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Eine kurze Geschichte des Horrors PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von André Stoiber, am 09-08-2007 10:00
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Nosferatu Ein Blick in die Welt beweist, dass Horror nichts anderes ist als Realität.
Alfred Hitchcock

"Die älteste und stärkste menschliche Emotion ist die Angst, und die älteste und stärkste Form der Angst ist die Angst vor dem Unbekannten. Nur wenige Psychologen werden diese Tatsache bestreiten[...]" So beginnt H. P. Lovecrafts Essay über den Übernatürlichen Horror in der Literatur (Supernatural Horror in Literature, 1927). Das Unbekannte ist nicht berechenbar – daher ist sie die treibende Kraft menschlicher Emotionen. Die Angst vor dem Unbekannten und die unwirkliche Welt der Träume – nach Lovecraft die zwei Komponenten, die die menschliche Vorstellungskraft für Horror empfänglich machen.

Mythen, Märchen und Gespenster

Wie Lovecraft in seinem Essay ausführt, ist Horror als Erzählform so alt wie die menschliche Sprache selbst. Die Mythen und Märchen längst vergangener Zeiten sind voll von Geschichten, die Elemente des Horrors enthalten. In jüdischen Sagen findet sich mit Lilith, Adams erster Frau (noch vor Eva, die erst nach der Verbannung Liliths als neue Gefährtin Adams von Jahwe geschaffen wurde), bereits zur Zeit des Paradieses der erste Sukkubus (ein Männer verführender Dämon in Frauengestalt, eine Grundkonstellation, die sich als roter Faden durch einen nicht unerheblichen Teil der Horrorliteratur zieht). Vom afrikanischen Asanbonsam über den indischen Rakshasa bis hin zum Vourdalak der russischen Folklore: der Vampir und seine Verwandten haben genauso ihren Platz in den Mythen der Welt, wie die insbesondere im deutschsprachigen Raum weit verbreitete Geschichte des Mannes, der sich durch Zauberei in einen Wolf verwandeln kann (und nicht, wie später durch Horrorfilmen popularisiert, durch den Biss eines Werwolfs "infiziert" wird, und sich immer bei Vollmond verwandelt). In gleichem Maß ist der Geister- und Dämonenglaube ein elementarer Bestandteil praktisch aller religiösen Mythologien - ob Ägyptisches Totenbuch, indische Bhagavad Gita oder Bibel - die heiligen Schriften sind eine besonders ergiebige Quelle für alles Übernatürliche. Dämon, Geist, Vampir und Werwolf - die Archetypen der modernen Horrorliteratur sind bereits in den uralten Legenden zu finden - wenn sich auch die Eigenschaften und Fähigkeiten der Monster mit der Zeit gewandelt haben.

Auf dem Weg zum geschriebenen WortDer Vampir - Geschöpf der Nacht 

Die tiefe Verwurzelung der Horrors in der Kultur zeigt sich auch darin, dass die rudimentären Frühformen  mündlich überlieferter Geschichten bis in die heutige Zeit erhalten geblieben sind. Wenn im 21. Jahrhundert  gruselige Geschichten zum Besten gegeben werden, dann bewegt sich der Erzähler auf derselben Ebene wie unsere Vorfahren aus der Steinzeit, die ihrem Nachwuchs am wärmenden Feuer mit Hilfe von "Geschichten mit Moral" Verhaltensregeln beibrachten. Der einzige Unterschied liegt darin, dass die klassische Lagerfeuergeschichte (campfire tale) der Großstadtlegende (urban legend) Platz gemacht hat - Folge der weitgehenden Urbanisierung der westlichen Gesellschaft in der Moderne. Eine eigenständige literarische Form nahm der Horror jedoch erst spät an. Mehr als drei Jahrhunderte verstrichen nach der Erfindung des Buchdrucks, bis im England des 18. Jahrhunderts die Gothic Novel das Licht der Welt erblickte. Zwar vermittelten Werke wie Dantes Inferno schon früher eindrucksvolle Bilder des Schreckens, doch erst mit Erscheinen Horace Walpoles Die Burg von Otranto/The Castle of Utranto (1764) entstand ein eigenständiges Horrorgenre.

Was ist Horrorliteratur?

H. P. Lovecraft vertritt in seinem Essay über den übernatürlichen Horror den Standpunkt, Horrorliteratur definiere sich dadurch, dass sie den Leser mit seinen (Ur-)Ängsten konfrontiert. In die gleiche Kerbe schlägt Stephen King (Danse Macabre - Die Welt des Horrors, 1981). Von einigen Autoren wird jedoch die Existenz eines eigenständigen Horrorgenres von Grund auf bestritten, Horror mehr als Gefühl denn als literarische Gattung bezeichnet. Bekanntester Vertreter dieser Ansicht ist der Autor, Kritiker und Herausgeber Douglas Winter (Prime Evil, 1982).

Wenn man Horror als Genre verorten will, dann zweifellos im Kreis der sogenannten Phantastischen Literatur. Neben Horror zählen Science Fiction, Fantasy und Märchen zur Phantastik. Aufgrund der inhaltlichen wie stilistischen Vielfalt moderner Horrorliteratur fällt eine klare Abgrenzung schwer, die Grenzen sind oftmals fließend. Besonders in dem Bereich, in denen sich Fantasy und Horror überschneiden, wo einerseits Dark Fantasy (also Fantasy mit einem Fokus auf klassische Horrorelemente wie Dämonen und Geistern) und andererseits Horrorgeschichten mit übernatürlichen und fantastischen Elementen aufeinandertreffen, lässt sich kein abschließendes Urteil fällen. Die gleiche Situation bei Science Fiction und Thriller: dominiert bei einer Geschichte das Grausame, wird zum Beispiel das Innenleben eines pathologischen Serienmörders präsentiert, so qualifiziert sich die Geschichte als Horror - dominieren kriminalistische Elemente, handelt es sich um einen Thriller.

Werwolf

Themen des Horrors

Eine endgültige, widerspruchsfreie Definition ist wohl nicht möglich, aber aufgrund der Wandlungsfähigkeit der Horrorliteratur sicherlich auch nicht sinnvoll. Möglich und sinnvoll ist es jedoch, eine Liste aufzustellen, die die verschiedenen Topoi der Horrorliteratur umfasst (nach Kalju Kirde: Bemerkungen über Weird Fiction, 1989 aus dem Lexikon der Horrorliteratur, 1999):

  • übernatürliche Ereignisse: Geschichten, in denen Geister, Dämonen, Vampire, etc. eine zentrale Rolle spielen
  • realistisches Grauen ("tales of terror"): Geschichten von Folter, Verstümmelung, Serienmorden, Massaker - also besonders grausamen Verbrechen
  • psychologischer Grusel: Wahnsinn, Schizophrenie, Alpträume, Bessenheit, Halluzinationen - Geschichten von der Bruchstelle Phantasie-Realität
  • Science Fiction-Horror: Geschichten, in denen Elemente der Science Fiction und des Horrors gleichberechtigt nebeneinander stehen
  • Skurriles, Surreales und Groteskes: Seltsam-phantastische und bizarre Geschichte 

Diese Reihung entspricht auch der Entwicklung, die die Horrorliteratur durchlaufen hat - von ihren Anfängen im 18. bis ins 21. Jahrhundert. In der Frühzeit des Horror dominierten Geister und Gespenster, die thematische Nähe zu Mythen und Märchen war stark ausgeprägt. Mit Poe "verschwanden" die Geister und der naturalistische Horror wurde zum Hauptthema. Mit dem Aufkommen von Mesmerismus, Magnetismus und Psychoanalyse wurde wiederum der psychologische Horror zu einem beliebten Sujet. Zur gleichen Zeit verbreitete sich auch der literarische Typus des verrückten Wissenschaftlers und mit ihm der Science Fiction-Horror. Und mit Kafka wurde zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts auch das Groteske fester Bestandteil der Horrorliteratur.

Horror Mainstreaming Friedhof - klassischer Ort des Horrors

Lange Zeit ist das Label Horror geradezu als Stigma betrachtet worden, dass die Marketingabteilungen vieler Verlage um jeden Preis vermeiden wollten. Auch die Popularisierung des Horrors und der immense Boom in den 80er Jahren, ausgelöst einerseits von Stephen King, andererseits durch die endlose Zahl an  Teenie-Slasher-Filmen, taten ihr Übriges, um dem im Mainstream untergehenden Horror jegliche Ecken und Kanten abzuschleifen, bis nur noch ein nicht näher zu identifizierendes Amalgam diverser Klischees übrig blieb. So ist es wenig überraschend, dass es in den 90ern ruhig wurde um ein Genre, das von Anfang an mit Vorurteilen zu kämpfen hatte. Gerade von Vertretern "ernsthafter, anspruchsvoller Literatur" hat der Horror wenig Gegenliebe zu erwarten, vielmehr wird er gerne als ungeliebter Verwandter betrachtet, der weder Anstand noch Verstand besitzt.

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Horror als Schund abzutun hieße jedoch, ein äußerst ideenreiches und vielfältiges Genre auf Groschenhefte,  "penny dreadfuls", zu reduzieren. Es soll überhaupt nicht bestritten werden, dass sehr viele schlechte Horrorgeschichten geschrieben wurden - und immer noch werden. Doch stellt das Horrorgenre damit keine Ausnahme, sondern eher die Regel dar. Dem stehen jedoch eine Vielzahl herausragender Werke talentierter Autoren gegenüber, an deren Spitze zweifellos der begnadete Edgar Allan Poe steht.

In Deutschland existiert nicht nur eine äußerst aktive Generation von Horrorautoren, so z.B. Michael Siefener, Boris Koch, Malte S. Sembten und Tobias Bachmann, sondern darüber hinaus auch eine Reihe von Verlagen, die sich dem Thema Horror angenommen haben. Besonders hervorzuheben  ist dabei der Festa Verlag. Gründer und Verlagschef Frank Festa hat sich auf den Bereich der unheimlichen Phantastik spezialisiert, und nicht nur Klassiker wie Lovecraft im Angebot, sondern zeichnet auch für zahlreiche deutsche Erstveröffentlichungen amerikanischer Autoren verantwortlich. Aber auch bei großen Verlagen wie Lübbe und Heyne sind Horrorreihen fester Bestandteil des Verlagsprogramms. Im Bereich der Hörbücher ist LPL Records erwähnenswert, bei Hörspielen insbesondere Titania Medien (beide erscheinen bei Lübbe Audio).

Gewinnspiel:Dem aufmerksamen Leser aller Teile der "kurzen Geschichte des Horrors" winkt am Ende der Artikelserie ein Buchpaket mit einer Auswahl an gruseligen Büchern und Hörbüchern.

Literaturempfehlungen

  • Hans J. Alpers: Lexikon der Horrorliteratur (1999, Fantasy Productions)
  • H.P. Lovecraft: Supernatural Horror in Literature (1927)
  • Rein A. Zondergeld: Lexikon der phantastischen Literatur (1998, Edition Erdmann)
  • Stephen King: Danse Macabre – Die Welt des Horrors (2000, Ullstein)

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  • Lesen Sie nächsten Donnerstag im zweiten Teil der "kurzen Geschichte des Horrors":

Geister, Grafen, Gruselschlösser – die Welt der Gothic Novel

Man nehme ein Schloss (alt), ein Verließ (düster), Gänge (endlos), Gespenster (schreckliche), einen Edelmann (tyrannisch und finster), eine Maid (hold und in Gefahr) und den Held (jugendlich, tapfer und edelmütig, von blauem Blut). Alles kurz umrühren, fertig ist der gotische Schauerroman. 





Letztes Update: 13-09-2007 10:29

Veröffentlicht in : Magazin, Specials
Schlüsselworte : Horror, Lovecraft, King, Festa, LPL, Titania, weird fiction, Fantastik, Phantasy, Grusel, gruselig
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