„Ich wohne am Brazzaville Beach. (...) Ich bin hier, weil ich zweimal nacheinander in seltsame und außergewöhnliche Ereignisse verwickelt wurde und Zeit brauche, um sie abzuwägen, sie zu bewerten. Ich muß begreifen, was sich da abgespielt hat, ehe ich gewissermaßen wieder in mein Alltagsleben einsteigen kann. (...) Zwei Ereignisketten also. Eine in England, als erstes, und dann in Afrika. Zwei Geschichten zu erzählen. Ich habe mich nach Afrika geflüchtet, um dem zu entfliehen, was in England passiert war, und dann hat mich Afrika, wie dieser Kontinent das so zu tun pflegt, noch mehr hineingeritten. Aber so kann man nicht anfangen. (...) Ich heiße Hope Clearwater... Oder: «Hope Clearwater ist diese große junge Frau, die am Brazzaville Beach wohnt.»“
Auch im Land herrscht ein erbitterter Bürgerkrieg
Nach ihrer gescheiterten Ehe mit einem genialen, doch wahnsinnigen Mathematiker beginnt Hope Clearwater in Westafrika ein neues Leben. Im Forschungscamp Grosso Avore ist es ihre Aufgabe, Schimpansen zu beobachten. Doch schon bald stellt sie fest, dass die als friedlich geltenden Tiere einen grausamen Krieg untereinander beginnen, dessen Brutalität menschlicher Kaltblütigkeit ähnelt. Hopes Beobachtungen sorgen auch im Camp für Unruhe, denn sie widerlegen alle bisherigen Forschungsergebnisse der laufenden Langzeitstudie. Für den renommierten Primatenforscher Eugene Mallabar bedeutet dies die Zerstörung seines Lebenswerks. Mit allen Mitteln muss er versuchen, Hopes grausame Entdeckung geheim zu halten. Doch nicht nur im Mikrokosmos von Grosso Avore brodelt es. Auch im Land herrscht ein erbitterter Bürgerkrieg.
Anzeige William Boyd gelingt es, mehrere Ebenen zu verflechten, ohne den Leser zu verwirren. Die Ereignisse in England, die er in der dritten Person erzählen lässt, schildern eine Liebesgeschichte, die weder sentimental noch zynisch anmutet, sondern zwei Menschen charakterisiert, die ihr Leben der Wissenschaft verschrieben haben. Der zweite Handlungsstrang, auf dem afrikanischen Kontinent, wird in der Ich-Perspektive wiedergegeben. Der Leser begleitet Hope Clearwater bei der Erforschung von Schimpansen, Hominidae, Menschenaffen. Zugleich ist es aber, als beobachte er Hope und ihre Kollegen in Grosso Avore. Primatenforschung auf zwei Ebenen also.
Der Leser stolpert nicht über einen erhobenen Zeigefinger
Die Probleme des Schauplatzes Afrika thematisiert Boyd nicht klischeehaft. Weder oberflächliche Romantik noch westliches Mitleid kommen hier zum Tragen. Zunächst herrscht der Bürgerkrieg fern ab von Grosso Avore und für Hope Clearwater ist er zu weit entfernt, als dass sie sich dafür interessieren müsste. Nur bei ihren gelegentlichen Einkaufstouren in die Stadt erfährt sie hin und wieder, wie es um das Land, in dem sie lebt, steht. Denn dort trifft sie ihren Liebhaber Usman, einen ägyptischen Söldnerpiloten, der allerlei zu berichten weiß. Erst als die Forscherin schließlich selbst mit den Gefahren des Bürgerkriegs konfrontiert wird, indem sie bei einer Straßensperre in die Hände der aufständischen UNAMO fällt, ist sie gezwungen aus ihrer Welt der Wissenschaft hinaus in das Leben zu treten. Dabei geht es dem Autor nicht um ein plumpes Richtig und Falsch. Der Leser stolpert nicht über einen erhobenen Zeigefinger, sondern findet hier den realistisch persönlichen Bericht einer starken Frau vor.
Fazit: Philosophie und Mathematik, Verhaltensbiologie und Botanik, Wissenschaft und Leben. All das findet seinen Platz in William Boyds Roman. Brazzaville Beach ist ein uneingeschränkt empfehlenswertes Buch, das lange nachwirkt. Prall gefüllt an Erfahrungen, Reflexionen und Gedanken über das Leben.
William Boyd Brazzaville Beach Berliner Taschenbuch Verlag (Bvt), Mai 2007
410 Seiten, broschiert, 10,50 Euro
ISBN-10: 3833304901
ISBN-13: 978-3833304903