Lea Singer hat schon in früheren Büchern bewiesen, dass sie sich der künstlerischen Elite und differenzierter Themen in kritischen Betrachtungen anzunehmen weiß. Hier geht es um die Wissenschaften und im Besonderen um Grace Eder, eine erfolgreiche Neurowissenschaftlerin.
Weihnachten steht vor der Tür. Grace ist einsam, ihre Mutter leidet an Alzheimer, und Grace kommen trübe Kindheitserinnerungen. Ihre Herkunft war schlicht. Sie jedoch hat es weit gebracht. Da erhält sie die Einladung zum Weihnachtsabend zu einer so genannten Mäzenin ihres Instituts an der Universität - oder ist sie nur eine ruhmsüchtige Angeberin, die sich gerne mit Berühmtheiten umgibt?
Grace wird sogleich mit snobistisch dreinblickenden und angeberisch wirkenden Gästen bekannt gemacht. Alle Versuche von ihr, das Gespräch auf heitere Alltäglichkeiten zu lenken, scheitern. Grace empfindet die Gäste als lästige Emporkömmlinge, die sich gerne wissenschaftlich gerieren, in Wirklichkeit aber wenig Ahnung haben. Nur der Psychoanalytiker Richard Rosenthal interessiert sie. Das Thema steuert unweigerlich auf die existenzielle Frage zu: ist das Gehirn und damit unserer Emotionen durch chemische Zusammensetzungen unveränderbar programmiert und /oder gibt es eine wandelbare Seele? Die Frage nach einem Leben nach dem Tod schließt sich an.
Anzeige Softwarespezialisten, ein Literaturpapst, Möbeldesigner und schräge Vögel anderer Art geben den Eindruck wieder, dass sich hier wirklich eine unausstehlich eingebildete Gesellschaft zusammengefunden hat.
Grace entschwindet heimlich, um dann plötzlich im Auto hinter sich Lucie Brinkmann, die Gastgeberin des Abends, zu entdecken. Nun beginnt eine wahrlich abenteuerliche Geschichte, die zuweilen fast ins Surreale abgleitet.
Lucie will Grace aus ihrem Intellektuellenturm befreien und arrangiert eine Zusammenkunft mit einem wohngemeinschaftsgeschädigten jüngeren Mann, dessen Eltern die 68 Generation verkörperten. Grace sehnt sich nach der Erfüllung emotionaler Bedürfnisse. Von Friedrich Faltermaier, einem alternativen Gärtner und passionierter Naturfreund, fühlt sie sich sofort unwiderstehlich angezogen. Hier trifft Fortschritt auf eine Haltung des Bewahrens der Natur. Wie soll das zusammengehen? Die Verlockungen des einfachen Lebens führen Grace auf einen neuen Weg.
Lea Singer versteht etwas von der Gesellschaft und den Menschen und ironisiert sie mit passenden Beispielen.
Die Erzählung wird von Fragen der Neurowissenschaften einerseits, und von der Unvereinbarkeit weiblicher Wissenschaftler mit ihren emotionalen Bedürfnissen andererseits beherrscht. Verwirrt stellt der Leser fest, dass sich eine Tragödie ereignet. Wirklichkeit, Fantasie und Drogenrausch bestimmen zunehmend die Handlung. Psychodynamische Merkwürdigkeiten, die in der Erzählung auftauchen, lassen allmählich an einen kriminalistischen Psychothriller denken.
Die Hybris der Wissenschaft steht im Kontrast zur Demut vor der Allgewalt der Natur. Lucie Brinkmann ist die Marionettenspielerin, die im Hintergrund die Fäden zieht und ihre Figuren nach ihrem Gusto tanzen lässt. Der Mammon spielt dabei die entscheidende Rolle. Spielt Lucie Mephisto und ist Grace eine moderne Art von Faust?
Das Spiel sieht fast so aus.
Der Roman ist kompliziert und anspruchsvoll im Aufbau. An den Dialogen wird erkennbar, dass Lea Singer über ein profundes Wissen verfügt, um gesellschaftspolitischen Fragen gescheit und hintergründig nachzugehen. Das Komprimieren von tiefgründigen Gesellschaftsproblemen mit einer faszinierenden Romankonstruktion ist ausgezeichnet gelungen.
Der Roman kann als schlaue, gewitzte und geistreiche Anmerkung zur Zeitgeschichte angesehen werden!