Bereits zum dritten Mal bringt Lars Peter Lueg den Horror in den heimischen CD-Player – abermals vorgetragen von einer Reihe hochkarätiger Sprecher. Für die musikalische Untermalung, sowie Schnitt und Ton, zeichnet Andy Matern, eine feste Größe im deutschen Hörbuchbereich, verantwortlich.
David H. Keller: Da unten ist nichts! (1952, The Thing in the Cellar), gelesen von Udo Schenk (die deutsche Stimme von Gary Oldman)
Schon als er noch ein Baby war, hatte Tommy, der einzige Sohn der Tuckers, Angst vor dem alten Keller seines Elternhauses. "Da unten ist etwas!", dessen ist er sich sicher. Was genau dieses etwas sein soll, kann er seinen verwirrten und zunehmend verärgerten Eltern jedoch nicht erklären. Dankbar nimmt Tommys Vater den Rat des Hausarztes an, seinen Sohn dazu zu zwingen, alleine vor der geöffneten Kellertüre zu sitzen und seine "irrationalen" Ängste zu überwinden...
Kritik
MitDa unten ist nichts! eröffnet eine klassische Geisterhausgeschichte das Hörbuch. Die Beschreibung des alten Kellers ist sehr atmosphärisch geraten, und auch der Spannungsaufbau ist gelungen. Letztlich bleibt jedoch der Mangel der Vorhersehbarkeit, den auch der routinierte Udo Schenk nicht ausgleichen kann.
Anzeige F. Paul Wilson: Zart wie Babyhaut (1991, Foet), gelesen von Marie Bierstedt (die deutsche Stimme von Kirsten Dunst)
Als sie ihre alte Freundin Helen beim Shopping trifft, hat Denise nur Bewunderung für ihren ausgezeichneten Geschmack übrig. Besonders hat es ihr Helens Handtasche angetan, ein Traum aus weichem Leder, der Inbegriff von Luxus... Ein Luxus, in dem auch Helen schwelgen will, für den sie auch bereit ist, etwaige Bedenken über Art und Herkunft des Leders hinten anzustellen.
Kritik
Durchaus möglich, dass einige Hörer F. Paul Wilsons Geschichte nicht in die Kategorie Horror einordnen würden. Tatsächlich hat sie wenig gemein mit der vorhergehenden Erzählung.Zart wie Babyhaut ist eine Parabel auf die moderne Konsumgesellschaft, und mehr Satire und Groteske als Horror, schwarzhumorig und äußerst amüsant. Marie Bierstedt schafft es, die ungewöhnlichen Konsumgelüste der Protagonistin geradezu als die normalste Sacher der Welt erscheinen zu lassen.
Clark Ashton Smith: Necropolis – Das Reich der Toten (1932, The Empire of the Necromancers), gelesen von Reinhard Kuhnert (die deutsche Stimme von Pierce Brosnan)
In Tiamat findet die Totenbeschwörung nur wenig Anhänger, ein Umstand der den beiden Nekromanten Madmour und Sodossma schwer zu schaffen macht. Ihre schmachvolle Vertreibung im Gedächtnis und die Gier nach Macht im Herzen machen sich die beiden Schwarzmagier auf, das von der Pest ausgelöschte Land Yepirion wieder zu bevölkern. Mit den Toten als Dienerschaft schwelgen die Nekromanten im Luxus, doch nicht jeder Untertan ist ein willfähriges Opfer ihrer dunklen Künste.
Kritik
Sehr altmodisch kommt Necropolis daher, einer Geschichte, die Clark Ashton Smith wie eine alte Legende erzählt. Vor allem dem Sprecher Reinhard Kuhnert ist es zu verdanken, dass die bereits vor einem dreiviertel Jahrhundert erschienene Erzählung voller (untotem) Leben ist. Untergegangene Städte und endlose Ebenen erschafft Kuhnert mit einer Leichtigkeit, dass es beinahe traurig stimmt, wenn die beiden Nekromanten ein frühes Ende finden.
Christopher Fowler: Die langweiligste Frau der Welt (1995, The Most Boring Woman in the World), gelesen von Arianne Borbach (die deutsche Stimme von Catherine Zeta-Jones)
Das ihr Leben interessant ist kann sie nicht behaupten, sagt die Erzählerin. Eine ganz normale Hausfrau, Ehemann, zwei Kinder, ein Haus in der Vorstadt, tagein tagaus dieselbe Routine. Schon seit ihrer Kindheit verläuft ihr Leben auf ereignislosen Pfaden. So will es uns die Erzählerin zumindest weismachen. Eine seltsame Anhäufung von Todesfällen in der Familie, lakonisch berichtet, lässt jedoch erste Zweifel aufkommen. Auch Drogen scheint sie nicht abgeneigt, entwickeln sich Kinder und Ehegatte doch mehr und mehr zu einer Last für Sie. Als Ihr Mann sie verlassen will, wehrt Sie sich... oder ist alles nur ein Tagtraum?
Kritik
Wieder eine Geschichte jenseits des klassischen Horrors. Christopher Fowler versteht es meisterhaft, den alltäglichen Horror, der hinter der schönen Fassade der Vorstadthäuser lauert, lebendig werden zu lassen. Die Episode profitiert auch von Arianne Borbach, die die Stimmungsschwankungen der Ich-Erzählerin, von apatisch-distanziert bis hin zu mörderisch-hasserfüllt, so gekonnt vorträgt, dass man ihr den Wahnsinn der "langweiligsten Frau der Welt" sofort abnimmt.
Der eindeutige Höhepunkt der CD!
Graham Masterton: Die graue Madonna(1995, The Grey Madonna), gelesen von Till Hagen (die deutsche Stimme von Kevin Spacey)
Dean Wallace kehrt nach Brüssel zurück, in die Stadt in der seine Frau unter mysteriösen Umständen ums Leben kam. Die polizeilichen Ermittlungen endeten in einer Sackgasse, der einzige Hinweis auf die letzte Person, die seine Frau vor ihrem Tod gesehen hat, kommt von einem Kutscher: gestritten habe sich seine Frau, und zwar mit einer in grau gekleideten Ordensschwester. Der Tod seiner Frau, dazu der Verlust seines ungeborenen, abgetriebenen, Sohnes – zu viel für Wallace, der verzweifelt nach einer Antwort sucht. Wenn die zahllosen grauen Madonnenstatuen doch nur reden könnten!
Kritik
Mastertons Geschichte von Schuld und Sühne ist zu religiös-moralisch, um uneingeschränkt überzeugen zu können. Dabei versteht Masterton es durchaus, ein morbides Brüssel, voll von alten Legenden, vor dem inneren Auge des Zuhörers entstehen zu lassen. Auch der Spannungsaufbau ist gelungen, insbesondere der dramatisch Höhepunkt weiß zu fesseln. Ebenfalls zu überzeugen weiß Till Hagen, der die Riege der erfahrenen Sprecher komplettiert.
Gesamteindruck
Einmal abgesehen davon, dass der beinahe obligatorische Beitrage von H. P. Lovecraft dieses Mal fehlt, bieten die fünf Kurzgeschichten inhaltlich genügend Abwechslung, so dass für jeden Geschmack etwas dabei sein sollte. Lediglich die Freunde des gepflegten Splatters werden dieses mal bei Necrophobia nicht fündig. Besonders erfrischend sind die grotesk-morbiden GeschichtenZart wie Babyhaut undDie langweiligste Frau der Welt, sind sie doch das beste Beispiel für den modernen Horror, der sich nicht in der ewigen Wiederholung alter Klischees ergeht. LediglichDa unten ist nichts! bleibt etwas unter den Erwartungen zurück, ist das Ende doch allzu vorhersehbar. Neben der praktisch fehlerlosen Sprecherleistung verdient auch die musikalische Untermalung durch Andy Matern ein Lob, unterstützt die Musik die Sprecher doch dezent, ohne aufdringlich zu sein.
Auch der dritte Teil der Necrophobia-Reihe ist wieder eine Empfehlung wert! Tolle Sprecher und interessante Geschichten – auch wenn die Auswahl natürlich Geschmackssache ist – versprechen gute Unterhaltung und gepflegten Grusel.