Es gibt Bücher, die beginnt man zu lesen - und ist ganz hingerissen: von der Sprache, den Protagonisten, der Handlungsführung und man den mal kleineren, mal größeren Überraschungen. Doch dann - irgendwann - setzt die Enttäuschung ein, die Geschichte plätschert nur noch vor sich hin, sprachliche Bilder misslingen, sind schief oder gänzlich unpassend und man wundert sich nur noch, wie es möglich sein konnte, dass das Buch, das doch so viel versprechend begann, derartig abflachen konnte.
Schade, dass genau dies auch in dem vorliegenden Buch Die feine Nase der Lilli Steinbeck des preisgekrönten Autors Heinrich Steinfest der Fall ist. Schade auch, dass die Enttäuschung bei dieser Art Bücher, die auf dem halben Weg scheitern um ein Vielfaches größer ist, als bei Büchern, die komplett schlecht sind und von vornherein verloren haben.
Die Süddeutsche Zeitung schrieb einmal vor ein paar Jahren, Steinfests Romane läsen sich, als hätten Heimito von Doderer und Raymond Chandler eine Schreibgemeinschaft gegründet. Und diesem Statement kann man durchaus auch in Steinfests aktuellem Roman folgen: Von seinem österreichischen Dichterkollegen hat er eine sehr farbige und elegant-flüssige und spitzfindig-wortwitzige Sprache, vom Zweitgenannten, die Anlage, spannende und an Überraschungen reiche Plots zu erfinden - und beides lässt sich zu Beginn seines neuen Krimis sehr gut an. Georg Stransky, ein Biologe, der es sich in seinem Leben mehr als nur bequem mit seiner Frau und seiner Tochter eingerichtet hat, wird entführt und irgendwo im Nirgendwo des Jemen ausgesetzt, ausgerüstet mit einer Karte und einer Pistole - und dem Hinweis, er müsse nun selbst den Weg nach Hause finden, sich aber in Acht nehmen vor denjenigen, die ihn genau daran hinderten, gehört das doch zu den Regeln des Spiels, dessen Spielstein Stransky ungewollt geworden ist. Es ist ein Spiel mit zehn lebenden Figuren, das zwei eigentlich befreundete Großmogule ins Leben gerufen haben, um sich ein wenig die Langeweile - schließlich gibt es keine anständigen Kriege mehr - zu vertreiben. Überlebt einer der zehn entführten und ausgesetzten "Figuren" diese Menschenjagd, ist das Spiel zu Ende - und einer der Großmogule hat seine Wette gewonnen.
Anzeige Unterdessen tritt mit Lilli Steinbeck eine der unkonventionellsten und skurrilsten Kommissarinnen das Spielfeld und ermittelt im Fall Stransky. Das alles ist bis zu dem Zeitpunkt, an dem die drei Parteien zu einem ersten großen Showdown auf einer entlegenen Insel zusammentreffen außerodentlich originell, witzig und mit ebenso viel Verve und philosophischen Hintersinn geschrieben, dass man glaubt, den Krimi des Jahrzehnts in Händen zu halten - vergessen alle grandiosen Romane eines Wolf Haas oder eines Friedrich Ani. Doch dann, so scheint es, hat den Autor der Mut (oder böse: die Zeit) verlassen, dieses angefangene Meisterwerk zu vollenden. Die Handlung wird immer vorhersehbarer, es mehren sich die langweiligen Passagen und es misslingen immer mehr Sprachspiele, werden banaler und wirken plötzlich deplatziert - und dann dieses völlig verquaste und ebenso kitschige wie mittelmäßige und unbefriedigende Ende! Zu Gunsten des Autors ist zu vermuten, dass er das Ende wohl nicht wirklich ernst gemeint hat - doch die Umsetzung dieser Parodie ist nicht ganz gelungen und es bleiben zahlreiche Ungereimtheiten.
Nun sollte aber klar gestellt werden, dass die Kritik, die hier an dem Buch geübt wird, in Relation gesetzt werden muss: Heinrich Steinfest hat mit seinen bisherigen Romanen - es seinen stellvertretend nur Ein dickes Fell und Der Umfang der Hölle genannt - und dem Beginn seines neuen Krimis die Meßlatte sehr weit nach oben gelegt. Dementsprechend ist der Fall bzw. die Enttäuschung eine sehr viel tiefere als bei vielen anderen Autoren und deren Büchern. Steinfest scheitert zwar - aber auf einem sehr hohen Niveau! Und ihm gelingt trotz der genannten Schwächen immer noch ein sehr unterhaltsames mit vielen geistreichen Apercus durchsetztes und spannendes Buch, das eine lange Zeit ein sehr gewagtes und letztlich nicht ganz aufgehendes Spiel nicht nur mit seinen Protagonisten sondern auch mit dem Leser treibt. Und auf dieses Spiel kann man sich gut gerne einlassen!