Konträr sind die Reaktionen zu Nicolas Fargues' neuem Roman Nicht so schlimm. In Frankreich wurde er zum Bestseller, in Deutschland wird polarisiert.
Derweil ist es "nur" ein ehrlicher, offener Tatsachenbericht einer zerbrechenden Ehe und eines zaghaften Neuanfanges, des Erwachsenwerdens - auch noch mit Anfang Dreißig.
Nicht so schlimm ist zu 100% autobiografisch, wie Nicolas Fargues versichert: ein eigener Lebensabschnitt im literarischen Gewand.
Stilistisch hat Nicolas Fargues diese "Lebensbeichte" an sein literarisches Vorbild Michel Houellebecq angelehnt: die Sprache des Ressentiments, den Schmerz zurückgeben, eine Ausdrucksform, die suggeriert, "dass das metaphysische Unbehagen des Menschen aufs engste mit seinen physischen, also biologischen Voraussetzungen verbunden ist. Das wichtigste Scharnier zwischen beiden Bereichen ist die Sexualität und die mit ihr verbundene Zwischenmenschlichkeit, im Glücksfall: die Liebe."
Houellebecqs Serien von Schocks und den manchmal fast stillosen Ton schlägt Fargues jedoch nicht an. Derb und direkt wird er zwar zuweilen auch, aber die Contenance bleibt immer bewahrt.
Anzeige Nicht so schlimm ist Fargues persönliche Meditation über das Leid in all seinen Formen.
Der Autor erzählt einem unsichtbaren Zuhörer (dem Leser?) in einem endlosen Monolog, fast ohne Absätze, beinahe ohne Luft zu holen, die Geschichte des Scheiterns seiner Ehe, der großen Glückmomente einer neuen Liebe und der Zerrissenheit zwischen Gestern und Morgen.
"Wir haben uns wie verrückt geliebt, aber auf völlig verkorkste Weise"
Er, gebürtiger Franzose, ist mit Alexandrine, einer Farbigen, verheiratet, hat zwei Kinder und lebt irgendwo, zehntausend Kilometer von Paris entfernt in Afrika (auf Grund der autobiografischen Gegebenheiten könnte es sich um Madagaskar handeln). Aber das spielt keine primäre Rolle. Denn alle äußeren Einflüsse blendet der Autor aus, wenn er über seiner Ehe sinniert.
Die Erzählung entfaltet sich ausschließlich im Mikrokosmos des Ehepaares. Umhüllt von einem - für ihn - undurchdringbaren Netz. Lediglich das Sofa und das Badezimmer nehmen fokussierende Plätze ein: Örtlichkeiten, die mit Ausgegrenztheit, Gewalt - seine Ehefrau (!) verprügelt ihn, nach Bekanntwerden einer eher harmlosen Tendelei, betrügt ihn dann ihrerseits mit einem "richtigen" Mann, einem Schwarzen - zu tun haben. Man misstraut, spioniert dem anderen nach, benutzt die Kinder für weitere Gemeinheiten.
Aber er besteht weiterhin hartnäckig darauf, glücklich zu sein. Er wirft sich ihr unter, wird devot, demütig. Aggressive Zerbrechlichkeit trifft auf feiges Schuldgefühl.
Während eines Kurzurlaubes in Italien bei seinem Vater und dessen neuer Familie lernt er eine neue Frau - Alice - kennen, fast noch ein Mädchen, zehn Jahre jünger. Er beginnt sein Umfeld wieder wahrzunehmen. Alice macht ihn sehend, "lebendig". Kein undurchdringbares Netz mehr, sondern die Weite des unendlichen Himmels, das Meer und die Liebe. Reden, alles über sich erzählen, Vertrauen. Und plötzlich wird aus scheinbar Gewöhnlichem, aus dem Unbedeutenden, dem Unpersönlichen "ein Spektakel, das nicht enden will."
Fargues entfaltet während dieser Momente eine freundlichere, lebhaftere, glücklichere, fast zuversichtliche Atmosphäre. Einfach köstlich wie er Italien und dessen Lebensagilität beschreibt.
Doch aus diesem kurzen Urlaubsflirt scheint tiefe Liebe zu erwachsen. Wie soll es weitergehen? Und schon senkt sich das Netz wieder.
Nicht so schlimm ist eine ehrliche und schonungslose Selbstbefreiung eines jungen Mannes, um die Belanglosigkeit aber auch die Schwere der Liebe.
Kurz spricht Fargues einen vielleicht verborgenen interkulturellen Konflikt in seiner Ehe an, aber nur kurz. Er hat keinen tiefgreifenden Belang für ihn. Hier geht es vor allem darum, dass zwei Menschen sich auseinandergelebt haben. Die Stigmatisierung des Geschlechtes oder aber der Rasse blendet er schnell wieder aus.
Das Buch hat einen unwiderstehlich-identifikatorischen Reiz. Es ist eine ehrliche Lebensbeichte eines Mannes und eine wunderschöne Geschichte über die Macht der Liebe und der Gefühle.
Fargues hat, losgelöst von allen Diskussionen um Emanzipation und den "neuen Mann", ohne Reflektion jedweder gegenwärtiger Geschlechterrollen, unbekümmert eine verfahrene Beziehung und einen möglichen Neubeginn mit einer anderen Frau beschrieben. Es ist eine Schilderung eines Menschen in einer bestimmten Situation, ein Ausbruch von gewohnten Wegen.
Ein ehrliches, offenes Buch in einer ausgezeichneten, stilsicheren Übersetzung von Frank Wegner.
Und vielleicht sollten wir Deutschen nicht immer alles in einen gesellschaftlichen Rahmen pressen. Offensichtlich sind die Franzosen doch nicht so verklemmt, wie sie Fargues in seinem Buch im Vergleich zu den Italienern beschreibt.
Zumindest nicht so verklemmt wie wir Deutschen manchmal….
Nicolas Fargues Nicht so schlimm Originaltitel: J'étais derrière toi
Aus dem Französischen von Frank Wegner
Rowohlt, Reinbek, 2007
187 Seiten, gebunden, 16,90 Euro
ISBN-10: 3498021176
ISBN-13: 978-3498021177