Monumental kommt sie daher: über 800 Seiten, davon knapp 150 Seiten Fußnoten und Anmerkungen. Auf den ersten Blick eigentlich nur wieder eines dieser germanistischen Machwerke, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit von einem kleinen Kreis interessierter Fachleute in die Hand und unter die Lupe genommen wird, um unter unverständlichem Raunen und Grunzen goutiert zu werden.
Doch bei der Stefan George-Biografie des Germanisten Thomas Karlauf verhält es sich ein wenig anders. Zwar erfüllt diese Biografie alle germanistischen Standards, doch darüber hinaus bietet sie noch vieles mehr! Vor allem ist sie eine äußerst lesbare, um nicht zu sagen spannende und fesselnde Lebensgeschichte eines Mannes, um den selbst viele Germanisten einen ganz großen Bogen schlagen. Warum? Das legt diese Biografie offen und zeigt zugleich, dass dieser scheinbar unnahbare und esoterische Stefan George bei weitem nicht so unnahbar ist, wie es sein eilig vorauseilender Mythos vermuten lässt. Ganz im Gegenteil: Karlauf gelingt ein ausgesprochen rundes und lebendiges Portrait eines Mannes, der es wie kaum ein anderer vor ihm und lange Zeit nach ihm geschafft hat, seine Identität hinter einem selbstgestrickten Mythos zu verstecken: Er, der Nietzsche so sehr ablehnte - wie es alle tun, die das, was Nietzsche formulierte in die Tat umzusetzen versuchten - wollte ein "Enormer" sein, eine dieser großen weltgeschichtlichen Gestalten, wie es Alexander, Caesar und Napoleon gewesen waren.
Anzeige Der "geistige Führer Deutschlands" zu sein – das war sein Traum, an dem er Zeit seines Dichterlebens, das schon sehr früh mit der Entwicklung einer eigenen Sprache begann, arbeitete. Und tatsächlich scharte er einen Kreis ergebener Jünger zusammen, die ihm, ihrem "Propheten", huldigten, sich mit ihm regelmäßig trafen, um nichts Geringeres zu tun als die deutsche Literatur zu revolutionieren und sie aus dem Tal, wie sie es empfanden, herauszuschreiben. Das Leitmedium hierfür sollten die von George gegründete und redaktionell zusammengestellten "Blätter für die Kunst" sein. Hiermit und mit seinen zahlreichen Gedichtbänden avancierte er nicht nur unter seinen Eingeweihten zu einer der einflussreichsten Personen der deutschen Geistesgeschichte, die nicht nur dem bekannten Soziologen Max Weber als willkommenes und dankbares Forschungsobjekt diente. Dessen Arbeit über das Modell "charismatischer Herrschaft" anhand Stefan George und dem so genannten George-Kreis ist heute noch aktuell - und gleichsam erhellend wie faszinierend.
Doch so viel George über die Jahre hinweg gelungen ist, so vergeblich versuchte er jahrelang Hugo von Hofmannsthal, den er wie kaum einen anderen zeitgenössischen Dichter verehrte, zu seinem engen Vertrauten zu machen. Anhand dieser wechselhaften Beziehungsgeschichte beleuchtet Karlauf Stefan Georges Hang zur Homosexualität, die, so legt es die vorliegende Biografie nahe, ein wichtiger Bau- bzw. Grundstein im Schaffen Georges darstellt - nicht umsonst scharte er etliche attraktive Jünglinge in seinem Männerbund um sich. Dies schildert Karlauf so ruhig und unaufgeregt, wie man es selten liest. Man vergleiche diese Stellen mit den entsprechenden zuweilen boulevardesk-reißerischen Passagen in den Biografien beispielsweise zu Thomas Mann.
Nun ist aber keine Biografie komplett ohne die Einbettung der beschriebenen Person in die Zeitgeschichte. Natürlich spielt auch dies bei Karlauf eine Rolle und er versucht George sowohl literaturgeschichtlich wie zeit- und sozialgeschichtlich einzuordnen. Dankenswerterweise verzichtet Karlauf auf die inzwischen en Vogue gewordene Praxis, historische Persönlichkeiten ins Hier und Heute zu verorten - vielmehr geht es ihm darum, George als "fiebernde Figur einer nervösen Epoche" darzustellen. Ein kleiner Fehler unterläuft ihm aber dennoch: Leider erliegt Karlauf in einigen Passagen mehr als nur einmal der Gefahr, zu chronistisch zu werden und seinen flüssig-eleganten Stil kurzzeitig gegen eine eher technische und zäh-aufzählende Sprache einzutauschen. Und auch die geistesgeschichtliche schwierige und mehrdeutige Beziehungskonstellation George-Hitler-Stauffenberg hätte etwas ausführlicher dargestellt werden können. Allerdings sind dies nur kleine "Makel", die die Lesefreude nur wenig zu trüben vermögen.
Fazit: Wer sich auf diese - im besten Sinne - schon fast romanhafte und mit einem beeindruckenden profunden Wissen angereicherte Biografie einlässt, wird keine einzige gelesene Seite bereuen!
Thomas Karlauf Stefan George. Die Entdeckung des Charisma Blessing, August 2007
816 Seiten, gebunden, EUR 29,95
ISBN-10: 3896671510
ISBN-13: 978-3896671516