10 Jahre hat Agustín Sánchez Vidal nach eigener Aussage an seinem Roman Kryptum gearbeitet. Eine Arbeit, die sich für ihn gelohnt hat, schoss der Roman doch nicht nur in seinem Heimatland Spanien an die Spitzen der Bestseller-Listen, sondern fand auch im Rest Europas zahlreiche Leser.
Zwar erinnern der Rückseitentext und die Covergestaltung ganz gewaltig an Dan Browns Thriller Sakrileg, doch gestaltet sich der Plot, der einerseits in der Gegenwart, andererseits im 16. Jahrhundert angesiedelt ist, um einiges vielschichtiger und auch komplizierter:
Alles beginnt 2004 auf dem Plaza Mayor der spanischen Stadt Antigua: Der Papst hält vor unzähligen Menschen seine seit Langem erwartete Rede zur Versöhnung der Religionen. Doch statt einer beseelten Oratio lässt der Papst nur Unverständliches verlautbaren: "Etemenanki". Plötzlich öffnet sich die Erde, die Monstranz, eines der höchsten Zeichen des Katholizismus, verschwindet und unverständliche Stimmen und Geräusche kommen aus der Tiefe des Platzes.
Anzeige Zeitgleich verschwindet Sara Toledano, eine bekannte Wissenschaftlerin, die sich schon seit Jahren mit ihrer Familiengeschichte, die weit ins Mittelalter hineinreicht, beschäftigt. Im Rahmen dieser Ahnenforschung stand sie dicht vor einer bahnbrechenden Entdeckung und der Lösung des "Welträtsels", womit eigentlich nichts Geringeres als die alles erklärende Weltformel gemeint ist.
Die zweite Ebene spielt zur Zeit der spanischen Inquisition im 16. Jahrhundert und beschäftigt sich mit Raimundo Randa, einem Juden, der im Laufe seines Lebens des Öfteren Namen, Identität und Religion gewechselt hat und nun im Jahre 1582 im Kerker in Antigua sitzt. Dort wartet er auf seinen Inquisitionsprozess. Ihm verbleiben nur noch wenige Tage, um sich zu befreien. In diesen Tagen erzählt er seiner Tochter, die ihn regelmäßig besuchen darf, sein Leben, das nicht nur aus etlichen gefahrvollen und abenteuerlichen Reisen bestand, sondern auch aus seiner Suche nach den sagenumwobenen 12 Pergamentkeilen, deren Geheimnis er zu entschlüsseln erhoffte.
Man merkt also, es ist ein verschlungener Roman, der dem geduldigen Leser ein weites und spannendes Panoptikum an illustren Figuren sowie realen und fiktiven Schauplätzen bietet. Ganz in der Tradition klassischer Abenteuer- und Schelmenromane gelingt es Vidal, seine Protagonisten mit so viel Leben und Plastizität, und die beiden Handlungsebenen mit soviel Tempo und Spannung auszustatten, dass der Leser "seinen" Helden folgt und dabei auch die ein oder andere etwas zähere Seite geduldig umblättert.
Wirkt das Buch an einigen Stellen durch die Vielzahl der auftretenden Personen und der Verwendung unterschiedlicher Zeitebenen etwas unübersichtlich und verwirrend, bietet das Hörbuch eine ebenso einfache wie perfekt umgesetzte Lösung an. Nicht nur, dass es sich bei den 6 CDs, die dem geneigten Hörer immerhin 470 kurzweilige Minuten bescheren, um eine gekürte Lesung handelt; vielmehr erleichtern die Sprecher Annette Krause und Hans-Peter Bögel die zeitliche Orientierung. Sie spricht die Gegenwart, er die Vergangenheit. Überhaupt harmonieren die beiden Sprecher, die beide ihre Meriten vor allem als Hörfunk-Specher verdient haben, sehr gut und die Gefahr, dass zwei verschiedene Stimmen, die hier eher als Vorleser und nicht als Rollenspieler agieren, das Hörbuch zerfasern, besteht zu keiner Sekunde. Beide geben ihren Protagonisten kleine aber distinktive Stimm- und Artikulationsmerkmale mit und verstehen es, die Sätze mit Leben zu füllen und aus ihrer Lesung großes Hör-Kino zu machen.
Für alle, die sich eine gelungene Mischung aus Der Name der Rose und Sakrileg vorstellen können!