Bücher über Musiker zu schreiben gleicht oft dem Versuch, einem Blinden Farben erklären zu wollen - die Musik kann gut für sich selbst sprechen, und die Abhandlungen über die Musiker gleichen nur allzu oft sich seitenlang wiederholenden Lobhudeleien, durchsetzt mit enzyklopädischem Detailwissen, das die Welt nicht braucht. Gleichwohl behaupten Klappentexte von Musikerbüchern mit konstanter Sturheit, dass dieses eine Buch garantiert ganz besonders und ganz anders als alle anderen bisher da gewesenen sei. So wird auch das vorliegende Exemplar als "Meta-Kunstwerk, das in der Musikliteratur seinesgleichen sucht", bezeichnet. Höher kann man die Messlatte kaum legen.
Denn nur weil Tori Amos eine exzellente Pianistin, Sängerin und Komponistin ist, muss nicht automatisch auch ein Buch über sie exzellent sein. Immerhin: dass die Künstlerin als Erst-Autorin genannt wird, lässt erahnen, dass dieses Buch über die lauen Ergüsse eines Fans hinausgeht. In acht Kapiteln beleuchten Amos und ihre Co-Autorin, die Musikjournalistin Ann Powers, das Leben und die Arbeit der Künstlerin.
Gerade das erste Kapitel läuft dabei etwas aus dem Ruder. Dass Amos Vorfahren einerseits Indianer, andererseits stark religiöse Christen waren, mag für ihre Musik und vor allem für ihre Texte an mancher Stelle relevant sein. Doch die ausufernde Abhandlung der gesamten Stammesgeschichte gerät dann doch etwas langatmig und lässt für den Rest des Buches schlimmes ahnen. Doch diese Ahnung erweist sich schnell als unbegründet.
Anzeige Hat man sich einmal durch den etwas zähen und stellenweise auch einigermaßen wirren Teil über Amos Vorfahren gequält (oder ihn einfach überblättert), so öffnet die Musikerin gemeinsam mit ihrer Co-Autorin in den folgenden Kapiteln eine Schatzkiste an Einblicken in ihr Schaffen. Man erfährt von dem aufwändigen Prozess, in dem Amos ihre Kompositionen erarbeitet, von den Einflüssen ihrer Mit-Musiker und von den Hintergründen, die die einzelnen Alben geprägt haben. Umgekehrt kommen auch die Bandmitglieder und Produzenten zu Wort und steuern ihre Erfahrungen in der Arbeit mit Amos bei. Dass es dabei nicht immer chronologisch zugeht, erschwert zwar die Lektüre, aber dennoch bleiben interessante Einblicke in Amos Arbeit.
Auch Berichte über das Leben auf Tour und Erfahrungen mit Manager-Haien von Plattenfirmen sind Teil des Buches. Die Erzählung über Amos Auseinandersetzung mit der Firma Atlantic, die sich weigerte, Werbung für die CDs der Musikerin zu machen und dennoch auf die Erfüllung des Vertrags um weitere drei Platten pochte, liest sich spannend wie ein Wirtschaftskrimi. Und Amos Schilderungen des Tourens mit ihrer kleinen Tochter Natashya sind ein Plädoyer für die Vereinbarkeit von Mutterschaft und Karriere, auf das Ursula von der Leyen stolz wäre, aber die liest wahrscheinlich lieber Bach- und Haydn-Biographien. Abgerundet werden alle Kapitel durch eingestreute „Songgemälde“, Beschreibungen, wie die Ideen zu einzelnen Stücken zustande gekommen sind.
Seelentanz ist ein facettenreiches, schillerndes Buch über eine außergewöhnliche Musikerin. Zwar sind die Passagen, die Amos selbst beigetragen hat, oft blumig und metaphernreich geschrieben und daher nicht immer ganz leicht zu lesen, dafür erfährt man viel lesens- und wissenswertes aus erster Hand. Etwas mehr Sorgfalt hätte man jedoch bei der Überarbeitung des Buches walten lassen können: die vielen chronologischen Sprünge und die nicht immer passenden Einarbeitungen der Beiträge anderer Personen, Freunden und Mitmusikern, stören zum Teil erheblich den Lesefluss. Ein "Meta-Kunstwerk", wie hochtrabend im Klappentext angekündigt, ist das Buch zwar nicht - aber immerhin ein solides, gut recherchiertes Sachbuch über die Musikerin Tori Amos.
Tori Amos und Ann Powers Seelentanz Übersetzt von Michael Schübeler
I.P.Verlag Jeske/Mader, 2007
256 Seiten, broschiert, 19,90 Euro
ISBN-10: 3931624420
ISBN-13: 978-3931624422