Ein alter Mann steht am Sterbebett eines anderen alten Mannes und hört sich dessen Beichte an. Es geht um eine Frau mit schönen Händen und einem aristokratischen Gesicht, doch es geht auch um Mord, Prostitution, Unzucht – eben um das Leben in Breslau im Jahre 1927. Und am Ende dieser Beichte steht der letzte Wunsch eines Sterbenden...
Das Jahr 1927 ist kein gutes Jahr für Kriminalrat Eduard Mock. Seine Ehe ist eigentlich nur noch ein Schlachtfeld, auf dem blaue Augen und seelische Wunden mit Pelzen und Rubinen verpflastert werden. Und während Sophie ihren Frust als Edelprostituierte ablässt, schüttet sich Mock mit Bier und Härterem zu und lässt seine Angetraute von einem ebenfalls alkoholabhängigen Untergebenen beschatten.
Während Mock säuft und seine Ehefrau prügelt, treibt ein sadistischer Killer in Breslau sein Unwesen. Auf perfideste Art tötet er seine Opfer und bei jedem von ihnen hinterlässt er ein Kalenderblatt. Mock ist klar, dass die Daten eine Bedeutung haben müssen, doch nur ganz allmählich begreift er, dass der Schlüssel zur Lösung in der Vergangenheit liegt.
Die Damen der Gesellschaft entblößen für adlige Freier die Brüste, während die Männer in den Hinterzimmern der Kneipen Schnaps trinken und Kokain schnupfen. Dazwischen gellt die hysterische Stimme eines selbsternannten russischen Predigers, der den Weltuntergang ankündigt. Es ist eine Gesellschaft kurz vor dem Kollaps, die der polnische Autor Krajewski seinen staunenden Lesern vor Augen führt. Doch es kommt noch schlimmer, denn Krajewski hat einen Helden geschaffen, der wie geschaffen ist, als Vertreter seiner Zeit zu agieren.
Anzeige Wir kennen den harten, einsamen Helden mit Eheproblemen und dem sprichwörtlichen weichen Kern unter der rauen Schale. In England kommt er in der Regel etwas schmutziger und düsterer daher als in Amerika, aber im Grunde seines Herzens ist er doch ein grundanständiger Kerl. Eine Figur wie Eduard Mock ist da beinahe ein Schock: Ein Mann, der seine Ehefrau schlägt und vergewaltigt, ein Säufer, einer, dem die Gerechtigkeit eigentlich gleichgültig ist.
Der Kalenderblattmörder ist nur vordergründig ein Krimi, jedenfalls nach den üblichen Maßstäben an das Genre, stattdessen entwickelt der Autor ein düsteres Sittengemälde einer Zeit, in der die wilden Zwanziger langsam in den Naziterror übergehen. So ist die Mörderjagd bis zur Hälfte des Romans eigentlich nebensächlich und tritt hinter die Eheprobleme des Protagonisten zurück. Erst allmählich gewinnen die Morde an Bedeutung, doch selbst bei der Auflösung gewinnt der Leser den Eindruck, als sei der Kalenderblattmörder nur ein beliebiges Monster in einer Gesellschaft voller Monster.
Fazit: Düster und abstoßend – mehr Sittengemälde als Krimi
Marek Krajewski Der Kalenderblattmörder Originaltitel: Koniec swiata w Breslau
Aus dem Polnischen von Paulina Schulz
dtv, 2007
334 Seiten, broschiert, 14,50 Euro
ISBN-10: 3423245395
ISBN-13: 978-3423245395