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Nicht so schlimm PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Claudine Borries, am 30-07-2007 11:00
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Nicht so schlimm Mit einer Überraschung für den Protagonisten dieses Romans, einem namenlosen Erzähler, beginnt die spannende und fesselnde Geschichte der Zersetzung einer Ehe und der Rettung durch die Liebe.

Ein junger Franzose von Anfang dreißig sitzt mit seinem Vater, Bruder und der Stiefmutter in einem Restaurant in Italien. Er ist nur für ein Wochenende ohne seine Frau und die Kinder zu Besuch in das Städtchen Romanze gekommen.

Die Familie sieht ihm an, dass es ihm nicht gut geht und er kurz vor einer nervösen Depression steht. Ein Kellner überreicht ihm ein Kärtchen. Die Karte hat das Logo des Restaurants und der handschriftlich vermerkte italienische Text enthält die Worte: Ero dietro di te. * Ich war hinter Dir * lautet die Übersetzung und darunter steht eine Telefonnummer.
 
Der Icherzähler berichtet einem imaginären Gegenüber in einem ununterbrochenen Erzählfluß von diesem Erlebnis und noch von vielen weiteren. Er berichtet, wie es ihm geht und bis heute erging. Bisher hat er sich für einen glücklichen Typ gehalten, der über die Probleme Gleichaltriger gelacht und sich für fröhlich und unbeschwert gehalten hat. Seine zwei Kinder und die hübsche Frau suggerieren ihm, dass er das pure Glück genießt. Er liebt seine Frau Alexandrine, betet sie an, fühlt sich ihr aber unterlegen, ist hilfsbereit und lieb und buhlt ständig um ihre Zuneigung. Sie leistet sich ihm gegenüber eher Schmähungen, die gelegentlich in Schimpftiraden und Demütigungen ausarten.

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An einem Tage X lässt er sich von einer halbseidenen Sängerin verführen, und von nun an ist es ganz aus. Seine Schuldgefühle wachsen ins Unermessliche und seine Frau tobt, schreit und prügelt ihn, um ihn zu guter Letzt in Kodong mit einem farbigen Mobalesen zu betrügen. Auch Alexandrine ist eine Farbige.

Außer sich vor Wut und Eifersucht versucht er alles, um es ihr recht zu machen. Es kann nicht gelingen. Er selber sieht seine masochistische Seite, die ihn immer weiter ins Abseits treibt, während Alexandrine sich über ihn lustig macht und ihn von sich wegschiebt und erniedrigt.

Und dann geschieht bei seinem Besuch in Italien das Unerwartete: in seiner Verzweiflung greift er im Haus seines Vaters zum Telefon und wählt um Mitternacht die ihm auf dem Kärtchen überreichte Telefonnummer. Eine verschlafene Frauenstimme meldet sich und die beiden verabreden sich für den nächsten Tag. Er trifft eine lässig und sportlich gekleidete zarte Frau, Alice. Sie sprechen miteinander, er erzählt von seiner Ehemisere und es ist, als kennten sie sich schon ewig. Sie ist eine Frau, die gut zuhört, Dinge hinterfragt und sich bewusst macht. Unser Erzähler fühlt sich ihr nah. Sensibel und in gegenseitigem Verstehen beginnt vorsichtig und zaghaft eine rücksichtsvolle und leidenschaftliche Liebesgeschichte.

Der Ton des Erzählers gegenüber seinem imaginären Ansprechpartner, dem er seine Geschichte erzählt, ist salopp und gleichzeitig gepflegt. Er spricht natürlich, offen und aufrichtig, so als redete er mit einem sehr guten Freund.
 
Nicolas Fargues ist ein wahres Erzähltalent: kultiviert, reflektiert und voller Einfälle, um Situationskomiken einzufangen. Mit vehementem Wortreichtum werden die Facetten der schrecklichen sado-masochistischen Ehe ausgeleuchtet.

Die  Beobachtungen der italienischen Mentalität in Gegenüberstellung zu der französischen sind so treffend, dass man lächelnd zustimmen möchte. Italienische Künste, Geschichte und Architektur im Vergleich zu  den französischen Künsten, Kultur und Essgewohnheiten, ja selbst die italienischen Kellner scheinen in ihrer jovialen Herzlichkeit so viel netter als die französischen, dass es Spaß macht, diesen Einschätzungen zu folgen!

Fargues arbeitet fein und gekonnt heraus, wie Menschen sich blockieren, wenn die Liebe vergangen ist. Dass Zuneigung und Akzeptanz in einer neuen Partnerschaft dagegen lebensrettend sein kann, bezeugt er mit dieser Liebesgeschichte! Die Steigerung der Leidenschaft zwischen dem Erzähler und seiner italienischen Liebe ist atemberaubend. Nicolas Fargues beschwört zugleich die eingeübten Verhaltensmuster herauf, die eine Flucht aus der Ehe fast unmöglich erscheinen lassen.

Das Buch spiegelt den Wechsel zwischen Ernst, heiterer Weltbetrachtung und reflektierter Lebenspraxis. Dass auch interkulturelle Ehen in ihrer Problematik ein Thema sind, sei nur nebenbei erwähnt.

Fargues ist ein intelligenter Berichterstatter, dessen Analysen der Realität entnommen scheinen. Er ist Mitte dreißig und lebt in Paris. Er hat mit diesem Buch den Liebesroman seiner Generation geschrieben, der in  Frankreich monatelang auf der Bestsellerliste stand.

 

Zur zweiten Rezension des Buchs

Bibliographische Angaben





Nicolas Fargues
Nicht so schlimm
Originaltitel: J'étais derrière toi
Aus dem Französischen von Frank Wegner
Rowohlt, Reinbek, 2007
187 Seiten, gebunden, 16,90 Euro
ISBN-10: 3498021176
ISBN-13: 978-3498021177

 

 

 

 

 




Letztes Update: 09-08-2007 14:28

Veröffentlicht in : Buch, Belletristik
Schlüsselworte : Fargues, J'étais derrière toi, 978-3498021177, 3498021176
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