Vorlesungen für Kinder sind zweifelsohne eine bestechende Idee. Das "Schwäbinger Tagblatt" hat sie im vergangenen Jahr zusammen mit der Universität Tübingen erstmals in die Tat umgesetzt. Ein Semester lang war die Uni regelmäßig in Kinderhand. Nun ist das Buch zum Projekt erschienen: Die Kinder-Uni - "Forscher erklären die Rätsel der Welt".
Doch mussten die Professoren erst einmal lernen, ihre Vorlesungen ganz ohne die gewohnte Wissenschaftssprache und Fachtermini zu halten.
Die Tübinger Forscher machten im vergangenen Jahr deshalb eine ganz neue Erfahrung, betonen die Autoren und Initiatoren des Projekts, Ulrich Janßen und Ulla Steuernagel in ihrem Vorwort. Die Professoren hatten Lampenfieber! Auch für die routiniertesten Universitätslehrer war der Gedanke, Kindern tausend Fragen beantworten zu müssen und sich in ihrer Rede außerhalb ihrer gängigen Fachtermini zu bewegen, eine große Herausforderung. Die Vorbereitungen für die Kinder-Vorlesungen waren deshalb aufwändiger als sonst. Mit erstaunlichem Erfolg. Die Professoren erwiesen sich schnell als recht findig und einfallsreich, um ihren "Stoff" aufzupeppen.
So trug der Wirtschaftswissenschaftler Eberhard Schaich für die Beantwortung der Frage "Warum gibt es Arme und Reiche" säckeweise süße Goldmünzen aus Supermärkten zusammen. Der Pathologe Edwin Kaiserling grub seinen toten Hahn "Goggel" wieder aus und brachte das Hühner-Gerippe im gläsernen Sarg mit in die Vorlesung. Und der Empirische Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger hatte Lachsäcke im Gepäck.
Umgekehrt hatten die acht Professoren stets ein dankbares Publikum. "900 Kinder zwischen sieben und zwölf Jahren ließen an einem sehr heißen Tag das Freibad links liegen, um herauszufinden, warum man über Witze lacht", berichten die Autoren. Manche seien schon eine Stunde vor Beginn erschienen, um einen guten Platz zu bekommen. Überraschend viel Neugier für den Uni-Betrieb und seine akademischen Rituale hätten die Kinder aufgebracht. Natürlich wurde auch das Mensa-Essen dank "Kinder-Uni-Ausweis" getestet.
Vor allem aber waren die Kinder wissbegierig. Und sie lernten. Warum speien Vulkane Feuer? Warum beten Muslime auf Teppichen? Warum sind die Dinosaurier ausgestorben? Aber auch eine heikle - und für Kinder sehr zentrale - Frage wurde nicht ausgespart: "Warum ist die Schule doof?" Der Erziehungswissenschaftler Hans-Ulrich Grunder erläuterte natürlich die Vorteile der Schule, deren Besuch vor nicht allzu langer Zeit noch für breite Bevölkerungsschichten keine Selbstverständlichkeit war. Doch sparte er auch nicht mit Kritik, trat beispielsweise für die Ganztagsschule und die Abschaffung der Noten ein. Sein Fazit mag dennoch manchem Schüler nur ein schwacher Trost gewesen sein: Eigentlich "ist Schule eine tolle Erfindung (...). Schule an sich ist überhaupt nicht doof. (...) Die Halbtagsschule, wie sie in Deutschland üblich ist, ist wirklich doof."
Anzeige So zeigten die Vorlesungen den Kindern immer wieder vor allem eines: Dass es nicht immer einfache Antworten gibt. "Warum gibt es Arme und Reiche" versuchte Eberhard Schaich zu erklären, um am Ende festzustellen, dass die Welt nicht nur in Arm und Reich, "sondern auch in Meinungen darüber geteilt (ist), wie sich dieses Problem lösen ließe." Und der Pathologe Edwin Kaiserling, der den Alterungsprozess der Zellen, die Entstehung von Krankheiten erklärte, um zu verdeutlichen, warum Menschen sterben müssen, stieß mit seiner Bilanz "Der Tod gehört zum Leben dazu" vielleicht auch schlicht an die Grenzen seines Faches. Hier wäre eine interdisziplinäre Vorlesung interessant gewesen, in der ein Philosoph die Ausführungen des Mediziners ergänzt.
An dem Buch zum Projekt stört eigentlich nur etwas, dass es sich bei den Vorlesungs-Artikeln nicht um die Originalbeiträge der Wissenschaftler handelt. Statt dessen haben die beiden Redakteure des "Schwäbischen Tagblatts" die Texte unter "wissenschaftlicher Beratung" verfasst. Zahlreiche interessante Randbemerkungen, Anekdoten und Details ergänzen dabei den Haupttext, und der Anhang bietet ein Glossar wichtiger Begriffe der Universitätssprache, ebenfalls kindgerecht erklärt. Die - handwerklich ausgezeichneten - Zeichnungen des preisgekrönten Illustrators Klaus Ensikat sprechen allerdings in ihrer subtilen Ironie und Technik mehr ältere Leser an. Ein anderer Illustrator hätte hier vielleicht eher die Kinderherzen erobert.
Wissbegierige Kinder (und Erwachsene) werden in der Kinder-Uni ernst genommen. Das Erfolgs-Projekt wird übrigens fortgeführt. Auch in diesem Sommer bevölkern Jungen und Mädchen mit "Kinder-Uni-Ausweis" die Hörsäle in Tübingen. Spannende Fragen gibt es wieder zu klären: Warum darf man Menschen nicht klonen? Warum dürfen Erwachsene mehr als Kinder? Warum bin ich Ich? Warum träumen wir? Die Idee, Professoren und Kinder zusammenzubringen, haben mittlerweile Unis in ganz Europa aufgegriffen. Die Kinder-Uni führt jedoch noch zu ganz anderen Fragen: Warum hat es so lange gedauert, bis jemand auf diese tolle Idee kam? Warum werden viele der Kinder später als Studenten voraussichtlich nicht mehr so begeistert die Vorlesungen verfolgen? Warum sind nicht alle Vorlesungen so witzig und interessant wie die der Kinder-Uni?
Über den Autor:
Ulrich Janßen, geboren 1959, ist Redakteur des Schwäbischen Tagblatts in Tübingen. Ulla Steuernagel, geboren 1954, ist Redakteurin des Schwäbischen Tagblatts in Tübingen und dort unter anderem für die Jugendseite verantwortlich.
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Weiterführende Links / Besprechungen bei uns
Ulrich Janßen/Ulla Steuernagel Die Kinder-Uni
Forscher erklären die Rätsel der Welt
Mit Illustrationen von Klaus Ensikat
223 Seiten, Deutsche Verlags-Anstalt
19,90 Euro
ISBN 3-421-05695-1