Zusammengepfercht leben die Mitglieder einer jüdischen Familie in einem Hof und Haus mit vielen Räumen und Kellergewölben. Im Land herrscht Krieg zwischen den Türken und den Engländern. Der Zusammenbruch des Osmanischen Reichs zeichnet sich ab. Juden befinden sich wie überall in der Diaspora und bilden neben der mehrheitlich moslemischen Bevölkerung nur eine kleine Religionsgemeinschaft.
Den Handel treibenden Familienmitgliedern geht es nicht so gut in diesen Krisenzeiten.
Das Zusammenleben der Sippe mit vielen Männern, Frauen und Kindern auf engstem Raum ist von Zank, Streit und Hader untereinander gekennzeichnet. Die Figuren der Sippe sind so zahlreich, dass man einige Zeit braucht, um sich zurechtzufinden.
Anzeige Viktoria und Miriam sind Cousinen, die viele Geheimnisse teilen und sich nahe stehen. Sie lieben den gleichen Mann: Rafael.
Er ist viel älter als die beiden. Miriam will ihn heiraten. Durch ein Missverständnis ist Viktoria die Glückliche, die mit ihm vermählt wird, dem Mann, der ihr im Leben viel Freude aber auch Kummer bereiten wird.
In einer breit angelegten Studie wird das Leben der Juden um die Jahrhundertwende zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Bagdad beschrieben. Die Lebensweise unter einfachsten Bedingungen ist archaische. Mehrere Familienmitglieder bewohnen kleinste Räume, Frauen haben überhaupt keine Rechte und die Männer bestimmen mit harter Hand die Regeln des Zusammenlebens.
Viktorias Leben bietet das erstaunliche Bild einer Frau, die sich durch die Zerwürfnisse und Zankereien einer unübersichtlichen Familiensippe durchs Leben schlägt. Ihre Ehe verlief wie viele andere, bedroht durch Gefahren, Krankheiten, in Liebe und Zuneigung zu ihren Kindern und ihrem Mann und zugleich von der ewigen Untreue ihres Mannes unterhöhlt. Unter den Mitbewohnern geht es immer auch um Armut, Neid, um das Leben von Witwen und Waisen und um die Regeln, nach denen sich über Jahrhunderte das Leben zwischen den Geschlechtern abspielte - und immer wieder um die Liebe!
Sami Michael gibt detaillierte Beschreibungen einer Zeit, die uns sehr fern steht.
Die Geschichte jüdischen Bürgerlebens in Bagdad wird mit bunten Farben ausgeschmückt. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie das Leben jüdischer Familien zu Zeiten der osmanischen Reichs aussah: viele Menschen rangelten um den besten Lebensraum, Frauen waren bis zum Ende ihrer Fruchtbarkeitsphase fast dauernd schwanger und viele Kinder starben. Die Suche nach Verdienst und Nahrung und die hygienische Mangelversorgung erforderten besondere Fähigkeiten im Kampf ums Überleben.
In die für uns so exotische Lebenswelt muss man sich erst einlesen. Es ist eine versunkene Welt, aus der sich die Juden mit der Auswanderung nach Palästina befreit haben. Sami Michael hat sich in seiner Geschichte an historische Überlieferungen gehalten.
Er ist 1926 in Bagdad geboren und 1949 nach Israel ausgewandert. In Israel gilt er als einer der prominentesten jüdischen Autoren.
Sami Michael Viktoria Übersetzt von Inken Kraft
Bvt Berliner Taschenbuch Verlag, 2007
373 Seiten, broschiert, 9,90 Euro
ISBN-10: 3833304723
ISBN-13: 978-3833304729