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Eine kurze Geschichte des Horrors, Teil 4 PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von André Stoiber, am 30-08-2007 11:00
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Ambrose BierceHorror Made in USA

Den Tod eines Säufers gestorben, bleibt Edgar Allan Poe vor allem in seiner Heimat lange Zeit ein verkanntes Genie. Erst über den Umweg Europa findet sein Werk breite Resonanz in den Vereinigten Staaten. So überrascht es nicht, dass es ein halbes Jahrhundert dauert, einige Werke Nathaniel Hawthornes einmal ausgenommen, bis mit Henry James und Ambrose Bierce zwei amerikanische Schriftsteller in Poes Fußstapfen treten.

Ein Zeitgenosse Poes und wie dieser Vertreter der "dunklen Romantik", verfasst Hawthorne beinahe ausschließlich Kurzgeschichten. Auch der von Poe bevorzugte Themenkomplex der düsteren Seiten der menschlichen Seele findet sich im Zentrum von Hawthornes Werk. Seine Geschichten sind Allegorien um Schuld, Sünde und Sühne, oft gespickt mit literarischen Querverweisen. So ist die Erzählung Rappaccinis Tochter/Rappaccini's Daughter (1844) gleichzeitig eine Geschichte von einem skrupellosen Wissenschaftler und eine Allegorie auf Dantes Göttliche Komödie. Weitere erwähnenswerte Werke sind Der junge Goodman Brown/Young Goodman Brown (1835), in dem sich Hawthorne mit seiner eigenen Familiengeschichte und den Hexenprozessen von Salem auseinandersetzt, und Das Muttermal/The Birthhmark (1843), ein Geschichte von der Suche nach äußerlicher Perfektion.

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Bitter Bierce

Fünfzig Jahre nach Poe und Hawthorne hält "Bitter Bierce", wie Ambrose Bierce aufgrund seines ätzenden Zynismus auch genannt wird, die Fahne der Horrorkurzgeschichte hoch. Bierce, der ausschließlich "short stories" verfasst, ist von seiner Teilnahme am amerikanischen Bürgerkrieg seelisch gezeichnet, der Schrecken des Krieges hat ihn verbittert, und ist zu einen kaum zu überschätzenden Einfluss auf sein literarisches Werk geworden. Dem Horror bleibt der Journalist und Kritiker Bierce über die Jahre treu, auch wenn er keine klassischen Schauergeschichten schreibt. Sein Horror ist der realistische Schrecken des Krieges, ein besonders einflußreiches Beispiel für Art und Thematik seiner Geschichten ist Zwischenfall auf der Eulenfluß-Brücke/An Occurrence at Owl Creek Bridge (1890), eine Erzählung die zahlreiche Nachahmer findet. Sie beginnt damit, dass Peyton Farquhar, ein Südstaatensympathisant, an der namensgebenden Brücke aufgeknüpft wird. Im Moment des Hängens reißt das Seil und ihm gelingt die Flucht. Auf seinem Weg durch die Nacht, mit Frau und Kindern als Ziel, hat er seltsame Erscheinungen, die er seinem sich verschlechternden Geisteszustand zuschreibt. Im Moment seiner Heimkehr spürt er einen plötzlichen Schmerz im Nacken, und der Leser erfährt, dass sich die Geschichte der Flucht in der Sekunde zwischen dem Sturz von der Brücke und dem Brechen des Genicks im Kopf Farquhars ablief.

1892 erscheint mit Tales of Soldiers and Civiliansein Sammelband mit Bierces Erzählungen des Horrors des amerikanischen Bürgerkriegs, nur ein Jahr später veröffentlicht er eine weitere Sammlung von Kurzgeschichten (Can Such Things Be?; 1892). Hierin finden sich zahlreiche weitere Beispiele seines lakonischen Horror: an dieser Stelle seien nur Der Tod von Halpin Frayser/The Death of Halpin Frayser (verfrachtet die Geschichte von Ödipus in ein Horrorsetting), Moxons Herr und Meister/Moxon's Master (eine frühe Robotergeschichte) und Das verfluchte Ding/The Damned Thing (SciFi-Horror) genannt.

Henry JamesDie Daumenschraube

Auch der Romantiker Henry James, ein Freund von Hawthorne, schrieb einige Geschichten, die dem Horrorgenre zuzurechnen sind. Neben seinen Gespenstergeschichten , die im Band The Ghostly Tales of Henry James versammelt sind, wurde James vor allem durch eine Novelle berühmt: Die Daumenschraube/The Turn of the Screw (1898). Von Anfang bis Ende der Geschichte steht in Zweifel, ob die Protagonistin die Wahrheit berichtet, oder ob sie geisteskrank ist (ein bekannterweise nicht unbeliebter Kniff). Sie erzählt von der Zeit ihrer Beschäftigung als Gouvernante, und über die seltsamen Vorkommnisse im Haus. Ihre zwei Schützlinge stehen der Frau zufolge unter dem Einfluss der  verstorbenen Dienstboten. Die Daumenschraube im Speziellen, aber auch James Gruselgeschichten im Allgemeinen stehen insbesondere hinsichtlich der äußeren Umstände (unheimliches Haus, Erscheinungen, Geister, etc.) in der Tradition der Gothic Novel, wobei bei ihm Geister und Gespenster eher Ausformungen des menschlichen Geistes darstellen, als eigene Gestalten sind.

Das gelbe Zeichen / The King in YellowEin weiterer Vertreter der amerikanischen Horrorliteratur des ausgehenden 19. Jahrhunderts ist Robert W. Chambers, ein Art "one-hit-wonder". Chambers verdankt seinen Ruhm beinahe ausschließlich dem Band Das gelbe Zeichen/The King in Yellow (1895), einer Sammlung von Kurzgeschichten, die "den Leser in den Wahnsinn treiben" sollen. Die Farbe gelb ist hierbei das Bindeglied der Kurzgeschichten, und steht für die Dekadenz in Kunst und Kultur zu Ende des Jahrhunderts. Ein ähnlich gelagerter Fall ist Francis Marion Crawford, Autor einer Vielzahl von Kurzgeschichten, darunter auch einige Horrorstories. Insbesondere Die obere Koje/The Uper Berth (1894), For the Blood is Life und The Screaming Skull (beide posthum 1911 erschienen) sind erwähnenswerte Zeugnisse seines Schaffens. 

Die Mischung machts - Britischer Horror

Trotz der Neuerungen, verkörpert durch das Werk Edgar Allan Poes und Sheridan Le Fanus, erweist sich die Gespenstergeschichte als beliebter und langlebiger Vertreter des Horrorgenres. So werden um die Jahrhundertwende in England unzählige Geistergeschichten geschrieben und veröffentlicht, darunter u.a. auch einige Werke Rudyard Kiplings, einer breiten Öffentlichkeit durch Das Dschungelbuch, bzw. dessen Disney-Version bekannt. Die gespenstische Rikscha/The Phantom Rickshaw (1885), Im Zeichen des Tieres/The Mark of the Beast (1890) und Sie/They (1904) sind nur einige von Kiplings, oftmals auf dem indischen Subkontinent spielenden, Horrorgeschichten.

Arthur MachenArthur Machen, von H.P. Lovecraft in seinem Essay Supernatural Horror in Literature (1927) als einer der modernen Meister des Horrors bezeichnet, verlässt den Bereich der klassischen Gespenstergeschichte um sich mit seinen atmosphärischen Geschichten den Mythen und Legenden der Kelten zuzuwenden. Das in den tiefen Wäldern von Wales lauernde alte Grauen steht im Fokus vieler von Machens Geschichten: er schreibt von Pankulten, in der Erde lebenden bösartigen Zwergenvölkern und Hexen. Zu seinen bedeutendsten Erzählungen zählen Die weißen Gestalten/The White People (1904), Der große Pan/The Great God Pan (1894) und der Band Botschafter des Bösen/The Three Impostors, der einige ältere Kurzgeschichten Machens miteinander verknüpft.

Zwei ebenfalls von Lovecraft geschätzte Autoren sind M.R. James und Algernon Blackwood. Das literarische Werk des Antiquars Montague Rhodes James, einem Experten auf dem Gebiet apokrypher Bibeltexte, besteht ausschließlich aus Gespenstergeschichten. Typische Elemente seiner Erzählungen, als James'sche Setting bekannt geworden, sind ein abgelegenes Dorf als Ort der Handlung, ein etwas naiver Gelehrter als Protagonist und ein altes Buch oder Relikt als Ausgangspunkt des (übernatürlichen) Bösen. Als Beispiele seiner mitunter zwar altmodischen, aber dennoch fesselnden und gruseligen Geschichten sind Pfeife, und ich komme zu dir, mein Freund/Oh, Whistel, and I'll Come to You, My Lad (1904), Der Schatz des Abtes Thomas/The Treasure of Abbot Thomas (1904) und Drei Tage Frist/Casting the Runes (1911) zu nennen.

Tales of the Uncanny and Supernatural - Algernon BlackwoodAlgernon Blackwood wiederum lebt ein wechselvolles und erfahrungsreiches Leben, bevor er mit 37 Jahren seine ersten Arbeiten veröffentlicht. Vor allem die Natur ist ein zentrales Thema seines literarischen Schaffens, seine unheimlichen Geschichten spiegeln darüber hinaus sein Interesse für Theosophie und Okkultismus wieder: die Kurzgeschichten sind durchzogen von der Erweiterung der Sinne und Geisteskräfte, von seltsamen Visionen und Grenzerlebnissen. Die weiteste Verbreitung findet Der Wendigo/The Wendigo (1910), der sich an einen Mythos der Algonquin-Indianer anlehnt. Außerordentlich hohe Qualität haben darüber hinaus die Kurzgeschichten Die Weiden/The Willows (1907), Der Horcher/The Listener (1907) undAncient Sorceries (1908) - alle auf einem Niveau, dass Algernons Romane nicht erreichen können.

Für eine Pfote voll Wünsche

Neben diesen äußerst produktiven Autoren, die eine Vielzahl bekannter Werken vorzuweisen haben, finden sich auch eine handvoll englischer "one-hit-wonder". An erster Stelle steht dabei William Wymark Jacobs, dessen Die Affenpfote/The Monkey's Paw (1902) sich bis heute (zumindest im angelsächsischen Kulturraum) allgemeiner Bekanntheit erfreut. Die Geschichte von den drei Wünschen, die die Pfote ihrem Besitzer gewährt, der dafür aber einen hohen Preis zu zahlen hat, ist zwar in der Zwischenzeit unzählige Male neu publiziert, verfilmt und parodiert worden, hat aber dennoch wenig von der ihr innewohnenden Kraft verloren. Jacobs gelingt es meisterlich, den Horror nur durch Andeutungen lebendig werden zu lassen. Die Vorkommnisse können zwar auf die Mächte der Affenpfote zurückzuführen sein, allerdings ist auch ein reiner Zufall nicht auszuschließen. Die Novelle Wie sich Liebe zu Professor Guildea schlich/How Love came to Professor Guildea (1900), eine Geschichte um einen verliebten weiblichen Geist, ist wiederum Robert Hichens bekanntestes Werk. Und Oliver Onions wurde bekannt durch seine 1911 verfasste Geschichte um einen Mann, der dem Geist eines Mädchens verfällt: Die lockende Schöne/The Beckoning Fair One.

Deutsche und französische Autoren des frühen 20. Jahrhunderts

Gustav MeyrinkBevor wir uns Science Fiction und "cosmic horror" zuwenden, noch ein kurzer Abstecher nach Westeuropa. In der turbulenten Zeit zwischen Kaiserreich und Zweitem Weltkrieg finden sich einige interessante deutschsprachige Autoren. Allen voran Hanns Heinz Ewers, der später noch eine recht fragwürdige Rolle im Dritten Reich spielen sollte. Zweifellos ist in vielen seiner Geschichten ein Hang zum Sensationalismus vorhanden, Splatterelemente und Sex geben sich die Klinke in die Hand. Ewers Popularität ist dieser Umstand jedoch mehr als zuträglich. Aus einem qualitativ sehr durchmischten Werk ragen die Kurzgeschichten Die Spinne (1908), eine erotisch aufgeladen Novelle um eine Femme fatale, und Der Zauberlehrling (1910) heraus. Eine weite Verbreitung fanden auch die Schriften von Gustav Meyrink, ein Freund von Mystik und Theosophie, der in seinem Werk oftmals dem Sinn des menschlichen Daseins nachgeht. Sein bekanntestes Werk, Der Golem (1915), entwirft vor dem Hintergrund der jüdischen Sage vom Golem (einem im Prag des 16. Jahrhunderts vom Rabbi Löw aus Lehm geschaffenen Wesen) eine Traumwelt. Erwähnenswert sind darüber hinaus Karl Hans Strobl, der 1917 mit Lemuria einen Sammelband phantastischer Geschichten veröffentlicht, und Leo Perutz, der in seinen Werken Der Meister des Jüngsten Tages (1923) und St. Petri-Schnee (1933) halluzinogene Drogen thematisiert.

Erik, Das Phantom der OperVon den französischen Autoren der Zeit schreiben unter anderem Maurice Renard und Gaston Leroux unheimliche Geschichten. Für Jahrzehnte beinahe völlig vergessen, erfährt Renards Science Fiction-Horror in den 60ern ein kleines Comeback. Der 1920 veröffentlichte Roman Orlac's Hände/Les mains d'Orlac handelt von einem Pianisten, dem die Hände eines hingerichteten Mörders transplantiert werden, und der in Folge selbst zum Mörder wird - ein Motiv, dass in den folgenden Jahren noch öfter in der Horrorliteratur Verwendung findet. Beispielhaft für Renards unheimliche Kurzgeschichten ist Das Stelldichein/Le rendez-vous von 1909. Gaston Leroux, obwohl dem Namen nach eher unbekannt, schreibt 1910 mit Das Phantom der Oper/Le fantôme de l'opéra eine Gothic Novel, die durch Verfilmung und Musicaladaption eine weit über das Buch hinausgehende Popularität gewinnt.

Auch in Belgien wird guter Horror geschrieben, wie Jean Ray (eigentlich Raymundus Joannes Maria de Kremer) beweist. Er verfasst zahllose Kurzgeschichten, gerät jedoch nach dem 2. Weltkrieg vorübergehend in Vergessenheit. Malpertuis (1943) und Die Gasse der Finsternis/La ruelle ténébreuse (1942) sind zwei Geschichten, die den Horror der Architektur (bösartige, lebende Häuser, Gebäude, etc.) und den aus Parallelwelten kommenden Horror Jean Rays geradezu prototypisch verkörpern. Bekanntheit erlangt er vor allem durch Truffauts Verfilmung von Malpertuis.

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  • Lesen Sie nächsten Donnerstag im fünften Teil der "kurzen Geschichte des Horrors":

The Horror That Shall Be - Science Fiction und kosmischer Horror

H.G. Wells, der mit seinen Frühwerken Die Zeitmaschine, Der Unsichtbare und Der Krieg der Welten den klassischen Science Fiction-Roman "erfand", verfasst Ende des 19. Jahrhunderts auch einige Science Fiction-Geschichten mit Horrorelementen. Die einzige, die sich bis heute einiger Bekanntheit erfreut, ist der 1896 veröffentlichte Roman Die Insel des Dr. Moreau/The Island of Doctor Moreau. Während Dr. Moreau mit Tieren experimentiert, die er zu Wesen halb Mensch halb Tier heranzüchtet, erwacht in dem Erzähler mehr und mehr die Überzeugung, das seine Mitmenschen selbst lediglich oberflächlich zivilisierte Bestien sind.





Letztes Update: 13-09-2007 10:26

Veröffentlicht in : Magazin, Specials
Schlüsselworte : Horror, Hawthorne, Bierce, Malpertuis, Jean Ray, Orlac, Phantom der Oper, Renard, Meyrink, Ewers, Guildea, Affenpfote, Wendigo, Blackwood, M.R. James, Arthur machen, Pan, Kipling, Henry James
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