Sinnsuche ist angesagt in diesen schweren Zeiten, Einkehr und Kontemplation stehen hoch im Kurs. Wer also auf der flotten Woge des Zeitgeistes möglichst oben mitschwimmen möchte, der verbringe stille Wochenenden in einem abgeschiedenen Kloster. Noch angesagter ist allerdings die inzwischen gut organisierte Pilgerreise auf dem Jakobsweg bis nach Santiago de Compostella.
Unter dem Jakobsweg wird in erster Linie der sogenannte Camino Francès verstanden, eine Hauptverkehrsachse von den Pyrenäen nach Nordspanien. Das Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostella entwickelte sich im Mittelalter zu einem der Hauptziele der christlichen Pilgerfahrt. Das hielt bis in das 18. Jahrhundert an, dann wurde es ziemlich still um den Jakobsweg. 1982 besuchte Papst Johannes Paul II. den Wallfahrtsort und rief die Gläubigen in Europa dazu auf, die spirituellen Wurzeln zu beleben. Die ließen sich nicht lange bitten und seitdem 1987 der Europarat den Weg zum ersten europäischen Kulturweg erklärte, gibt es kein Halten mehr. Rund 200.000 Pilger werden inzwischen auf dem Jakobsweg gezählt, sie kommen zu Fuß, auf Krücken, mit dem Fahrrad, auch mit Rollerskates oder mit dem Rollstuhl. Und alle, so scheint es, schwärmen von der Besinnung auf sich selbst. Dabei haben sie nichts Eiligeres zu tun, als ihr Innerstes für die Lesenden nach außen zu kehren und die Schweißtropfen mit anderen zu teilen.
Auch der 1973 in Frankfurt geborene Felix Bernhard war auf einem Weg der Jakobspilger unterwegs, „Dem eigenen Leben auf der Spur“ und er lässt andere in schlichtem Text und einigen netten Fotos daran teilhaben. Sein Weg führte ihn vom Süden in die Pilgerstadt, von der Via de la Plata in Sevilla nach Santiago. Streng genommen wird diese Etappe nicht als Jakobsweg bezeichnet, aber wen interessiert das schon, wenn es um einen Trend und das Ziel geht.
Anzeige Der junge Bankangestellte hat dafür seinen Jahresurlaub geopfert und er ist unter erschwerten Bedingungen mit dem Rollstuhl unterwegs. Seit einem Motorradunfall kurz nach seinem Abitur ist er ab dem 5. Brustwirbel gelähmt. Doch Bernhard verwendet den Begriff „gehen“, wenn er von seiner Tour erzählt und meint damit das Antreiben seines Rollstuhls mit den Händen. Dazu nutzt er spezielle Handschuhe, die allerdings schnell schlapp machen, obwohl er wegen der besseren Geschmeidigkeit immer wieder hineinpinkelt. Statt Blasen an den Füßen, hat er Wunden und Schwielen an den Händen. Die hören allerdings auf, nachdem er einen Amethyststein, von einer Freundin als Glücksbringer mit auf den Weg gegeben, ahnungsvoll zerschmettert hat. Felix Bernhard will nicht nur seine Beweglichkeit unter Beweis stellen, sondern auch dem Glauben auf die Spur kommen. „Gott macht frei“, grüßt er Weggefährten, die ihm unterwegs begegnen.
Kein Zweifel, dem jungen Mann gelingt eine großartige Leistung. Er muss Bachläufe überqueren, mit seinem Rollstuhl irgendwie über die den Weg blockierende Felsbrocken kommen, Treppenstufen überwinden und sich manche Steigung hinaufquälen. Immer wieder muss er in der glühenden Hitze anhalten, um die Reifen seines Gefährts mühsam zu flicken. Er begegnet unterwegs vielen Menschen, die ihm freundlich und selbstverständlich helfen, staunend über seinen Mut und seine Entschlossenheit. Ein lokaler Radiosender berichtet über seine Erfahrungen.
Wie bei anderen Pilgern auch, schwankt seine Stimmung zwischen Euphorie und bleierner Unlust. Er leidet Durst und kann es abends kaum erwarten, bis das tagsüber erträumte kühle Bier realiter vor ihm steht. Manchmal ist ihm zum Aufgeben zumute, dann wieder fährt er mit dem Gefühl von Freiheit die Abhänge hinab.
Bernhard trifft andere Pilger, diskutiert mit ihnen über Behinderung und er beschreibt seine einzelnen Etappen bis ans Ziel. Doch zum Lesen braucht es Durchhaltevermögen wie sicherlich für eine Tour in Rollstuhl. Bernhard ist kein Schreiber, kein Erzähler, er vermag keine Spannung zu erzeugen, keine Neugier zu wecken. Weder die Städte und Dörfer, die er durchquert, atmen Atmosphäre, noch haben sie Gesicht und Leben in sich. Auch die Menschen, denen er begegnet, haben keine Konturen, wirken nicht lebendig. Oberflächlich plätschert der Text dahin wie ein eher trübes Rinnsal. Er notiert, dass ein Bauer am Wegrand ihm Melonen und Tomaten geschenkt habe und stellt fest, dass er in Frankfurt schon lange kein frisch geerntetes Obst oder Gemüse mehr gegessen habe. Plattitüden pflastern das Buch wie Steine den Jakobsweg.
„Der Jakobsweg ist so breit wie lang, jeder muss seinen eigenen finden und gehen. Die Gründe, sich auf den Weg zu machen, sind für jeden Pilger andere.“, schreibt er und wir freuen uns mit ihm, bald am Ziel zu sein. Dazwischen garniert er die Texte mit englischen Zitaten von Songs, die ihm durch den Kopf gehen, aber auch da entsteht keine Musik und es bleibt der ewig gleiche und monotone Langweilerton. Nach 36 Tagen hat Felix Bernhard viele Strapazen und gewaltige Anforderungen hinter sich gebracht. Am Cap Finistere mit der Kilometermarkierung 0.00 für den Jakobsweg lässt er seine durchgescheuerten Handschuhe liegen. „Ich bin frei“ schreibt er und auch wir sind erlöst.
Felix Bernhard Dem eigenen Leben auf der Spur. Als Pilger auf dem Jakobsweg Scherz, 2007
219 Seiten, gebunden, 18,90 Euro
ISBN-10: 3502150931
ISBN-13: 978-3502150930