Andrea Maria Schenkel setzt in Kalteis erneut auf die Poesie des Dokumentarischen
„Was ich so am liebsten mach? Mit dem Radl fahr ich am liebsten rum. Die Landschaft schau ich mir an und die Frauen natürlich,“ gesteht Josef Kalteis, als er 1939 von der Polizei zu seinen Freizeitaktivitäten befragt wird. Die Polizeigeschichte und natürlich auch Andrea Maria Schenkel weiß, dass dies nur die halbe, verharmloste Wahrheit ist. Josef Kalteis, der in Wirklichkeit Johann Eichhorn hieß und ein einfacher Bahnangestellter war, schaute dem schönen Geschlecht nicht nur hinterher. Über 90 Frauen hat er vergewaltigt, fünf getötet und aufs Grausamste verstümmelt. Ein Serienmörder, wie er im kriminalistischen Lehrbuch stand und jetzt in Schenkels neuestem Roman steht. Von Trieben gesteuert, seine unglaubliche Schuld sofort verdrängend und leugnend.
Wie in ihrem erfolgreichen Erstling Tannöd protokolliert die Autorin auch in Kalteis die Last der menschlichen Leidenschaften und Sehnsüchte. Atmosphärisch kühl, aber nie gefühllos zeichnet sie abermals die Schicksalswege von Opfern und dem Täter nach. Aktennotizen, Zeugenaussagen, Vernehmungen, Monologe und die letzten Tage und Stunden der Mordopfer verdichtet sie zu einer poetischen Dokumentation von Straftaten, die keinem rationalen Motiv folgen. Aber nicht allein das Unerklärliche oder Unfassbare dieser Verbrechen fesseln den Leser. Was ihre bewusst mit der konventionellen Kriminalliteratur brechenden Romane auszeichnet, ist und bleibt die erschütternde Nüchternheit, mit der die Hoffnungen und Enttäuschungen der Protagonisten verfolgt werden. Kein kombinierender Kommissar, der das Leben der Opfer und die Motive der Täter in den Hintergrund drängt. Kein klassischer Whodunit, in dem die Aufklärung des Falls im Vordergrund steht.
Anzeige Denn in Kalteis muss nach dem Täter nicht mehr gefahndet werden. Gleich auf den ersten Seiten werden wir Zeuge seiner nur 17 Sekunden währenden Hinrichtung: „Der Nachrichter zieht den Sperrhebel. Das Messer fällt herunter, trennt den Kopf vom Rumpf“, heißt es in Schenkels knapper Sprache. Ebenso präzise wie dicht erzählt sie danach von Kathie, Kuni, Herta oder Erna, die zwischen 1934 und 1939 in die brutalen Fänge des „Schreckens des Münchner Westens“ geraten sind.
Der knapp 20-jährigen Kathie Hertl, die vom Lande auszog, um im München der trostlosen Dreißiger ihr Glück zu suchen und schließlich am Rande der Großstadt ihr Ende zu finden, gilt Schenkels Hauptaugenmerk. In diesen weitgehend frei erfundenen Passagen sind vielleicht schon die „Fingerübungen“ für ihr drittes, rein fiktives, und wesentlich umfangreicheres Romanprojekt erkennbar. Obwohl sie sich gerade hier nicht auf Akten und sonstige Aufzeichungen stützen kann, findet sie den richtigen Ton und stimmige Bilder für die Suche des naiven Mädchens nach dem schnellen Glück.
Gänzlich unsentimental beobachtet und schildert sie Kathies ebenso schnellen Absturz in das Halbwelt-Milieu und die Gelegenheitsprostitution. Von der Gegenüberstellung der Gefühls- und Lebenswelten ihrer Alltagsfiguren lebt auch diese dokumentarische Kriminalerzählung, die nicht mit den abscheulichen Details der Gewaltverbrechen geizt. Schenkel weiß mit der Schilderung perverser Sexual- und Tötungspraktiken zu schocken, aber nicht um der makaberen Sensation willen. Sie beleuchtet in ihren Kriminalchroniken vielmehr den schmalen Grat zwischen heiler und kaputter Welt. Diese scharfsinnig beobachteten und beschriebenen Kontraste vergangener Alltagswelten sorgen auch in Kalteis für seriöse Spannung, der trotz großer Kunstfertigkeit nichts Konstruiertes anhaftet. Umso gespannter dürfen wir sein, wenn Andrea Schenkel beim nächsten, für 2009 anvisierten Roman statt bearbeiteter Fakten erarbeitete Fiktionen sprechen lässt.