Zwanzig großartige, literarische Briefe zwischen zwei Freigeistern - Georg Weerth und Betty Tendering - verfasst in der Zeit zwischen September 1855 bis Januar 1856, lassen durch eine szenische Lesung auf wundervolle Art und Weise, Briefkultur des 19. Jahrhunderts wieder aufleben.
Im heutigen Havanna gibt es noch als kläglichen Rest des ältesten Friedhofs der Stadt: ein Stück einer Mauer. Davor befindet sich ein Gedenkstein für den deutschen Dichter und Journalisten Georg Weerth, der hier mit 34 Jahren an Malaria verstarb.
Georg Weerth, der Autor von Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski , war ein Freund von Karl Marx und Friedrich Engels und Feuilleton-Chef der von ihnen herausgegebenen Neuen Rheinischen Zeitung.
Doch es ist still geworden um ihn. Zum 150. Todesjubiläum 2006 richtete die Lippische Landesbibliothek in Detmold eine Ausstellung aus. Dort war auch der Briefwechsel mit seiner schicksalhaft angebeteten Betty Tendering zu sehen, dieser schönen, eigenwilligen, selbstbewussten, klugen und leidenschaftlichen Frau, die bereits den Schriftsteller Gottfried Keller fast um den Verstand gebracht haben soll.
Anzeige "Sie wissen, daß ich sie liebhabe, Fräulein Betty ..." ( Georg Weerth an Betty Tendering [Elberfeld, Ende September 1855])
Schon im Mai 1852 hatte Weerth in Leipzig die zwanzigjährige Betty Tendering kennengelernt und bei ihm tiefen Eindruck hinterlassen. Der Gedanke an sie verfolgte ihn seither unablässig.
Beim Wiedersehen im September 1855, von seinen neu entflammten Gefühlen überwältigt, machte er der völlig Überraschten einen Heiratsantrag. Sie wies ihn zurück. Zwar warb er weiterhin verzweifelt um sie. Sie aber war überzeugt, dass er ein falsches Bild von ihr hatte, und wehrte ihn ab. Auch in Paris, wo beide im Oktober 1855 die Weltausstellung besuchten, kam es nicht zu einer Annäherung.
"Es ist nicht so leicht, auf das Liebste, was man im Leben hat, zu verzichten ." (Georg Weerth an Betty Tendering [Paris, 26.10.1855])
Aus den Monaten September bis Dezember 1855 stammen dreizehn kluge Briefe Weerths an Betty Tendering, auf die sie sieben Mal nicht minder gescheit antwortet. Dieser leidenschaftliche Gedankenaustausch wurde bereits 1972 von Bruno Kaiser in einem kleinen Band publiziert. Jetzt ist er in einer leicht gekürzten Ausgabe als szenische Lesung unter dem Titel Geliebte Fortuna im Kaleidophon-Verlag vertont worden.
Herausgekommen ist ein großartiges Porträt zweier Freigeister in einer stürmischen Zeit, wundervoll in Szene gesetzt und belebt durch drei hervorragende Schauspieler. Die gebürtige Salzburgerin Katja Kolm erzeugt durch ihr warmes, tiefes Timbre eine tiefe Vertrautheit mit dieser eigentlich so undurchsichtigen, melancholischen, fast manisch-depressiven Frau. Äußerst überzeugend vermag sie die bildhaften, manchmal fast feministisch anmutenden Worte Betty Tenderings wiederzugeben, die sich als für die Liebe nicht geschaffen, als eine sehr moderne, nach Emanzipation strebende junge Frau stilisiert, die ihrer selbst aber sehr unsicher ist und sich ein frühes tragisches Ende prophezeit. Erstaunlich, dass sie später einen wenig fortschrittlichen Brauereibesitzer heiratet, sieben Kinder bekommt und über 70 Jahre alt wird.
Aber auch die verliebt-hoffnungsvolle und am Ende enttäuschte Stimme des leidenschaftlichen, idealistischen und abenteuerlustigen Georg Weerths wird durch Rainer Süßmilch hervorragend intoniert. Sprecher Falko Glomm ist harmonisches Bindeglied.
Ebenfalls hervorzuheben ist die sparsam inkludierte, untermalende Hintergrundkulisse aus Musik und Geräuschen. Passagen aus Robert Schumanns „Carnaval“ op. 9 und Franz Schuberts „Valse Sentimentale“ op. 50 verstärken, gerade durch ihre Zurückhaltung, die Wirkung der Worte, die die beiden sich gegenseitig schreiben . Auch andere virtuose Details verursachen beim Hörer fast körperliche Vertraulichkeit: da tickt eine Uhr oder es spielt eine Drehorgel, ein anderes Mal trällert ein Kanarienvogel oder knistert ein Feuer. Man hört das Kratzen der Schreibfeder. All diese Begleitgeräusche sind jedoch minimalistisch eingesetzt und werden stets dezent im Hintergrund gehalten.
Fazit:
Gerade im modernen Computerzeitalter, wo E-Mail und SMS das handbeschriebene Briefpapier ersetzt haben, und Net-Meeting oder Chat die leisen Worte verdrängen, ist dieses stille, ungespreizte Zeitzeugnis ein wohltuendes, ja sensationelles Erlebnis.
Man ist gewillt um weitere, sich so angenehm vom Lärm unserer Zeit abhebende Raritäten zu bitten.