Es gibt sie doch! Möchte man nach diesem Hörbuch rufen: Migranten, die nicht zurückgezogen und eingesponnen in ihren Traditionen und Familien leben und/oder kaum die Sprache ihres Gastlandes beherrschen, geschweige denn erfolgreich "Karriere machen". Immer wieder durchbrechen einige von ihnen diesen Zwiespalt zwischen traditioneller Anpassung und individuellem Freiheitsstreben und gehen ihren eigenen - und erfolgreichen - Weg.
Preethi Nair hat dies in ihrem typischen, aber keineswegs flachen Frauenroman Der Duft der Farben zum Ausdruck gebracht und sie tut dies ohne den berühmten Zeigefinger zu heben, in einer ganz und gar unprätentiösen, sympathischen Art und Weise.
Ihr "erfolgreiches Integrationsmodell" heißt Nina. Die Tochter indischer Einwanderer wohnt in London und hat einen angesehen Beruf: Sie ist Anwältin, was ihre Eltern und vor allem ihren Vater mit Stolz erfüllt. Ihren großen Traum - Malerin zu werden - hat sie den Forderungen ihres Vaters - der alles Künstlerische als "Firlefanz" abstempelt - untergeordnet und vertritt nun zweitklassige Künstler juristisch.
Doch glücklich ist sie dabei keineswegs.
Die Mutter wiederum möchte die Tochter alsbald verheiratet wissen und präsentiert dieser Mappe um Mappe von standesgemäßen indischstämmigen Kandidaten.
Anzeige Aber Nina liebt den Franzosen Jean Michel.
Eine Welt des schönen Scheins, die jäh zerbricht: Nina gibt Knall auf Fall den Job auf und verliert auch noch den Geliebten. Die Eltern ahnen nichts, freuen sich nur, dass sie endlich bereit ist, sich mit einem Heiratskandidaten zu treffen: Steuerberater Raj, der sich Wissen und Persönlichkeit aus Ratgebern zusammenliest.
Durch eine Zufallsbekanntschaft - in Form der australischen Kunststudentin Gina - rückt ihr Traum in greifbare Nähe. Nina übernimmt während Ginas vierteljährlicher Abwesendheit deren Atelier. Das Motto ihres Lieblingsmalers Matisse macht sie zu ihrem eigenen: Kreativität erfordert Mut.
Nina beginnt ein Doppelleben, von dem die jeweils andere Seite nichts ahnt
Tagsüber malt sie und abends trifft sie ihren neuen Verlobten bzw. berichtet ihrem Vater von ihren angeblichen Erlebnissen im Büro.
In die Bilder, die sie malt, steckt sie ihr ganzes Ich hinein. Sie sind farbintensiv, abstrakt und authentisch. Eines widmet sie ihrer verstorbenen besten Freundin Ki. "FOR U KI" - "Für dich Ki" - schreibt sie in eine Bildecke. In einem Bilderrahmengeschäft wird dieser geheimnisvolle "Japaner FORUKI" der Auslöser einer ihr immer mehr aus den Händen gleitenden Verkettung (un)glücklicher Umstände. Das Bild erringt Beachtung eines europaweit bekannten Kunstmäzen, eine Vernissage wird organisiert, sie agiert als Forukis Agentin und in Eventmanager Michael scheint sie den Mann ihres Lebens kennen zu lernen. Nebenbei organisieren die ahnungslosen indischen Mütter in Windeseile ihre Großhochzeit mit Raj. Und als "Foruki" auch noch für den Turner-Prize nominiert wird, muss ein japanischer Gemüsehändler als Dummy herhalten.
Schlussendlich stürzt jedoch das Lügengebäude wie ein Kartenhaus über Nina zusammen.
Der Duft der Farben enthält trotz der sich zuweilen beinahe überschlagenden, turbulenten und spannend konzipierten Handlung eine bemerkenswerte Tiefe und Melancholie, die den Leser/Hörer tief anrührt. Wunderbar hat sie den Zwiespalt zwischen traditioneller Anpassung und individuellem Freiheitsstreben zum Ausdruck gebracht.
Die ambivalenten Gefühle ihrer Protagonistin, ihre Zweifel und ihr zähes Ringen, die Einsamkeit an der Wende vom vorbestimmten, anerkannten Karriereweg zur eigenen Leidenschaft und wahren Identität, weiß Nair authentisch auszudrücken. Die 1971 in Kerlala, Südindien, geborene Autorin hat auch heimlich ihren Beruf als Unternehmensberaterin an den Nagel gehängt, um Romane zu schreiben. Ihr erstes Buch Gypsy Masala verlegte sie selbst, ehe der Durchbruch kam - und ihre Familie von der Doppelexistenz erfuhr.
Preethi Nair gewann den "Asian Woman of Achievement" Preis und war nominiert als Schriftstellerin des Jahres.
Nana Spier liest die Geschichte mit weiblichem Einfühlungsvermögen, erzeugt jedoch zuweilen einen allzu "plätschernden Stil". Ein wenig mehr akzentuierte Intonation hätte den Charakteren sicher gut getan.
Fazit: Preethi Nair erweist sich in ihrem bisher persönlichsten Buch als meisterhafte Erzählerin. In einer turbulenten, zum Teil witzigen und spannend konzipierten Handlung verbirgt sich eine bemerkenswerte Tiefe und Melancholie.
Das Buch sensibilisiert für den Spagat vieler Frauen zwischen zwei Kulturen.
Preethi Nair Der Duft der Farben Gelesen von Nana Spier
Lübbe Audio, 2007
6 CDs, 408 Minuten, bearbeitete Romanfassung, 19,95 Euro
ISBN 10: 3785733283
ISBN 13: 978-3785733288