Jan Costin Wagners neuer Roman ist ein beredtes Zeugnis über die Schuld des Schweigens
Was macht die Finnen bloß so merkwürdig melancholisch? Sind es die kurzen Sommer und die langen Winter. Oder blühen in der wunderbaren Seenlandschaft des Nordens die Neurosen einfach besser als anderswo auf der Welt. Sicher sind das nur Vorurteile und Klischees, die wir in den schrägen Filmen von Akis Kaurismäki oder den kuriosen Kompositionen von Mauri Antero Numinnen aufgeschnappt und nicht richtig verarbeitet haben. Eins scheint indes sicher. Von der Seen- und Seelenlandschaft dieser skandinavischen Nation geht etwas Unergründliches und Überraschendes aus. Dieser Eindruck drängt sich denn auch auf, wenn man Jan Costin Wagners ersten Roman Eismond und seinen ebenso genialen Nachfolger Das Schweigen gelesen hat.
Obgleich sich die tödlich endende Vergewaltigung eines 13-jährigen Mädchen überall auf diesem Globus ereignen kann, scheint Wagner ganz bewusst den Schauplatz dieses Verbrechens und seiner vermeintlichen Aufklärung in diesen Winkel Europas verlegt zu haben. Hier wirkt die Verschlossenheit und Verschwiegenheit fast aller Romanfiguren auch atmosphärisch am richtigen Platz. Nicht die Figuren, sondern ihr Schweigen spielen die Hauptrolle in einer Geschichte, die den Mörder des missbrauchten Opfers schon auf den ersten Seiten benennt. Es sind die fatalen Folgen und Facetten des Verschweigens, die Wagner mit einfühlsamen Worten beschreibt. Denn es gab einen untätigen Mitwisser, der im Gegensatz zum eigentlichen Täter in Gewissensnöte gerät, als 30 Jahre später ein ähnliches Verbrechen am gleichen Ort aufgeklärt werden soll.
Anzeige Der erfolgreiche Immobilienmakler und glückliche Vater zweier Kinder wird also plötzlich mit seiner damaligen Mitschuld und seinem moralischen Versagen konfrontiert. Alle Anläufe die Mauer seines Schweigens zu durchbrechen scheitern an der nicht mehr gut zu machenden Flucht vor der Verantwortung. Zwischen Schuld und Sühne schwankend, den Mörder und die Mutter des Mädchens aufsuchend, macht er sich verdächtig und führt den mittlerweile pensionierten Kommissar Ketola und dessen Assistenten Kimmo Joentaa auf seine Spur. Die des eigentlichen Täters hingegen wird dadurch immer blasser. Genau in Wagners gekonnten Spiel mit den Spuren liegt die Spannung dieses Krimis, der sich jedoch zu Recht als Roman ausgibt.
Denn Wagner geht es im Grunde nicht um die Verfolgung und Verhaftung des vermeintlich oder tatsächlich Schuldigen. Ihm geht es um den Umgang der Menschen mit ihrer Schuld, ihren Versäumnissen, die wie Steine auf ihrer Seele lasten. Diese Last tragen auch die Ermittler Ketola und Kimmo. Sie haben mit ihren ganz privaten Problemen zu kämpfen. Ketola schweigt über seinen psychisch kranken Sohn, Kimmo über den Tod seiner Ehefrau. Diese Erfahrungen machen beide zwar empfindsam für das Last des Schweigens und der Trauer, der Lösung des Falls bringt es sie dennoch keinen Schritt näher. Kein Wunder also, dass wir das Buch am Ende sprach- aber nicht gedankenlos zur Seite legen.