Frankreich im Jahr 1944. Die Region ist von den Deutschen Besatzern befreit. Ein Junge von vielleicht 17 Jahren erscheint in Megève in den Hochsavoyen auf dem Rückweg in ein Internat, in das ihn seine Eltern 1939 zu Beginn des Krieges geschickt hatten, um sein Überleben zu sichern.
Vorübergehend war er bei Bauern untergeschlüpft, um seinen Häschern zu entgehen.
Auf dem Weg zurück ins Internat verfolgen ihn in wilden Gedanken die Bedrohungen und Ängste eines stets geprügelten und bestraften Jungen, der nicht weiß, wer er wirklich ist. Inmitten einer malerischen, stillen Landschaft zieht er seines Weges in der friedlichen Natur. Seine Beobachtungen in der heiteren, sonnigen, frischen Sommerluft und dazu das Vogelgezwitscher stehen im vollkommenen Gegensatz zu seinem inneren Befinden. Er fragt sich, ob er nicht schuldig ist. Muß er nicht bestraft werden, und hat er gar ein Recht auf sein Leben?
Anzeige Ängste haben sich so tief in ihn eingegraben, dass er sich als ein Nichts, ein unwürdiges Lebewesen sieht, das sich aller möglichen Vergehen schuldig macht, nicht zuletzt des Bettnässens. Aber auch das Lügen und Betrügen und die Heimlichtuerei gehören in seinen Augen zu seinen Charakterfehlern. In einem vielgestaltigen Wortschwall beschwört er in seinem Inneren seine Nichtswürdigkeit herauf, die sich auch in den ersten sexuellen Regungen zeigt, gegen die er sich nicht wehren kann, und die ihn beschämen. Erinnerungen an seine Mutter muß er verdrängen, weil sie ihm unsägliche Schmerzen der Erinnerung bereiten würden. Alles, was Kinder auf dem Weg zur Unabhängigkeit und Reife durchmachen, wird in seinen eigenen Augen zu einem tödlichen Verbrechen.
Die sadomasochistische Prügelei, der er im Internat bei kleinsten Vergehen dauerhaft ausgesetzt ist, verselbständigt sich und wird zu einem lustvollen Bedürfnis, dass ihn seiner Existenz versichert, und ihm das Gefühl gibt, dass er leben darf.
Der Kontrast, mit der man von den beschriebenen Grausamkeiten liest und den Hauptakteur zugleich durch die sonnendurchflutete Landschaft laufen sieht, könnte gravierender nicht ausfallen. Dass ein Mensch in seinem tiefsten Inneren sich selber negiert, als Nichts und unwertes Leben ansieht, ja fast auslöschen möchte, ist zutiefst erschütternd und schockierend. Hier hat ein Mensch internalisiert, was ihm lange von außen suggeriert wurde: dass er kein eigenes Selbst sein darf, das in einem angemessenen Verhältnis von menschlicher Schuld und Sühne steht.
Arthur heißt der Held und Arthur ist der Vorname des Autors. Unschwer kann man sich vorstellen, welche Erfahrungen dazu geführt haben, ein Buch dieser Dimension zu schreiben.
Die Geschichte ist von hoher literarischer Qualität in seinen poetischen Bildern und Gleichnissen und in der Genauigkeit, mit der die seelischen Verbildungen, die sich im Bewusstsein des Opfers festgesetzt haben, protokolliert werden.
Die Folgen einer unmenschlichen Zeit mit Zerstörungen an Leib und Seele sind unübersehbar
Georges-Arthur Goldschmidt wurde 1928 in Reinbek bei Hamburg geboren und mit 11 Jahren in die Emigration nach Frankreich verschickt. Er beendet mit diesem Band seine Trilogie über die Verfolgung während des Holocausts, die er mit den Titeln Die Absonderung und Die Aussetzung begonnen hat. Er wurde mit dem Bremer Literaturpreis, dem Nelly –Sachs- Preis und dem Joseph-Breitbach-Preis für sein Werk ausgezeichnet.