Er wird Knud, das Schwein gerufen!
Und Papa Schneider, sein Großvater, macht ihm Angst.
In seinen Erinnerungen, die magische Zeiten der Zerstörung an Leib und Seele heraufbeschwören, erzählt Knud Romer seine Familiengeschichte. Sie umfasst das gesamte vergangene Jahrhundert. Da gab es mehr Leid als Freude!
In lakonischen, kurzen Sätzen, die der Kargheit der dänischen Landschaft entsprechen, wird ein Kapitel deutsch-dänischer Geschichte aufgeschlagen, das durch Feindseligkeit und Ablehnung gekennzeichnet war.
Knud ist als Kind deutsch-dänischer Eltern geboren, die sich in den Kriegswirren gefunden haben und zu überleben versuchten. Der Vater ist ein pedantischer, zwanghafter und von Sicherheitsbedürfnis und Ordnung geprägter Charakter. Die Mutter, eine Deutsche, wurde schon als Kind von frühen Verlusten getroffen.
Wie aber hat alles begonnen?
Die Großeltern väterlicherseits sind arme Schlucker gewesen. Alle großartigen und aufgeblähten Pläne des Großvaters endeten im Nichts. Eine Pleite folgte der anderen. Zuletzt sitzt er nur noch auf einer Bank, und schaut den Zügen hinterher - ins Leere!
Anzeige Das behütete Zuhause der Mutter zerbricht, als der Vater viel zu früh stirbt. Die Großmutter gab aus Not dem Werben eines Mannes nach, Papa Schneider wird er genannt. Ihm sind die Schmisse ins Gesicht geschrieben und Granatsplitter wachsen aus seiner Haut. Seine Mutter wird als kleines Mädchen zu bigotten und religiös-fanatischen Verwandten in Pflege gegeben bis das neu vermählte Paar ein erstes eigenes Kind bekommen hat.
Als Kind einer deutschen Mutter wird Knud verhöhnt und verlacht bei seinen dänischen Mitschülern, weil er deutsche Manieren und Gewohnheiten zeigt und eine Kleidung trägt, die ihn zum Außenseiter stempeln. Deutsche Frauen galten in Dänemark als suspekt und verräterisch, sie wurden auch als Hitlerliebchen betitelt. Ironie des Schicksals: der Verlobte der Mutter war als Kommunist von den Deutschen hingerichtet worden. Sie musste fliehen, um nicht in den Strudel des Untergangs hineingezogen zu werden.
In den desolaten Familienzeugnissen bietet einzig die Mutter ein Bild der Güte. Die beständige Liebe zwischen den Eltern bleibt überraschend für einen Sohn, der sich in den Netzen einer Familiensaga verfangen hat, in der es von Verlierern und sich gegenseitig zerstörenden Gestalten nur so wimmelt.
Für Knud bedeutet das Leben in Dänemark von Geburt an nur Qual und Einsamkeit. Der kleine Ort Nykobing blieb für die Kleinfamilie ein Ort der Fremde und des Ausgeschlossenseins.
Knud Romer hat den Mut gefunden, über seine Erlebnisse zu berichten. Seine Familiengeschichte spiegelt ein Jahrhundert wieder, in dem außer den charakterlichen Eigenheiten der Menschen die Kriegsfolgen zweier Weltkriege das Leben in unvorhersehbare Bahnen abdriften ließ. Berlin zu Ende der dreißiger Jahre, als die Mutter dort studierte, die Nachkriegszeit mit ihren Jazzklängen, wechselnden Bezugspersonen und Aufenthaltsorte: alles wird in einem knappen Stil vorgetragen, der einer gewissen Komik nicht entbehrt.
Mit ernsten, amüsanten und ironischen Worten charakterisiert Knud Romer die einzelnen Figuren seiner Familie. Nichts wirkt larmoyant oder tränenreich. Mit viel Sinn für skurrile Charaktere ist eine Geschichte entstanden, die einzigartig in ihrer Tragik, dem Humor und der drögen Ehrlichkeit ist, mit der Romer sein Leben und das seiner Familie kritisch unter die Lupe genommen hat. So ist ihm ein bewegender Roman gelungen.
In Dänemark hat das Buch einen Skandal ausgelöst, weil endlich einmal beim Namen genannt wurde, was lange unter der Decke des Schweigens verborgen blieb: eine unausgesprochene Feindschaft, in der sich die beiden Völker verfangen hatten.
Der Autor ist ein hervorragender Werbefachmann in Dänemark. Nach einem Absturz in den Alkohol hat er mit seinem Debütroman einen Akt der Befreiung feiern können.