Ein billiger Resopaltisch in einer schäbigen Wohnung in Russland: Ein Junge erfährt von dem Tod seines Vaters, der in einem kleinen englischen Örtchen ums Leben gekommen sei. Unter den wenigen Habseligkeiten des Toten befindet sich auch eine seltsame schwarze Strohpuppe. Der Junge weiß, dass dieses Ding niemals seinem Vater gehörte, und er weiß auch, dass er eines Tages Rache nehmen wird.
In Thinbeach, einem kleinen Ort bei Cambridge, steht Tom Fletcher seiner bisher widerlichsten Leiche gegenüber: Ein junger Mann wird tot in einem Schredder gefunden.
Beinahe alles deutet auf einen Unfall hin – wenn da nicht die Schuhe des jungen Mannes wären. Der junge Angestellte, der sich kaum eine Wohnung leisten konnte, trägt handgenähte Lederschuhe. Bald ist Tom klar, dass den Toten und die Frau seines Chefs, eine schöne, junge Russin, eine heimliche Romanze verband.
Anzeige Doch Olga ist nicht die einzige Russin, die in den Fall verstrickt ist. Bedrohlicher ist die Anwesenheit eines russischen Ex-Soldaten mit einer schrecklichen Narbe, einer dunklen Vergangenheit und einem gewalttätigen Charakter. Er will den Tod seines Vaters aufklären und er ist entschlossen, alle büßen zu lassen, die etwas damit zu tun haben. Es gibt nur eine Möglichkeit: Tom selber muss Antworten finden, ehe Blut fließt. Der Stichtag ist klar:
Das traditionelle Fest der Braut von Thinbeach.
Ein mordlustiger Russe in den verschlafenen englischen Fens, ein uralter Racheschwur und eine eigentlich harmlose Tradition, die irgendwann mit Blut befleckt wurde – dies und mehr sind die Zutaten für Patrick Lennons atmosphärischen Kriminalroman Tod einer Strohpuppe. Im Spannungsfeld von West und Ost, von Gegenwart und Tradition entwickelt sich eine Geschichte, die ebenso komplex wie spannungsgeladen einher kommt.
Interessant ist Tod einer Strohpuppe vor allem aufgrund der ungewöhnlichen Figuren. Obwohl Protagonisten wie Randfiguren unverkennbar aus der Tradition englischer Krimiliteratur kommen, haben sie doch alle Ecken und Kanten, die der Leser so nicht erwartet. Insbesondere die Russen, die wie eine düstere Bedrohung in das verschlafene Thinbeach einbrechen, sind von erstaunlicher Komplexität. Obwohl der Autor nie einen Hehl aus ihren Verbrechen und ihrer Grausamkeit macht, entsteht zwischen dem Mann mit der Narbe und dem Leser doch eine Form der Komplizenschaft, die ebenso spannend wie schuldbewusst ist.
Doch neben den Figuren gibt es noch eine weitere Hauptperson, und das ist Thinbeach, der kleine Ort mit seiner teils echten, teils verlogenen Schönheit, seinen Traditionen und seiner Schuld. Es ist die Atmosphäre, der der Autor seinen Lesern auf jeder Seite lebendig werden lässt, die von Anfang bis Ende bezaubert und verführt. Und spätestens beim Erscheinen der legendären Braut von Thinbeach ist der Leser vollkommen in den Bann dieser seltsamen kleinen Welt mit ihrer Schuld und ihren Menschen geschlagen.
Fazit: Intelligenter, atmosphärisch dichter Krimi aus England
Patrick Lennon Tod einer Strohpuppe Originaltitel: Corn Dolls
Aus dem Englischen von Barbara Ostrop
Dtv, 2007
377 Seiten, broschiert, 14,50 Euro
ISBN-10: 3423246049
ISBN-13: 978-3423246040