auch unter seinem eigenen Namen, veröffentlicht. Zu wünschen wäre es!
Benjamin Black Nicht frei von Sünde Originaltitel: Christine Falls
Gelesen von Dietmar Bär
Lübbe Audio, 2007
6 CDs, 450 Minuten, 19,95 Euro
ISBN-10: 3785733607
ISBN-13: 978-3785733608