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Interview mit Heiko Wolz PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von T. Fauth, am 09-08-2007 14:00
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Favoriten 29

Heiko Wolz - © Tom River PhotographyHeiko Wolz ist ein viel versprechender Autor, der mit Spinnerkind ein überzeugendes Debüt veröffentlicht hat. Im Interview mit literature.de spricht er über sich als Autor, über Spinnerkind und gewährt sogar schon einen Einblick in sein neuestes Werk.

Gab es für Sie einen besonderen Beweggrund, Autor zu werden? 

Ich muss schon als Kind viel Fantasie gehabt haben. Meine Eltern erzählen oft, wie ich in einem Kaufhaus eine imaginäre Ritterburg gebaut habe. Mitten im Gang, durch den alle Kunden gingen. Ich konnte nicht verstehen, dass sie mein Gebäude nicht sahen und habe jeden angebrüllt, der durch meinen Wassergraben gelaufen ist. Aus dem Grund faszinierten mich Bücher so früh: Schriftsteller erschaffen mit einfachen Worten ganze Welten! Tolkien, Verne und Defoe waren die ersten Autoren, die ich gelesen habe. Aus dieser Kombination entstand der Wunsch, selbst zu schreiben.  

Gibt es für Sie einen typischen Schreiballtag? Wenn ja, wie sieht dieser aus? 

Einen typischen Schreiballtag gibt es für mich nicht: Ich bin Vater von drei, bald vier Kindern und arbeite in einem Wohnheim für Menschen mit geistiger Behinderung. Das bringt wechselnden Schichtdienst mit sich, weshalb ich meine Schreibzeiten flexibel gestalten muss. Wenn überhaupt, komme ich an drei bis vier Tagen in der Woche für jeweils eine bis zwei Stunden dazu. Ohne die Unterstützung meiner Frau wäre selbst das nicht möglich.

Es kommt aber auch auf die Phase an, in der sich ein Projekt befindet. Ideensammlung und erste Entwürfe schreibe ich per Hand in einen Notizblock. Das ermöglicht mir, mich auch im normalen Alltag hin und wieder ein paar Minuten um meine Geschichte zu kümmern.

Wie lange haben Sie an Ihrem ersten Buch gearbeitet?

Das erste Kapitel habe ich Mitte September im Autorenportal peenae veröffentlicht. Zwei Wochen später habe ich den Verlagsvertrag bei Addita unterschrieben. Die erste Fassung des Romans hatte ich Anfang Dezember; Ende Dezember haben mein Lektor und ich die Arbeiten am Spinnerkind beendet. Insgesamt waren es also nicht mehr als vier Monate.  

Was war für Sie der schwierigste Teil auf dem Weg zum fertigen Buch? (Die Ideenfindung, die Recherche oder die Umsetzung?)

Jede Phase hat ihre besonderen Reize, aber auch Schwierigkeiten. Die Ideenfindung ist sicher am einfachsten. Es gibt keine Grenzen, alles ist möglich. Schwieriger wird es, wenn es daran geht, diese Ideen umzusetzen. Manches ist handwerklich nicht möglich, anderes passt nicht mehr in die Geschichte, weil sie sich mit den Figuren ständig verändert. Die Recherche fügt einer Geschichte neue Aspekte hinzu, macht aber auch Änderungen notwendig. Das läuft alles parallel und beeinflusst sich gegenseitig.

Beim Spinnerkind hatte ich aber zu keinem Zeitpunkt Schwierigkeiten. Es hat sich von Anfang an richtig angefühlt. Ich hatte ein klares Bild vor Augen und musste nur aufschreiben, was ich gesehen habe.

Ihre Arbeit als Schriftsteller ist bei Ihnen zeitlich gesehen eigentlich nur Nebensache. Wie schaffen Sie es, neben Arbeit und einer Familie mit drei Kindern noch genügend Zeit zu finden und planen Sie Ihren jetzigen Beruf vielleicht eines Tages zugunsten der Schriftstellerei aufzugeben?

Es sind vor allem die Abende, die ich nutze. Anstatt mich vor den Fernseher zu setzen, schreibe ich. Natürlich wünsche ich mir, mehr Zeit dafür aufbringen zu können. Ich bin momentan sehr zufrieden in meinem Beruf, trotzdem kann ich mir vorstellen, nur zu schreiben, wenn der finanzielle Rahmen das zulassen würde. Aber nur die wenigsten Autoren können wirklich vom Schreiben leben. Da muss man realistisch sein.

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Ihr Verlag scheint viel von Ihnen zu halten, hat Sie sogar mit John Irving verglichen. Was sagen Sie selbst dazu?

Der Vergleich bezieht sich auf die Skurrilität der Figuren und die sonderbaren Situationen, in die sie durch ihre Eigenarten geraten. Es ehrt mich, in einem Atemzug mit einem so großen Schriftsteller genannt zu werden und natürlich ist es eine gute Werbung. Ich hoffe aber, die LeserInnen sehen, dass uns auch viel unterscheidet: Irving zeichnet jede Nebenfigur sehr episch und geht auf die kleinsten Details ein, während ich einen minimalistischeren Ansatz habe. Ich konzentriere mich auf das Wesentliche, auf den Kern der Geschichte. Was nicht zwingend nötig ist, deute ich nur an und gebe dem Leser damit mehr Raum für sein Erleben und seine Interpretation der Geschichte.


Spinnerkind ist ihr erster Roman. Könnten Sie kurz in eigenen Worten wiedergeben, worum es darin geht?

Spinnerkind ist die Geschichte von Jakob und seinen etwas eigenwilligen Eltern Guinness und Rachel McGhee. Guinness ist ein erfolgloser Erfinder, der seinen Sohn ein ums andere Mal mit seinen verrückten Versuchen in Gefahr bringt; Rachel, eine aufstrebende Anwältin, verklagt mit Jakobs „Unterstützung“ alles und jeden um sich herum. Jakob steht zwischen diesen starken Charakteren. Als Vermittler, aber auch als ein Heranwachsender, der sich langsam von seinen Eltern lösen muss.


Gibt es einen besonderen Grund dafür, dass dieser Roman in den USA spielt? Haben Sie dazu einen persönlichen Bezug oder ist die Wahl rein zufällig?

Einen persönlichen Bezug zu Neuengland habe ich nur insofern, dass ich diese Gegend sehr reizvoll finde. Oder besser gesagt: Mich fasziniert das Neuengland, das ich durch Romane, Reiseberichte oder Dokumentationen kenne. Selbst war ich noch nicht dort. Ich nehme also nicht für mich in Anspruch, ein realistisches Bild Massachusetts geschaffen zu haben, obwohl mir das bescheinigt wird. Aber ich widerspreche der landläufigen Meinung, dass Autoren nur über das schreiben sollten, was sie kennen.
Die USA schienen mir schlichtweg passend für Jakobs Geschichte. Nicht nur, dass die Figur Rachel in Deutschland so nicht möglich gewesen wäre. Die ganze Geschichte ist eine Spur abseits der Normalität. Dadurch, dass ich sie mit dem Setting USA den deutschen Lesern „entfremdet“ habe, wurde sie realistischer. Hätte ich sie in Deutschland spielen lassen, wären mehr Kommentare in der Richtung gekommen: „Dieses und jenes ist unglaubwürdig.“
In meinem neuen Buch gehe ich einen ähnlichen Weg. Zwar wird Lona Rosenzweigs Geschichte in Deutschland spielen, allerdings um das Jahr 1920 herum, das die wenigsten Leser noch aus eigener Erfahrung kennen dürften.


Wenn man die Figuren betrachtet, scheint Jacob eigentlich einer der normalsten im Buch zu sein. Was macht ihn dennoch zum „Spinnerkind“?

Gwendoline, eine Freundin Jakobs, nennt ihn so. Ihrer Meinung nach sind Guinness und Rachel „Spinner“, was Jakob damit zu einem Kind von Spinnern, oder andersherum, zu einem Spinnerkind macht.


Haben Sie schon ein neues Projekt? Wenn ja, was wird es werden?

Mein zweites Buch wird Anfang 2008 wieder bei Addita erscheinen und mit diesen Sätzen beginnen: „Lona Rosenzweig durfte nicht erwachsen werden. Aus diesem Grund hatte ihre Mutter eine Kiste für sie, anstelle eines Betts, in das Lona sich abends hätte legen können.“
Sobald ein genauer Erscheinungstermin feststeht, werde ich ihn auf meiner Homepage www.heikowolz.de nennen.


Planen Sie für Spinnerkind eine Fortsetzung?
Ich kann mir durchaus vorstellen, in einigen Jahren nach Hallington zurückzukehren und zu sehen, was aus den Figuren geworden ist, mit welchen Problemen sie zu kämpfen haben. Es würde mich aber selbst überraschen, wenn sich eine Fortsetzung innerhalb der nächsten zehn Jahre ergeben würde und ich bin mir sicher, dass es ungünstig wäre, eine solche schon jetzt zu planen. Jakob und seine Freunde müssen erwachsen werden, ohne dass ich ihnen dabei über die Schulter sehe. Auch Rachel und Guinness brauchen Zeit für sich. Die Figuren müssen neue Lebensthemen finden, bevor ich darüber berichten kann. 


Was liest Heiko Wolz privat? Haben Sie einen Lieblingsautor?

Abgesehen davon, dass ich momentan kaum Zeit finde, selbst zu lesen, wird es nicht überraschen, wenn ich John Irving nenne. Aber auch andere, vornehmlich amerikanische Erzähler begeistern mich: Philip Roth, Stephen King oder Truman Capote beispielsweise. Von den europäischen Autoren wäre Milan Kundera erwähnenswert.

 
Werden Sie auf der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt dabei sein?

Das wird mir aus beruflichen Gründen in diesem Jahr leider nicht möglich sein.

Spinnerkind

Heiko Wolz
Spinnerkind
Die wundersame Geschichte des Jakob McGhee

Addita, Februar 2007
170 Seiten, broschiert, 8,90 Euro
ISBN-10: 3939481017
ISBN-13: 978-3939481010

 

 

 

 

 

 



Letztes Update: 09-08-2007 14:25

Veröffentlicht in : Autoren Info, Interviews
Schlüsselworte : Heiko Wolz, Spinnerkind, Interview, wolz
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