Zum zweiten Mal präsentiert Lars Peter Lueg in Zusammenarbeit mit Frank Festa ein Hörbuch mit den „besten Horrorgeschichten der Welt“. Die Auswahl erweist sich als recht abwechslungsreich und versammelt Autoren vom Anfang bis Ende des 20. Jahrhunderts.
William Hope Hogson: Die Stimme in der Nacht (1914, The Voice in the Night), gelesen von Helmut Kraus (der Stimme von Marlon Brando & Samuel L. Jackson)
Ein Handelsschiff dümpelt durch nebelverhangene Gewässer, als ein Mannschaftsmitglied eine Stimme aus der Dunkelheit der Nacht vernehmen. Ein Mann in einem kleinen Ruderboot bittet den Matrosen um etwas Proviant, weigert sich aber, näher ans Schiff zu kommen und sich im Licht der Laternen zu zeigen. Lediglich etwas Proviant, mehr will er nicht für sich und seine Frau, mit der er auf einer kleinen Insel festsitzt. Verlassen will, kann, ja kann er die Insel jedoch nicht, wie er dem Matrosen erklärt...
Kritik
Hodson hat mit Die Stimme in der Nacht eine klassische Gruselgeschichte geschrieben, die mittlerweile schon fast einhundert Jahre alt ist. So bietet die Geschichte zwar wenig Überraschungen, weiß aber durch eine tolle Atmosphäre zu überzeugen. Man fühlt sich geradezu in die endlosen Weiten des Ozeans versetzt. Die tiefe Stimme von Helmut Kraus verleiht dem gebrochenen alten Mann (einen Rest an) Leben, der Sprecher passt wirklich wunderbar zur düsteren und hoffnungslosen Stimmung der Geschichte.
Anzeige Kim Newman: Der Mann, der Clive Barker sammelte (1990, The Man Who Collected Barker), gelesen von Marianne Groß (der Stimme von Anjelica Huston)
Ihr Auftrag führt die Privatdetektivin Sally Rhodes zu David Ringham, einem Sammler von Pulp-Horror. Einige geschickt in die Konversation eingestreute Namen, und der Sammler ist nur zu gerne bereit, ihr Einblicke in seine eindrucksvolle Sammlung zu gewähren. Einen besonderen Narren hat Ringham an Clive Barker, dem Autoren der Bücher des Blutes, gefressen. Alle Werke besitzt er in der Erstausgabe, „komplett mit persönlicher Widmung, Zombie-Karikatur und totem-Baby-Witz“. Eine Ausgabe der Bücher des Blutes ist sogar in Menschenhaut gebunden. Als er das Herzstück seiner Sammlung hervorholt, wird Sally Rhodes klar, warum Clive Barker verschwunden ist...
Kritik
Eine bitterböse Satire auf Fandom und Sammelwahn bietet sich mit Kim Newmans Der Mann der Clive Barker sammelte. Der wahnsinnige Sammler und sein Archiv des Horrors trifft den Geschmack der Freunde des skurrilen Humors – Spannung und Horror jedoch sind eher Mangelware. Insgesamt eine durchaus amüsante und unterhaltsame Geschichte, die den Zuhörer eher amüsiert als erschreckt.
Paul Busson: Rettungslos (1903), gelesen von Lutz Riedel (der Stimme von Timothy Dalton)
Der namenlose Erzähler liegt in seinem Sarg, doch tot ist er nicht - noch nicht. Nur scheintot, denn obwohl seine Sinne voll und ganz funktionieren, kann er nicht einen einzigen Muskel in seinem Körper bewegen. Zwei Tage lang verfolgt er die Vorbereitungen zu seiner eigenen Beerdigung. Doch sein Körper gehorcht ihm nicht, hilflos muss er miterleben, wie er in sein dunkles Grab herabgelassen wird.
Kritik
Rettunglos ist der Protagonist der kurzen Geschichte von Paul Busson, einem eher unbekannten österreichischen Autoren der Jahrhundertwende. Obwohl an der hoffnungslosen Situation kein Zweifel aufkommt, fehlt der Geschichte das Besondere. Trotz der ausgezeichneten Sprechleistung von Lutz Riedel will einfach keine wirklich klaustrophobische Stimmung aufkommen. Kein Reinfall, aber letztlich doch eher Füllstoff.
H. P. Lovecraft: Der Außenseiter (1926, The Outsider), gelesen von David Nathan (der Stimme von Johnny Depp)
Der namenlose Erzähler lebt in einem verlassenen Schloss, allein. Er war immer schon allein, zumindest kann er sich an keinen anderen Menschen erinnern - Ratten und Spinnen sind seine einzigen Gefährten. „Draußen schien nie die Sonne“, denn das Schloss ist umgeben von Bäumen, die bis in den Himmel wachsen. Um seine ewig dauernde Einsamkeit zu überwinden, erklettert der Protagonist den schwarzen Turm, der über den Himmel hinausreicht, findet dort ein zweites Schloss voller Menschen. Das Aufeinandertreffen verläuft jedoch anders als gedacht...
Kritik
In der Frühphase seines Schaffens entstanden, fehlt Lovecrafts Der Außenseiter die Komplexität seiner späteren Werke. Dennoch weiß die autobiographisch angehauchte Erzählung zu unterhalten, nicht zuletzt aufgrund des professionellen Vortrags des Hörbuchveteranen David Nathan. Die Erzählung lebt von der Melancholie des Erzählers und der traumhaften Welt, in der er lebt.
S. P. Somtow: Summertime (1996, Fish are Jumping, and the Cotton is High), gelesen von Torsten Michaelis (der Stimme von Wesley Snipes)
Für Jody gibt es nichts Schöneres, als im Sommer mit seinem Vater Fischen zu gehen. Mit dabei ist auch seine Großmutter. Ein echtes Familienidyll, falls Oma noch am Leben wäre. Und wenn die beiden Hobbyfischer tatsächlich nur Angeln gehen würden. Ihre Fische finden die beiden jedoch auf dem Straßenstrich – verlorene Seelen, die Jody und sein Vater erlösen wollen, ja erlösen müssen - handeln sie doch im Auftrag des Herrn. Und es gibt viele verlorene Seelen, die ihrer Hilfe bedürfen. Alles läuft bestens, bis sie auf einen Fisch treffen, der selbst ein Köder ist.
Kritik
Einen grandioseren Abschluss für Necrophobia als S. P. Somtows Summertime hätte sich kaum finden lassen! Ein durch und durch dreckiges und hinterhältiges Stück Horror, dass von Anfang bis Ende zu fesseln weiß. Komponist und Autor Somtow versteht es, den kranken Wahnsinn der beiden Menschenfischer vor dem Auge des Hörers Realität werden zu lassen - die ausgezeichnete Leistung von Torsten Michaelis tut dabei ihr Übriges. Südstaatenhorror vom Feinsten!
Gesamteindruck
Vom Horrorklassiker aus der Feder Lovecrafts bis zum Splatterpunk Somtows finden sich die unterschiedlichsten Horrorgeschichten auf dem Hörbuch. Auch wenn nicht alle Geschichten das Niveau von Somtows Meisterwerk erreichen, so sorgen tadellose Produktion und die wie immer ausgezeichnete Auswahl an Sprechern für zweieinhalb Stunden Hörvergnügen.