Schicksalsschlag als Essenz mörderischer Rachsucht
Offensichtlich litt der schon in jungen Jahren zu einiger Berühmtheit als forensischer Anthropologe avancierte Dr. David Hunter an einer Art “Burn Out”, verursacht durch den frühen Unfalltod seiner Frau und der gemeinsamen Tochter. Er kehrt der Großstadt London und seiner nicht immer angenehmen Arbeit den Rücken und zieht aufs eher langweilig-triste Land nach Manham im Bezirk Norfolk, um in der Landpraxis des gelähmten Dr. Henry Maitland mitzuarbeiten.
Schon bald zieht sich der lange Zeit noch auf seine Genesung Hoffende mehr und mehr zurück und David hat gut zu tun. Dennoch fehlt ihm der Rückhalt der Leute. Bis zum Ende der Geschichte ändert sich diesbezüglich kaum etwas; er bleibt ein Fremder aus der Stadt.
Als zwei Kinder eine gruselig von Maden und der “Chemie des Todes” zerfressenen Leiche Sally Palmers mit eingepflanzten Schwanenflügeln entdecken, schlittert er teils aus eigener Neugier, teils aufgrund seiner nicht abzustreifenden Fachkenntnis in die Aufklärung des Falles hinein. Es entspinnt sich eine etwas distanzierte Zusammenarbeit als Sachverständiger mit dem örtlichen Kommissar, der bald schon Hunter’s Vergangenheit kennt und dessen Kompetenz nutzen will.
Anzeige Der innerlich immer noch unruhige, von geradezu realistischen Träumen über seine beiden verlorenen Lieben, Ehefrau und Tochter, verwirrt und doch auch geleitet, entdeckt kaum merkliche Emotionen der Lehrerin Jenny Hammond gegenüber. Langsam und vorsichtig entwickelt sich das Kennen zur Beziehung.
Richtig “gepackt” wird der frühere Rechtsmediziner, als eine weitere Frau, die Schriftstellerin Lyn, während nach ihrer Jogging-Runde nicht heimkehrt und dann ermordet aufgefunden wird. Der Kommissar Mackenzie drängt Hunter förmlich, bei der Aufklärung mitzuwirken, was dieser schließlich auch tut. Eine Reihe merkwürdiger und dem Hauptstrang der Geschichte beigefügten Ereignisse oder Erlebnisse lassen einen hinsichtlich eigener Vermutungen verschiedene Verdächtige in Betracht ziehen, wie beispielsweise den scharfzüngigen Prediger des Ortes oder einen impulsiven, gewaltbereiten Jäger und Fallensteller.
Nach der eher relativ gemächlich sich fortschreibenden Erzählung gerät einem im letzten Drittel dann doch noch das Blut in Wallung. Als Dr. Hunter’s neue Beziehung zu Jenny gerade an Klarheit gewinnt, verschwindet auch sie und eine aufgeregte Hatz beginnt. Dem Autor gelingt es, eine regelrechte Jagd zu entfachen, die ihre Spannung durch das Wissen um das Vorgehen des Mörders, der seine Opfer zunächst drei Tage zu quälen pflegt, bevor er sie auf grausam-ritualisierte Weise tötet, erhält. Andererseits verfolgt man mit dem Protagonisten gemeinsam auch eine mögliche, aber doch schließlich falsche Spur. Das kostet Zeit und Nerven.
Auch wenn die ganze Geschichte aufgrund etwas überzogener Abläufe an manchen Stellen unglaubwürdig scheint, erstaunt und erschüttert einen die Wendung am Schluss zugleich. Das hätte man eben nicht gedacht …! Insgesamt ein Thriller, der langsam startet, mittelprächtig gut unterhält und gegen Ende ausreichend Nervenkitzel verursacht.
Simon Beckett Die Chemie des Todes Originaltitel: The Chemistry of Death
Aus dem Englischen von Andree Hesse
Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2007
430 Seiten, broschiert, 9,90 Euro
ISBN-10: 3499241978
ISBN-13: 978-3499241970