Wieder eines dieser von A.L. Kennedy unbestechlich geschriebenen Werke, die sich sehen lassen können.
Alfred Day meldet sich mit 15 Jahren zur RAF, Royal Air Force, um seinem verhassten Vater zu entkommen.
Nach dem Krieg findet er sich zu Drehaufnahmen in der Lüneburger Heide wieder, wo er im Gefangenenlager bei den Deutschen das Kriegsende erwartet hat.
In langen Selbstgesprächen und erinnerten Vorgängen treten die Phasen seines Lebens zu Tage, die er bis heute hinter sich gebracht hat. Dazu gehört die intensive Kameradschaft bei der Air Force, die ihm Heimat war, die Kriegserfahrungen und die Erinnerungen an Joyce. Er hat sie während des Krieges in London getroffen. Hoffnungen in diese Liebe haben ihn besetzt gehalten. Sie endet, als die Soldatenfrau ihren Mann nach dem Krieg wieder findet.
Alfred ist 25 Jahre, als der Krieg endet. Fast sieht es so aus, als wäre damit auch alles, was man erleben könnte, für ihn zu Ende.
Anzeige A.L. Kennedy, die bekannte und inzwischen erfolgreichste schottische Erzählerin hat ihren eigenen Stil. Sie kann aus kurzen Ereignissen lange Geschichten spinnen. Geschliffen in ihrer Sprache, differenziert in dem, was sie ihre Protagonisten denken und sagen lässt, gehört sie inzwischen zu den hoch angesehenen und erfolgreichsten Autorinnen im englischen Sprachraum. Sie scheut sich nicht, auszusprechen, wovor andere zurückschrecken würden: dass der Krieg in diesem Fall für den Protagonisten Befreiung war aus beengten und unglücklichen Umständen.
Am Ende des Krieges bleibt ein Mensch zurück, der nicht weiß, wohin er soll und was er mit seinem weiteren Leben anfangen kann.
Die Erzählweise ist gewöhnungsbedürftig. Gehen doch Gedanken, Erinnerungen und reale Erlebnisse unmittelbar in einander über. Rechtfertigt das Sujet Krieg eine solche Erzählung?
Dass es sich genauso zugetragen haben könnte, wirkt absolut glaubhaft. Und Kennedy ist eine so feine Beobachterin, dass sie den richtigen Ton trifft, um das Schicksal eines jungen Bomberpiloten im zweiten Weltkrieg lebensnah nachzuerzählen.
A.L. Kennedy ist eine Autorin, mit der man sich vertraut machen muß und um die man kämpfen muß, um sie zu verstehen. Am Ende lohnt es sich, denn sie ist gescheit, reflektiert und kann tiefste innere Zusammenhänge verständlich in ihren Texten aufbereiten. Sie gehört zu den unbedingt lesenswerten Autorinnen unserer Zeit!
A. L. Kennedy Day Originaltitel: Gay, Jonatha Cape
Aus dem Englischen von Ingo Herzke
Wagenbach, 2007
352 Seiten, gebunden, 22,90 Euro
ISBN-10: 3803132142
ISBN-13: 978-3803132147