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Eine kurze Geschichte des Horrors, Teil 2 PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von André Stoiber, am 16-08-2007 11:11
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Strawberry Hill - Walpoles SchloßGeister, Grafen, Gruselschlösser - die Welt der Gothic Novel

Horace Walpole war, selbst wenn man den sprichwörtlichen spleenigen englischen Aristokraten als Standard nimmt, ein äußerst exzentrischer Zeitgenosse. Der Sohn des ersten britischen Premierministers war völlig vernarrt ins Mittelalter - genauer gesagt in die Epoche der Gotik, die von der Mitte des 12. bis Anfang des 16. Jahrhunderts andauerte. 1747 erwirbt Walpole "Strawberry Hill", ein kleines Landhaus in der Nähe von London, dass er in den folgenden drei Jahrzehnten nach dem Beispiel eines gotischen Schloss umbauen lässt, und damit den Baustil der Neo-Gotik begründet.

Walpoles Schwärmerei für Ritter und Burgen veranlasst ihn auch, einen romantischen Schauerroman zu schreiben: Die Burg von Otranto/The Castle of Otranto, 1764 veröffentlicht, wird über Nacht zu einem Erfolg. Anfangs behauptet Walpole, die Geschichte basiere auf einem italienischen Manuskript aus dem 16. Jahrhundert, er habe es lediglich übersetzt. Mit der Veröffentlichung der zweiten Auflage des Buchs, das ursprünglich nur als Unterhaltung für Walpoles Freundeskreis gedacht war, gibt er sich jedoch als Autor zu erkennen.

Horace WalpoleAus heutiger Sicht wirkt Die Burg von Otranto freilich eher unfreiwillig komisch als gruselig. Auch die Kritiker waren nicht zimperlich, die literarischen Qualitäten von Walpoles Werk gelten generell als eher dürftig. Vor dreieinhalb Jahrhunderten jedoch verfehlte Walpoles Werk seine Wirkung nicht. Der unmittelbare Erfolg war so durchschlagend, dass der Tag der Erstveröffentlichung Der Burg von Otranto auch der Tag der Geburt eines neuen Genres war – die Gothic Novel.

Vom Buch zum Genre: Die Burg von Otranto

Die eigentliche Handlung ist schnell erzählt: Eine dunkle Prophezeiung schwebt über Manfred von Otranto. Seine Familie wird die Herrschaft über Otranto verlieren, sobald der wahre Besitzer der Burg "über die Burg hinausgewachsen" ist. Nur solange ein männlicher Erbe existiert, kann der Untergang vermieden werden. Als Manfreds Sohn an seinem Hochzeitstag von einem gigantischen Helm erschlagen wird, fackelt Manfred nicht lange und will an die Stelle seines Sohns treten und dessen Versprochene, Isabella, heiraten. Die jedoch flieht in die labyrinthartigen Gewölbe der Burg. Während Manfred weiter darauf aus ist, Isabella zur Frau nehmen zu können, tauchen immer wieder Teile einer riesigen Ritterrüstung auf. Ihren Höhepunkt erreicht die Geschichte, als sich der Pater Theodore als rechtmäßiger Erbe des Herrschergeschlechts von Otranto zu erkennen gibt, und die Burg unter einer stetig wachsenden Statue von Theodores Ahnherren Alfonso zusammenbricht.

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Im Grunde ist Die Burg von Otranto ein Ritterroman, angereichert mit einigen übernatürlichen Vorkommnissen, jedoch kein wirklicher Horrorroman. Ungeachtet literarischer Kategorien ist Walpoles Werk der Archetyp der Gothic Novel, das bereits alle wichtigen Elemente einführte und damit die Regeln des gotischen Schauerromans für die nächsten Jahrzehnte festlegte. Die klassische Figuren der Gothic Novel sind der finstere Edelmann, der in Lumpen gekleidete, blaublütige Held und die sich in Gefahr befindende Jungfrau. Schauplatz ist oftmals eine Burg, Festung oder Schloss, deren labyrinthartigen Flure, Verliese und Geheimgänge im Verlauf der Handlung ein unheimliches Eigenleben entwickeln, so dass die Gemäuer nicht nur reiner Handlungsort, sondern vielmehr selbst eine zentrale "Person" der Handlung sind. Die Horrorelemente der Gothic Novel sind beinahe ausschließlich übernatürlicher Natur, typische Vertreter sind Geister und Gespenster. Die Erzeugung einer schaurigen Atmosphäre steht dabei im Mittelpunkt.

Ann RadcliffeDie Klassiker der Gothic Novel

Zwar schuf Walpole das Genre, den Roman, der zum Archetyp der Gothic Novel werden sollte, schrieb jedoch ein anderer Brite – genauer gesagt eine Britin: Ann Radcliffe. Die literarischen Qualitäten ihres bekanntesten Werks Udolphos Geheimnisse/The Mysteries of Udolpho (1794) sind denen von Walpoles Geschichte deutlich überlegen. Sowohl die Ausarbeitung der einzelnen Elemente der Geschichte, als auch den kommerziellen Erfolg betreffend, ist Radcliffes Schauerroman der gotischen Schauerroman schlechthin. Udolphos Geheimnisse bewegt sich dabei jedoch immer im Rahmen der von Walpole aufgestellten Konventionen. Die Waise Emily St. Aubert, Radcliffes Heldin, wird von dem bösen Grafen Montoni in dessen düsterer Festung im Apennin eingekerkert. Dort ist sie physischem und psychischem Terror ausgeliefert und kurz davor, den Verstand zu verlieren.

Neben Udolphos Geheimnisse, das sich einer derartigen Popularität erfreute, dass Jane Austen das Buch in und mit ihrem Werk Die Abtei von Northanger/Northanger Abbey (1799) explizit parodierte, sind zwei weitere Vertreter der Gothic Novel besonders erwähnenswert: Matthew Gregory Lewis' Der Mönch/The Monk (1796) und Melmoth, der Wanderer/Melmoth theWanderer (1820), geschrieben vom irischen Pfarrer Charles Robert Maturin. Der Mönch erzählt die Geschichte des spanischen Mönchs Ambrosio, der von seiner Lust getrieben zum Mörder wird, und im Angesicht der Inquisition seine Seele dem Teufel verkauft. Einen Handel mit dem Teufel geht auch John Melmoth ein, der seine Seele im Austausch gegen ein um 150 Jahre verlängertes Leben eintauscht. Nur wenn Melmoth einen Menschen findet, der den Pakt für ihn weiterführt, kann er seine Seele retten. Und so wandert er über die Erde, um unter den Verzweifelten einen zu finden, der seinen Platz einnimmt.

Im Gegensatz zu Radcliffe, die den übernatürlichen Horror letztlich rational erklärt, ist der Horror bei Lewis und Maturin eine nicht zu leugnende Tatsache, weder hinsichtlich der Realität des Bösen in der Welt, noch der Existenz des Teufels selbst. Sowohl Der Mönch als auch Melmoth, der Wanderer sind weitaus düsterere Geschichten als die frühen Gothic Novels. Ihr Schrecken ist real, kann nicht hinweg erklärt werden, und ein glückliches Ende finden die beiden Protagonisten erst recht nicht. Moralisch verkommene Antihelden sind an die Stelle der jugendlichen Helden getreten, und am Ende bleibt nur Hoffnungslosigkeit.

E.T.A. Hoffmann Horror in Deutschland - E.T.A. Hoffmann

Obwohl die Gothic Novel vor allem in England populär war, gab es auch einige Autoren auf dem Festland, die gotische Schauergeschichten verfassten. Wichtigster Vertreter dieser Literaturgattung war, abgesehen von Victor Hugo, der deutsche Romantiker E.T.A. Hoffmann, dessen gesamtes Werk von Geistern und Magie durchzogen ist. Besonders hervorzuheben ist sein Roman Die Elixiere des Teufels (1815/16). Die Handlung ist an Lewis' Der Mönch angelehnt, der Protagonist ebenfalls Mitglied eines Mönchsordens. Weitere Beispiele für den Hoffmannschen Horror sind vor allem die Erzählungen Der Sandmann (1817), eine gruselige Novelle mit Science Fiction-Einschlägen, und Das Majorat (1817), eine klassische Geistergeschichte. Bei Hoffmann sind auch bereits die Elemente zu finden, die im Laufe des 19. Jahrhunderts Geister und Gespenster als primäre Träger des Horrors verdrängten: die dunkle Seite der menschlichen Psyche, Schizophrenie und Geisteskrankheiten, Parapsychologie und Pseudowissenschaften.

Edgar Allan Poe - Vater der short story

Aufgrund des hohen Stellenwerts der Psychologie bei E.T.A. Hoffmann ist es wenig überraschend, dass der deutsche Schriftsteller immer wieder mit Edgar Allan Poe in Verbindung gebracht wird, in dessen Werk die Psychologie ebenfalls eine wichtige Rolle einnimmt. Obwohl Poe sicherlich einen Teil der Geschichten von E.T.A. Hoffmann kannte, sollte der Einfluss des deutschen Literaten auf Poe jedoch nicht überschätzt werden.

Edgar Allen PoeEdgar Allan Poe (1809-1849), durch sein Gedicht Der Rabe/The Raven (1845) einem breiten Publikum bekannt geworden (und noch bis heute bekannt), kann nicht nur mit Recht als wahrscheinlich wichtigster Autor des Horrorgenres und "Erfinder" des modernen Kriminalromans (Der Doppelmord in der Rue Morgue/The Murders in the Rue Morgue, 1841) bezeichnet werden, er schuf mit Metzengerstein (1832) auch die literarische Gattung der Kurzgeschichte, die „short story“.

Im Zeitalter der Gothic Novel nahm die Horrorgeschichten fast immer die Form des Romans an, die Geschichten sind zudem - vor allem aus heutiger Sicht - recht zähflüssig zu lesen, ein durchgehender Spannungsaufbau fehlt oftmals. Edgar Allan Poe setzte diesem Mangel an dramaturgischer Dichte ein Ende. Bis zum heutigen Tag hat sich die Kurzgeschichte als geradezu für den Horror prädestinierte Form erwiesen: räumliche, zeitliche und inhaltliche Dichte, ein stringenter Spannungsaufbau, oftmals von einer Schlusspointe gekrönt, alternativ mit einem offenen Schluss, der den Leser im Dunkeln lässt. 

Horror im Wandel

In Edgar Allan Poes literarischem Werk finden sich mehr als 70 Horrorgeschichten, die er über einen Zeitraum von 18 Jahren verfasste. Obwohl der Großteil von Poes Arbeiten Kurzgeschichten sind, verfasste er Gedichte (Der Rabe ist nur das mit Abstand bekannteste einer Vielzahl von lyrischen Werken) und auch einen, allerdings unvollendeten, SciFi-Horror-Roman: Die denkwürdigen Erlebnisse des Arthur Gordon Pym/The Narrative of Arthur Gordon Pym of Nantucket (1838). Wie bereits erwähnt stehen nicht übernatürliche Erscheinungen und Gespenster im Mittelpunkt von Poes Geschichten (mit Ausnahme der Frühwerke Metzengerstein [1932] und Manuskript in der Flasche/MS. Found in a Bottle [1833]), sondern die Psyche der Figuren. Schuld, Furcht, Todestrieb und der Drang zum Bösen sind wiederkehrende Themen, mit denen sich Poes Protagonisten konfrontiert finden.

Poe ist nicht nur einer der wenigen Schriftsteller, deren Werk und Person fester Bestandteil der Popkultur geworden sind, auch sein Einfluss auf ihm nachfolgende Schriftsteller - nicht nur aus dem Horrorgenre - ist enorm. Hierbei sind insbesondere Charles Baudelaire (Die Blumen des Bösen/Les fleurs du mal [1857]), Robert Louis Stevenson (Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde /The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde [1886]) und Arthur Conan Doyle zu nennen.


Gewinnspiel: Dem aufmerksamen Leser aller Teile der "kurzen Geschichte des Horrors" winkt am Ende der Artikelserie ein Buchpaket mit einer Auswahl an gruseligen Büchern und Hörbüchern.

 

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  • Lesen Sie nächsten Donnerstag im dritten Teil der „kurzen Geschichte des Horrors“:

Die Erben der Gothic Novel – Horror im 19. Jahrhundert

Die fortschreitende Industrialisierung und das anbrechende Zeitalter der Wissenschaft gehen auch am Horrorgenre nicht spurlos und ohne Auswirkungen vorüber. Während strenge Moralkodizes das Leben im viktorianischen England regeln, widmen sich Autoren wie Robert Louis Stevenson besonders zwei Themen: dem Bösen im Menschen und den Gefahren der wissenschaftlichen Forschung.





Letztes Update: 13-09-2007 10:28

Veröffentlicht in : Magazin, Specials
Schlüsselworte : Gothic Novel, Walpole, Poe, Radcliffe, Maturin, Horror, Neo-Gotik
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