„Sie sind alle nur Vorboten. Ein Genie ist aus dieser Bewegung noch nicht hervorgegangen. Wir können ihre Absicht erkennen und erachten sie für angemessen, halten jedoch vergeblich Ausschau nach einem Meisterwerk, das ihre Formel bestätigt“.
Als Emile Zola seine Einschätzung über die neue Bewegung der Freiluftmaler, der Impressionisten, veröffentlicht, fühlt sich Auguste Renoir persönlich herausgefordert. Er wird das Meisterwerk liefern, er will der Welt beweisen, welche Genialität in der neuen Bewegung enthalten ist.
Vor seinem geistigen Auge sieht Renoir das Bild längst vor sich. Ausladend, großformatig.
Das heiter ausgelassene Zusammensein der Bootsleute auf der Terrasse des Maison Fournaise im Grünen. Weinflaschen, Gläser, Obstschalen füllen die Tische, Frauen mit blumenbekränzten Sonnenhüten, Männer in kurzen Hemden, sitzen und stehen herum, einander zugewandt, ins Gespräch vertieft. Die Gesellschaft amüsiert sich, es wird gelacht, getrunken, gescherzt. In der Ferne hinter dem zarten Grün der Bäume sind noch vage einige Segelboote zu erkennen.
Anzeige „Das Frühstück der Ruderer“ soll Renoirs Meisterwerk werden, ein sichtbar bleibender Beweis für die Perfektion der Impressionisten, ein Bild, das Zolas kritische Einschätzung der Lüge überführen wird. Als er mit dem Malen beginnt, hat er den rechten Arm in Gips, aber er wird das Bild malen, notfalls auch nur mit der linken Hand. Groß soll es werden, groß in doppelter Hinsicht, perfekt, überzeugend, ein Meisterwerk eben, nicht mehr, nicht weniger.
Als Auguste Renoir 1880 sein „Frühstück der Ruderer“ beginnt, hat er sich bereits einen Namen als Maler gemacht. Aus dem 1841 in Limoges geborenen Porzellanmaler ist ein anerkannter Freiluftmaler geworden. Gleichzeitig mit Claude Monet entwickelt er seine kommaartige Pinselschrift, mit der er auch kleine Veränderungen in den Lichtreflexen überzeugend festzuhalten vermag. Blühende Farbigkeit entwickelt sich in seinen Bildern.
Naturhaft sinnliche Anmut füllt die Leinwand.
Auf den ersten Impressionistenausstellungen ist er jeweils mit mehreren Werken vertreten, doch sie erzielen nur sehr mäßige Preise. Sein Bild „ Madame Charpentier mit Töchtern“ wird 1879 im Salon hochgelobt. Doch im Kreis der Freunde wird seine Entscheidung, den Salon zu beschicken und an der Impressionisten-Ausstellung nicht mehr teilzunehmen, bitter aufgenommen.
Renoir lebt auf dem Montmartre in Paris wie viele seiner Künstlerkollegen von der Hand in den Mund. Sie haben keine Sicherheiten, oft genug auch weder Geld für Miete und warme Mahlzeiten. Bei den betuchten Freunden in seinem Umkreis steht er überall in der Kreide.
Für ein paar Francs verschleudert er seine Bilder.
Irgendwie schafft er es, wieder Geld aufzutreiben und sich aus dem Kreis der Freunde eine illustre Gesellschaft zum Modellstehen für sein Bild einzuladen. Die Zeit drängt, der Sommer neigt sich dem Ende entgegen, das Licht verändert sich. Die Modelle bringen mit Starallüren seinen Zeitplan völlig durcheinander, Circe zieht beleidigt von dannen, weil er sie nur im Profil, nicht als großes Porträt vorgesehen hat. Er hatte sich den Effekt des Farbenspiels auf ihrem gestreiften Kleid genau vorgestellt, doch dann muss er mit Terpentin und Spachtel an die Leinwand gehen und auf ein neues Modell hoffen.
Alles ist ein Vabanquespiel, alles ist fragil.
Die amerikanische Erfolgsautorin Susan Vreeland hat auf mehr als 600 Seiten die Entstehungsgeschichte eines einzigen Bildes von Renoir anschaulich erzählend eingefangen. Sie ist Kennerin der Verbindungen und Strömungen innerhalb der Gruppe der impressionistischen Maler. Konkurrenzen, Freundschaften, Feindschaften skizziert sie inmitten des bunten Künstlerlebens der Bohémien jener Zeit.
Sie versteht es, Atmosphäre zu schaffen, sie lässt das Licht flirren wie in den hellen Bildern der Freiluftmaler. Wie die Maler selbst schaut sie auf jedes Detail. Jede noch so kleine Nuance wird mit unterschiedlichen Schattierungen ausgeführt. Akribisch skizziert sie die Nebenschauplätze, beleuchtet Querverdingungen und das private Leben der einzelnen Figuren.
Renoir hat mit seinen Modellen intensive Beziehungen unterhalten, es konnte nur aus Liebe gut malen, wie er beteuert. So gibt es auch eifersüchtige Ehemänner, verschmähte Geliebte und andere, die sich um den besessenen Maler scharen. Nach mehr als 600 Seiten und einigen Sonntagen im Licht ist das Bild fertig. Auguste Renoir vollendete das Frühstück der Ruderer 1881, das der Käufer Duncan Phillips als eines „der wunderbarsten Gemälde der Welt, eleganter als jeder Rubens“ bezeichnet.
Wer sich für Kunst und speziell den Impressionismus interessiert, wird in dem dickleibigen Buch der Autorin durchaus auf seine Kosten kommen, auch wenn Tatsachen und Fantasie bunt gemischt sind. Für die in diesem Sommer raren Sonntage im Licht gibt es Besseres als die ausufernde Lektüre.
Susan Vreeland Sonntage im Licht Originaltitel:
Aus dem Englischen von
Diana Verlag, 2007
672 Seiten, gebunden, 22,95 Euro
ISBN-10: 3453290445
ISBN-13: 978-3453290440