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Eine kurze Geschichte des Horrors, Teil 3 PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von André Stoiber, am 23-08-2007 11:00
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Carmilla, der VampirDie Erben der Gothic Novel - Horror im 19. Jahrhundert

Während Edgar Allan Poe in den Vereinigten Staaten dabei ist, die neue literarische Form des Horrors, die "short story", zu perfektionieren, wird die Gothic Novel das Antlitz des literarischen Horrors in der Alten Welt noch lange bis ins 19. Jahrhundert bestimmen. Doch auch in Europa wenden sich die Autoren langsam aber stetig von Form und Inhalt des gotischen Schauerromans ab. Neue Themen bereichern das Genre, das klassische Schlossgespenst kommt langsam aus der Mode.

Das soll allerdings nicht heißen, dass Geistergeschichten bei den Lesern aus dem 19. Jahrhundert unpopulär sind - The Ingoldsby Legends, eine Sammlung von Mythen, Legenden und Geistergeschichten (Erstveröffentlichung 1837), erweisen sich als ungeheuer erfolgreich. Zur gleichen Zeit erblicken die ersten Science Fiction-Geschichten mit Horrorelementen das Licht der Welt, und der legendenumrankte Vlad Tepes verschmilzt mit dem Mythos des blutsaugenden Vampirs und der wahrscheinlich bekannteste Protagonist des Horrorgenres entsteht: Graf Dracula. Währenddessen findet in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein Wandel der Form der Horrorgeschichte statt, der Roman ist nicht mehr die ausschließliche Form des Horrors. Es kommt zu einem Nebeneinander von Roman und Kurzgeschichte, wobei die „short story“ immer mehr an Bedeutung gewinnt. Interessant auch die Veränderung auf personeller Ebene: Während zu Beginn des Jahrhunderts noch der Byron'sche Held als Vorzeigebösewicht dient, gewinnt ab Mitte des Jahrhunderts der Typus der Verführerin, des Dämons in Frauengestalt an Bedeutung und gibt der Rolle der Frau im Horror eine weitere Dimension.

Vom Vampir zum Supermenschen – der Aufbruch der englischen Horrorliteratur in ein neues Zeitalter

Eine besondere Stellung unter den englischen Horrorautoren nimmt der in Dublin geborene Joseph Sheridan Le Fanu ein. Nicht ohne Grund wird er oftmals als englischer Gegenpart zu Edgar Allan Poe bezeichnet. Seit den späten 30er Jahren verfasst Le Fanu über den Zeitraum von fast vierzig Jahren dutzende Kurzgeschichten und Novellen. Zwar ist seine Vampirgeschichte Carmilla, der Vampir/Carmilla (1872), die Hauptquelle seines bis zum heutigen Tag reichenden Ruhms, sein literarisches Gesamtwerk geht jedoch über das Horrorgenre hinaus.

Joseph Sheridan Le FanuCarmilla, der Vampir ist heutzutage nur unter Freunden des klassischen Horrors bekannt, ein anderes Werk aber, dass sehr stark von Le Fanu beeinflusst wurde, dürfte kaum jemanden fremd sein: Bram Stokers Dracula (1897). Die namensgebende Carmilla, und wird in Folge eines Kutschenunfalls im Schloss eines ehemaligen Generals einquartiert. Carmilla scheint jedoch eine Schlafwandlerin zu sein, in der Nacht aktiver als am Tage. Auch übt sie auf Laura, die Tochter des Generals, einen unheimlichen Einfluss aus, Laura scheint ihr geradezu verfallen. Mit der Figur der Carmilla fügt Le Fanu dem Vampirmythos ein weiteres Element hinzu, das bis heute ein fester Bestandteil des Genres geblieben ist: den lesbischen Vampir (der sich aus naheliegenden Gründen insbesondere im Bereich der B-Movies einer besonders großen Beliebtheit erfreut). Weiterer Fixpunkte der englischen Horrorliteratur des 19. Jahrhunderts sind Le Fanus 1864 erschienene Geschichte Onkel Silas oder Das verhängnisvolle Erbe/Uncle Silas und die Gespenstergeschichte Bericht über die seltsamen Vorfälle in der Aungier Street/An Account of Some Strange Disturbance in Aungier Street (1853). Ein zentraler Punkt vieler Geschichten aus Le Fanus Feder ist, dass die übernatürlichen Erscheinungen lediglich Einbildungen des Protagonisten sein könnten, letztlich der Leser über Realität und Einbildung entscheidet (Carmilla, der Vampir ist die Ausnahme von der Regel).

Ein weiterer bedeutender englischer Autor ist der Earl Edward George Bulwer-Lytton, dessen Spätwerk Vril oder Eine Menschheit der Zukunft/The Coming Race (1870) eine der ersten Science Fiction-Horror-Geschichten ist, und von einer unter der Erde Leben Rasse von Supermenschen handelt – eine Satire auf die sozialen Strömungen der damaligen Zeit. Weitere Horrorgeschichten Bulwer-Lyttons sind Zanoni (1842) und Das verfluchte Haus/The Haunted and the Haunters: or The House and the Brain (1859 – Geistergeschichte).

Dr. Jekyll und Mr. HydeDr. Jekyll und Mr. Hyde - der Horror aus den Tiefen der Psyche

Wenn der Name Robert Louis Stevenson  fällt, denkt man wohl unweigerlich an Die Schatzinsel - dass der Kinderbuchautor Stevenson auch für Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde/The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde (1886) verantwortlich zeichnet, wird im Gegensatz dazu oftmals übersehen. Bei seinen Zeitgenossen sehr beliebt, wurde Stevensons literarisches Schaffen lange Zeit als minderwertig betrachtet, was seiner Popularität jedoch keinen Abbruch getan hat. Nach Kinderbüchern nimmt der Horror einen großen Teil seines Werks ein, die Geschichte vom Wissenschaftler Dr. Jekyll und seines alter ego Mr. Hyde ist lediglich die bekannteste. Während die Kurzgeschichte philosophische Themen wie der ewige Widerstreit zwischen Gut und Böse, freiem Leben und gesellschaftlicher Konvention, Geist und animalischen Trieb thematisiert, hat das Duo Jekyll & Hyde als wohl bekanntester Vertreter der Persönlichkeitsspaltung bzw. des Doppelgängermotivs Eingang in den popkulturellen Kanon gefunden und ist eines der meistverfilmten literarischen Werke überhaupt. Ebenfalls erwähnt werden soll die 1884 erschienene Geschichte Der Leichenräuber/The Body Snatcher, in der Stevenson das Werk zweier im Dienste eines Mediziners stehenden Leichenräuber verfolgt.

Vlad III DraculaKurz vor Ende des 19. Jahrhunderts erscheint mit Abraham “Bram” Stokers Dracula (1897) der definitive Vampirroman. Obwohl Stoker auch einige andere Horrorgeschichten wie Das Schloß der Schlange/The Lair of the White Worm (1911) und eine Kurzgeschichtensammlung veröffentlichte, wird sein Name für immer mit dem transsilvanischen Grafen verbunden bleiben. Die als Briefroman in Tagebuchform verfasste Geschichte von Jonathan Harker, einem Londoner Rechtsanwalt, der nach Transsylvanien aufbricht, um einen Grundstücksverkauf mit dem Grafen Dracula zu besiegeln, liest sich heute aufgrund ihrer veralteten Form, des wechselnden Tempos und der daraus folgenden ungenügenden Dramaturgie eher zäh. Auch ist Dracula nicht ohne literarische Vorgänger: als Stoker Dracula schrieb, muss ihm Le Fanus Carmilla, der Vampir präsent gewesen sein. Eindeutige Parallelen sind z.B. zwischen den Figuren der Lucy Westenra und Carmilla zu erkennen. Eine weitere Parallele ist die unterschwellige erotische Aufladung beider Werke, bei Le Fanu in Person des lesbischen Vampirs, bei Stoker in Person des verführerischen Grafen. In Stil und Form ähnelt Dracula zwar mehr der Gothic Novel alter Prägung als den „short stories“, doch unter dem Themenkomplex der alten Mythen und Legenden des Balkans finden sich moderne Elemente: die moderne Wissenschaft in Form von van Helsing, und die Verbindung von Erotik und Horror durch Dracula, Lucy und Mina, die allerdings in entgegengesetzte Richtungen interpretiert werden kann: zum einen als Kritik an den Moralvorstellungen des Viktorianischen Zeitalters, zum anderen als Warnung vor dem Fremden, der Krankheiten durch Lockerung der Sitten verbreitet (Vampirismus als Metapher für Syphilis bzw. Geschlechtskrankheiten im Allgemeinen).

Nikolai GogolMythen und Legenden des Ostens

Im Kontinentaleuropa des 19. Jahrhunderts existiert kein Autor, der es mit Stoker, Le Fanu und Stevenson aufnehmen kann, zumindest was deren Bekanntheitsgrad betrifft. Es finden sich jedoch durchaus Zeitgenossen, deren Horrorgeschichten denen der Engländer qualitativ ebenbürtig sind. Das gilt insbesondere für die osteuropäischen Autoren, die aus einem reichhaltigen Schatz an Folklore und Mythen schöpfen können. Aus der Masse der Schriftsteller stechen insbesondere Nikolai Gogol mit seiner Geschichte Der Wij/Vij (1835), Michail Bulgakows mit Der Meister und Margarita/Master i Margarita (1928), und Alexander Grin (Der Rattenfänger/Krysolov [1924]) hervor. Besonders interessant ist das Werk von Alexei Konstantinowitsch Tolstoi, eines Cousins von Leo Tolstoi. Obwohl er unter seinen Zeitgenossen vor allem durch seine Lyrik bekannt wurde, gehen auch zwei der wichtigsten osteuropäischen Horrorerzählungen, beides Vampirgeschichten, auf sein Konto: Der Vampir/Upyr(1841),Die Familie des Vampirs/La famille du Vourdalak (1884 posthum erschienen). Die Geschichte dreht sich um den aus Paris kommenden Serge d’Urfe, der Unterschlupf im Haus der Familie des alten Gortscha findet. Das Familienoberhaupt hat sich bereits vor Tagen aufgemacht, um den Vampir Alibek zu töten. Als er zurückkehrt, scheint er jedoch seltsam verändert.  In Serbien spielend, ist Die Familie des Vampirs ein Denkmal für die osteuropäische Vampirmythen. Tolstois Werk beruht auf einer wahren Geschichte, einer Anfang des 18. Jahrhunderts in einem Dorf in Serbien wütenden Krankheit, die von den Zeitgenossen als Vampirepidemie betrachtet wurde.

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Doch nicht nur Osteuropa war im 19. Jahrhundert ein Hort des Schreckens, auch Frankreich kann eine ganze Reihe von Schriftstellern vorweisen, die sich mit dem Grauen auseinander gesetzt haben. Honoré de Balzac, einer der großen französischen Realisten, leistete 1831 mit dem Roman Das Chagrinleder/Le peau de chagrin seinen Beitrag zur Literatur der Teufelspakte. Den wohl bekanntesten und einflussreichsten französischen Beitrag zum Horrorgenre leistete jedoch Guy de Maupassant mit seiner 1887 erschienen Geistergeschichte Der Horla/Le Horla. Erzählt wird die Geschichte eines Mannes, der jede Nacht von einem vampirähnlichen Wesen besucht wird, das ihm nach und nach die Lebenskraft aussaugt. Zumindest steht der Protagonist unter dieser Vorstellung... ob er die Wahrheit spricht oder schlicht geisteskrank ist, bleibt offen. Weitere französische Beiträge zur Horrorliteratur sind Die Venus von Ille/La vénus d'Ille (1837), eine Kurzgeschichte in der eine bronzene Venusstatue lebendig wird, und Lokis (1869) von Prosper Mérimée. Den Wandel hin zu weiblichen Protagonisten illustriert Jules Barbey d'Aurevillys Sammelband Die Teuflischen/Les Diaboliques (1874). Hierin sind eine Reihe von Kurzgeschichten vereint, deren mörderische Protagonisten ausschließlich Frauen sind. Der stark von Baudelaire beeinflusste Joris-Karl Huysmans komplettiert die Riege der französischen Horrorliteraten des 19. Jahrhunderts. Huysmans, der mit Gegen den Strich die Bibel des fin-de-siècle schrieb, lieferte mitnTief unten/Là-bas (1891) die Geschichte des Schriftstellers Durtal, der Nachforschungen über den berühmt-berüchtigten Gilles de Ray anstellt.

Wenig Neues aus Deutschland

Im Gegensatz dazu finden sich, vom bereits erwähnten E.T.A. Hoffmann einmal abgesehen, nur wenige deutschsprachige Schriftsteller, die einen relevanten Beitrag zur Horrorliteratur des 19. Jahrhunderts geleistet haben. So versteckt sich zum Beispiel bei Heinrich von Kleists Erzählung Das Bettelweib von Locarno (1810) eine sozialkritische Erzählung unter der Oberfläche der Geistergeschichte. Bei Friedrich de la Motte Fouqués Undine (1811) wiederum dominiert der Märchencharakter der Geschichte. Weitere Beispiele sind Friedrich Schillers Der Geisterseher (1789) und Ludwig Tiecks Der Runenberg (1804).

Gewinnspiel: Dem aufmerksamen Leser aller Teile der „kurzen Geschichte des Horrors“ winkt am Ende der Artikelserie ein Buchpaket mit einer Auswahl an gruseligen Büchern und Hörbüchern.

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  • Lesen Sie nächsten Donnerstag im vierten Teil der „kurzen Geschichte des Horrors“:

Horror Made in USA

Den Tod eines Säufers gestorben, blieb Edgar Allan Poe vor allem in seiner Heimat lange Zeit ein verkanntes Genie. Erst über den Umweg Europa findet sein Werk breite Resonanz in den Vereinigten Staaten. Erst Ende des 19. Jahrhunderts, einige Werke Nathaniel Hawthornes einmal ausgenommen, treten mit Henry James und Ambrose Bierce zwei Schriftsteller in Poes Fußstapfen.





Letztes Update: 13-09-2007 10:27

Veröffentlicht in : Magazin, Specials
Schlüsselworte : Horror, Grusel, 19. Jahrhundert, Le Fanu, Poe, Bulwer-Lytton, Maupassant, Wij, Tolstoi, Vourdalak, Vampir, Jekyll
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