Der Fund einer Moorleiche in Bayern zieht natürlich sofort die Aufmerksamkeit der Presse auf sich, erst recht, als sich herausstellt, dass es sich um einen rund hundert Jahre zurückliegenden Mord handelt. Dass die Tat allerdings auch auf die Gegenwart Auswirkungen hat, wird dem „glücklichen Finder“ der Leiche bald erschreckend deutlich vor Augen geführt.
Eigentlich sollte es ein weiteres zärtliches Rendez-vous zwischen der jungen Anna und ihrem Liebhaber werden. Doch als sie ihm eröffnet, dass sie zum zweiten Mal von ihm schwanger sei und ihrem Mann nicht auch dieses Kind unterschieben werde, sieht der unter Druck Gesetzte keine andere Möglichkeit, als die Verbindung zu Anna zu kappen – mit einem Beil. Dann versenkt er die Leiche im See, wo sie die nächsten 130 Jahre liegen wird.
Als Matthias Staudacher die Leiche durch Zufall aus dem See fischt, wird es sofort zum Regionalsport, den alten Fall wieder aufzurollen. Den Archiven ist zu entnehmen, dass Annas Ehemann für den Mord verurteilt wurde, doch irgendwie reicht Matthias diese Erklärung nicht. Er beginnt eine akribische Recherche, ohne zu merken, dass er seine ohnehin brüchige Ehe mehr und mehr gefährdet. Denn die Leiche ist Matthias’ Urahne – und mehr als das...
Anzeige Der Leser weiß von Anfang an, wer der Mörder ist, und zur Rechenschaft kann man den Täter ebenfalls nicht mehr ziehen, denn er ist tot: Ein ungewöhnlicher Beginn für einen Kriminalfall, und der Leser wird sich die Frage stellen, was auf den kommenden 150 Seiten denn noch folgen kann? Doch die Skepsis ist unberechtigt, denn Autor Roland Voggenauer beweist, dass eine gute Dokumentation genauso interessant und spannend wie ein Spielfilm sein kann.
Dem Leichenfund durch den jungen Matthias folgt eine sorgfältige Aufarbeitung des Falles durch Dokumente in Archiven, alte Zeugenaussagen und Tagebucheinträge. Immer weiter wird der Wissensvorsprung, den der Leser vor den Romanfiguren hat, abgearbeitet. Doch der eigentliche Dreh kommt in dem Augenblick, in dem der Leser erkennt, dass er doch nicht alles über Täter und Opfer weiß. Das ist der Moment, in dem Voggenauer sein Kaninchen aus dem Hut zaubert und die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart knüpft.
Sowohl Matthias als auch seine Frau sind auf tragische Weise mit Täter und Opfer verbunden, durch Blut und Familie ebenso wie durch Parallelen in ihrem Denken und Fühlen. Ohne Vorwarnung wird aus dem der halbdokumentarischen Spurensuche ein modernes Drama um Familienehre und Selbstfindung. Auf wenigen Seiten explodiert die Handlung geradezu und kehrt die Lesererwartungen noch einmal ins Gegenteil um. Am Ende steht der Leser, der alles zu wissen glaubte, mit offenem Mund da und ist auch noch eingeladen, letzte Lücken, die das Ende lässt, selbst zu füllen.
Fazit: Vielschichtige Spurensuche in der Vergangenheit