Wie lebt man als Kind einer manisch-depressiven Mutter, die ihr ganzes Leben sich selbst und ihre Familie mit ihren seelischen Gemütsbewegungen tyrannisiert hat?
László wird von seiner Mutter schon seit seinem 11. Lebensjahr auf Trab gehalten. Mittlerweile ist er 44 Jahre alt und seine Mutter ist schwer krank. Er ist Kabarettist und Komiker, aber so manches Mal ist ihm mehr zum Weinen als Lachen zumute!
Was als trostlose Tirade der Mutter beginnt, in der sie in einer Art Halbwachzustand über ihr Leben, ihre Kinder, ihren Mann und den letzten Liebhaber sinniert, das entpuppt sich als eine ruppige und lamentierende Abrechnung mit ihrem Leben. Dabei entbehren ihre Ausführungen nicht einer gewissen Komik, mit der sie sehr realistisch ein Leben nachzeichnet, das den Wechselfällen politischer Zufälle im kommunistischen Ungarn ebenso unterworfen war wie dem Alltagsleben mit einem Mann, der sich beruflich den Gegebenheiten anzupassen hatte. Er ist schon vor langer Zeit gestorben.
Die ständigen Schwankungen einer manisch-depressiven Mutter haben bei László Spuren hinterlassen.
Anzeige Die Mutter bietet sehr häufig Anlaß, sich um sie zu sorgen. Sie betreibt Missbrauch mit Medikamenten, trinkt zu viel und hat insgesamt eine labile Persönlichkeitsstruktur. Bei ernster Erkrankung ist es der Sohn, der sich um ihre Unterbringung kümmert und nicht seine Schwester, die dazu gar nicht in der Lage ist.
Bei allen Aktivitäten erscheint László wie ein Ertrinkender, der den Verhältnissen ständig hinterher läuft. Sein Privatleben zu ordnen gleicht einem Marathonlauf, denn bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten hindert die Mutter ihn daran, dass er sein Liebesleben regeln kann.
Seine Frau streitet bei jeder Gelegenheit mit ihm, und den drei gemeinsamen Kindern fühlt er sich fern.
Mit seiner Freundin, einer bekannten Fernsehansagerin, kommt er auch nicht recht weiter. Es sieht so aus, als wäre er besetzt von so vielen Problemen, dass eine Lösung nicht in Sicht ist. Zu Beginn der Geschichte kommt ein wenig Überdruss auf, weil alles gar zu traurig und in einem sehr gewöhnlichen, drastischen und fast rüden Sprachstil geschrieben ist. Dann aber gewinnt eine Lust an der Komik die Überhand. Die Eskapaden der kraftvollen und etwas verrückten Mutter bieten eine Menge Stoff zu amüsanten Weltbetrachtungen. Sie lebt unkonventionell und spontan, macht unüberlegte Reisen, pflegt seltsame Freundschaften und letzte Liebschaften.
Durch ihre Eskapaden, die den Sohn immer wieder in Bedrängnis bringen, wird die Handlung unterhaltsam und zeigt mit viel Einfallsreichtum, dass die Todkranke sprühend vor Lebenshunger und Übermut ihrem Ende entgegen geht.
Leicht verdaulich ist die Erzählung nicht. Belastende Teile der Geschichte werden durch ausgefallene Ideen und die eigenwillige Lebensform der Mutter kompensiert. Die Komik macht alles wett, so dass das Elend erträglich wird. Eine Hassliebe zwischen Mutter und Sohn ist nicht ungewöhnlich und gewinnt in dieser Erzählung zugleich tragische und komödiantische Züge.
Miklós Vamós ist ein in Ungarn viel beachteter Autor, dessen Drehbücher, Theaterstücke, Romane und Erzählungen vielfach preisgekrönt und in viele Sprachen übersetzt wurden.
Miklós Vámos Vom Lieben und Hassen Originaltitel: Anya Csak egy van
Aus dem Ungarischen von Ernö Zeltner
Btb, 2006
316 Seiten, gebunden, 18,00 Euro
ISBN-10: 344275156X
ISBN-13: 978-3442751563