In Astrid Paprottas neuestem Krimi erleiden viele den Feuertod. Die anderen gehen im Leben durch die Hölle.
Frankfurt ist und bleibt die gefährlichste Großstadt Deutschlands. Das sagen zumindest die nüchternen Zahlen der Kriminalstatistik für das Jahr 2006. Mit 16.378 Straftaten pro 100.000 Einwohner sichert sich die Mainmetropole vor Düsseldorf und Bremen den Spitzenplatz unter den Verbrechenshochburgen. Kein Wunder also, dass sich die „anständigen“ Frankfurter um ihre Sicherheit sorgen und nach einer starken Hand Ausschau halten. Man könnte meinen, dieser Umstand hätte Astrid Paprotta zu Feuertod inspiriert.
Denn in ihrem neuesten Kriminalroman gibt es diese starke Hand. Und sie gehört Ellen Rupp, einer Frankfurter Wirtschaftsanwältin, die sich als Vorsitzende der Bürgerinitiative Sichere Stadt für die „Zwangsunterbringung von Bettlern, Randalierern und Drogendealern“ eingesetzt hat und Langzeitarbeitslosen Fußfesseln anlegen wollte, sollten dieses einen Job verweigern. Ja, das forderte sie alles, bevor sie in ihrer schicken Wohnung im Frankfurter Nordend zusammen mit ihrem jugendlichen Liebhaber den Feuertod fand.
Anzeige Dass sie sich unter den angeprangerten Sozialschmarotzern keine Freunde gemacht hat, lässt sich denken und sollen wir zunächst auch denken. Doch diese Spur führt schon bald ins Leere, als neue Feueropfer zu beklagen sind, die mit den Aktionen der „Ruppigen“ auf den ersten Blick nichts zu tun hatten. Auf den zweiten Blick hingegen schon. Aber den gewährt uns Paprotta der wohlkalkulierten Spannung halber erst ganz am Schluss. Peu à peu erhalten wir von der psychologisch geschulten Autorin ein immer genaueres, durchaus ambivalentes Charakterbild der selbsternannten Hüterin von Recht und Ordnung. Und zwar durch die genaue Beobachtung ihres privaten und beruflichen Umfeldes, in dem nicht die Moral, sondern der Mammon zählt.
Stecken also statt der Armen und Ausgestoßenen, die Superreichen und Skrupellosen hinter den tödlichen Brandanschlägen?
Genau in diesem geschickt konstruierten Spannungsfeld lässt Paprotta ihre beiden neuen Kommissare Niklas und Potofski tappen. Die beiden nicht sonderlich gewieften Kriminalisten irren in diesem Roman herum wie zwei blinde Hühner, die am Ende zwar ein Korn finden, aber wie sich herausstellt ein ziemlich verschimmeltes. Wer die Krimis der preisgekrönten Autorin kennt, weiß: Der Fall ist viel komplizierter und die Motive liegen viel tiefer verborgen. So mag der ein oder andere unter den aufmerksamen Lesern schon ahnen, dass die feiner gezeichneten Figuren weitaus verdächtiger sind.
Aber zum Glück gibt es von diesen einige. Ellen Rupps besten Kumpel Florian und dessen Ehefrau Anna, die als Sozia in ihrer Kanzlei arbeitet. Aber auch einige ihrer zwielichtigen Mandanten wie der Schönheitschirurg Dr. Rossmann kommen für die Brandstiftungen in Frage. Auch einige bunte Vögel wie Friseur Czerny, der das Feuer in Rupps Wohnung gemeldet hat oder der lumpige, für die Anwältin ermittelnde Privatdetektiv tragen ihren ganz individuellen Teil zur Lösung des Rätsels bei.
Ihnen allen gibt Paprotta mehr oder weniger überzeugende Motive und deckt bei der biographischen Vertiefung in die Figuren gleichzeitig die sozialen und seelischen Verwerfungen auf, die in einer ebenso reichen wie armen Stadt meist unter den Teppich gekehrt werden. Weder die fragwürdigen Machenschaften der oberen Zehntausend noch die brutale Gewalt auf den Straßen geraten bei ihr zum Klischee. Trotzdem bilden sie nur den faktischen Hintergrund für etwas, was ihr viel wichtiger ist: Die Psyche des Täters. Und in die dürfen wir dank Paprottas Gespür für geheime Gefühle und falsche Fährten tief blicken.