Das ist wirklich eine "Doktorarbeit"! Was für eine Recherche, bis ins kleinste Detail, bis in den letzten Winkel dieses Globus, vom Mittelalter bis heute, quer durch die Kulturen. Umfangreich, gut gegliedert und doch: Zucker ist süß, so verlockend, ein Genussmittel, das Buch leider sehr trocken, wenig unterhaltsam, hier schreibt ein Wissenschaftler, exakt, genau, detailliert, aber so schrecklich leidenschaftslos. Das Thema schreit nach alten Dokumenten, nach Anekdoten, Zitaten, nach zuckersüßen Erlebnissen und wird aber verarbeitet, als sei es die Geschichte des Essigs. Etwas verschenkt.
Aber dennoch: eben weil es eine ungeheure Fleissarbeit ist, eine akribische Untersuchung über den "Zuckerkonsum in England", vornehmlich der Zeit "zwischen 1650, als Zucker zu einem alltäglichen Gut zu werden begann, und 1900, jenem Zeitpunkt, zu dem er in die Ernährung bzw. im Speiseplan jeder Arbeiterfamilie seinen festen Platz errungen hatte", eben deshalb: Hut ab vor so vielen zusammengefassten "Eindrücken und Erinnerungen" aus, wie der Autor bekennt, vielen Jahren der "Lektüre und Forschung".
Anzeige "Die Kreuzzüge machten die Völker Westeuropas mit dem Zucker keineswegs nur bekannt. Es dauerte vielmehr nicht lange, da waren es die Kreuzfahrer, die die Produktion dieses Zuckers in den von ihnen eroberten und besetzten Gebieten kontrollierten." Zucker als Ware, Wert und Wirtschaftskapital, Zucker als Konsumgut in Küche und Kulturen. Aber die Geschichte des Zuckers, jenes "wichtigen Bestandteils des chemischen Bauplans aller Lebewesen", gewonnen vornehmlich aus dem Zuckerrohr, seltener aus der Zuckerrübe, reicht viel weiter zurück: Neuguinea, dort wurde das Zuckerrohr erstmals angebaut und verbreitete sich seit tausenden von Jahren über die Welt.
Mintz holt weit aus in seinen Kapiteln, es ist ein Stück Weltwirtschaftsgeschichte, das er präsentiert, verständlich, alles ist belegt, wird erklärt, Anmerkungen in Hülle und Fülle. Nein, zum Thema Zucker, Genuss, Geschichte und globalem Eroberungszug, da hat er sicherlich nichts vergessen, perfektionistisch geradezu gibt es nach 300 Seiten wirklich nichts mehr zum Thema zu sagen, keine Frage bleibt offen, nur: dass diesem Buch eben ein wenig der Pfeffer fehlt!
Sidney W. Mintz Die süße Macht. Kulturgeschichte des Zuckers Originaltitel: Sweetness and Power
Aus dem Amerikanischen von Hanne Herkommer
Verlag Campus, 2007
305 Seiten, broschiert, 19,90 Euro
ISBN-10: 359338325X
ISBN-13: 978-3593383255