Ein melancholisches, aber keineswegs rührseliges Epos über das Schicksal der Cherokee-Indianer im 19. Jh. hat Charles Frazier mit Dreizehn Monde geschrieben.
Die Geschichte des Will Cooper und seiner indianischen Freunde aus dem Stamm der Cherokee, deren Kultur und Lebensweise er kennen und schätzen lernt, verwebt der Autor von Seite zu Seite immer intensiver mit dem rücksichtslosen Expansionsdrang der Weißen, die die Indianer-Nationen in den noch kaum besiedelten Westen Amerikas deportieren.
In den Sog von Ausbeutung und Vertreibung wird auch Will hineingezogen.
Charles Frazier beginnt seinen neuen Roman äußerst eindrucksvoll. Der Ich-Erzähler Will Cooper empfängt uns im hohen Alter zur Abendzeit in seinem Haus, in dem er allein mit seinen Erinnerungen lebt:
"Es gibt kein schmerzloses Entrücktsein. Die Liebe und die Zeit haben mich in diesen Zustand versetzt. Bald breche ich auf in das Nachtland, in das überzuwechseln alle Geister von Menschen und Tieren sich sehnen. … Ich liege im Dunkeln im Bett und lasse die Vergangenheit über mich hinwegfegen wie nadelfein stechende, stürmische Regenschauer. Ich lasse mich von der Schwerkraft in die Tiefe ziehen, und bald schon atme ich kaum noch. Übe für das Nachtland."
Anzeige Wir schreiben das Jahr 1820.
"Eines Nachmittags im Frühjahr ritt ein Waisenjunge, zwölf Jahre alt, einen schmalen Pfad hinauf durch die Bergwildnis." Will Cooper - blitzgescheit und belesen - ist von seinen Adoptiveltern an einen Fremden verkauft worden, um sich um eine verwahrloste Handelsstation in quasi noch unentdecktem Gebiet ("ein weißer Fleck auf der Landkarte") zu kümmern.
Völlig auf sich gestellt zieht er durch die amerikanische Wildnis ("ich war ins Ungewisse aufgebrochen"), trifft auf Außenseiter, abgehalfterte Indianerhäuptlinge und Claire - ein junges Indianermädchen ("Schon damals wusste ich, dass sie etwas Fatales war, das mein Leben durchbohrte."), die er aber wieder verliert.
Mehr schlecht als recht erreicht er sein Ziel. ("Alles in allem, fand ich, roch es nach Tod … Das war kein Laden, das war ein Mittelding aus Räucherkammer und Hühnerstall und Quellenhaus. Und Scheißhaus, nach dem Geruch zu urteilen.") Mitten im Cherokee-Gebiet liegt dieser Handelsposten. Will freundet sich mit seinen Bewohnern an, ja er wird sogar von deren Häuptling Bear als Sohn adoptiert. Hautfarbe und Blutmischung ist für die Cherokee unwichtig. "Klanzugehörigkeit war alles."
Will lernt deren Sprache, lebt mit ihren Sitten und Gebräuchen und … begegnet Claire erneut. Zwei Sommer der großen Gefühle leben die zwei jungen Menschen aus, gefüllt mit den unterschiedlichsten Düften und Gerüchen, die sich auf ewig in Wills Herz einbrennen. Bis er erfährt, dass Claire mit Featherstone - den er für ihren Vater hielt - verheiratet ist.
Bei der großen Vertreibung der Indianer in den Westen ("Ein ganzes Land, das innerhalb eines Sommers seine Bevölkerung verlor.") entgleitet sie ihm erneut.
Seine ganze Kraft schenkt er nun seinem Volk. ("Ich war nicht der erste junge Mann, der seinen bitteren Acker mit einer tiefen Pflugschar umgrub, indem er Liebeskummer in Ehrgeiz verwandelte.") Er bringt es zu einem bescheidenen Wohlstand und erreicht gemeinsam mit Bear durch gewiefte Landkäufe, dass sie zwar die Vertreibungs- bzw. Umsiedlungsaktion von 1838 nicht verhindern können, aber zumindest ihrem eigenen Clan ermöglichen, noch eine Weile in ihrem angestammten Land bleiben zu dürfen.
Auf Dauer hat Will jedoch der Gewalt und Ignoranz seiner weißen Mitbürger nichts entgegenzusetzen - dazu fehlen ihm die Mittel, politisch und auch finanziell.
Er verliert: den Kampf für die Indianer, seine geliebte Frau, sein Vermögen.
Und so lässt Charles Frazier sein melancholisches Epos konsequent enden: in Vergeblichkeit und stiller Resignation ("Das Einzige, was einem bleibt, sind Stimmungen und Erinnerungen. Jämmerliche und mächtige Werkzeuge"), gepaart mit einem großartigen Trotz, wenn er auf die Eisenbahn schießt, die jetzt an seinem Grundstück vorbeiführt.
Die fließende Welt in eine feste Form fassen
Grandiose Landschaftsbilder, eine wilde Liebe und die brutale Vertreibung der Cherokee-Indianer aus dem heutigen Bundesstaat Georgia hat Charles Frazier in seinem RomanDreizehn Monde kunst- und kraftvoll miteinander verwoben.
Dabei fühlt sich der Leser keineswegs mit dem erhobenen Zeigefinger belehrt: gut und böse, arm und reich, traditionsverbunden und fortschrittsgläubig - nirgends gilt «entweder-oder» in diesem Buch, nicht einmal bei der Frage, ob jemand Indianer oder Weißer ist.
Auch andere Stereotype lässt Frazier bröckeln. Es gibt Indianer, die Sklaven aus Afrika ausbeuten, und Weiße, die ihre indianischen Wurzeln verleugnen. Es gibt den Mann der Bücher, der doch böse ist, und den Mann, der sich wie ein dummer Junge benimmt und doch als weiser Häuptling handelt. Und es gibt die Mahnung an alle, die sich zum Herrn über die Natur aufschwingen, damals wie heute.
Dabei bewegt sich dieses Buch wohltuend fernab jeglicher Wild-West-Manier und spannender Allerwelts-Abenteuerromane. Frazier hat ein wunderbar "Orchesterwerk" komponiert; mal leise und melancholisch, aber keineswegs rührselig, dann wieder kraftvoll und vorwärtstreibend, aber immer harmonisch. Dabei weiß er kunstvoll mit zahlreichen Metaphern zu pointieren.
Eindrucksvoll und wortgewaltig gelingt es dem Autor, dass der Leser während und nach der Lektüre andächtig den Atem anhält. Es ist eine Geschichte voller Farben und Gerüche - ein olfaktorisches Farbspektrum, fließend und wechselhaft.
Das Titelbild wird in einer Szene derart detailgetreu wiedergegeben, dass man es vor seinem inneren Auge wahrnehmen kann, ohne das Buch wenden zu müssen.
Unbedingt erwähnenswert und hervorzuheben ist die erstklassig-schöne Übersetzung von Sabine Lohmann und Andreas Gressmann, die den geschliffen-trocken-präzisen Stil von Charles Frazier großartig ins Deutsche übertrugen.
Mein Fazit: Wer Bildungsromane mag, wer sich an detailreichen, bildhaften Schilderungen verschiedener Landschaften erfreuen kann, wer einen tiefen Einblick in fremde Kulturen gewinnen möchte - der ist bei Dreizehn Monde bestimmt richtig.
Frazier hat ein eindrucksvolles Gemälde der damaligen Zeit geschaffen, was noch lange im Gedächtnis bleiben wird.
Charles Frazier Dreizehn Monde Originaltitel: "Thirteen Moons" Aus dem Amerikanischen von Sabine Lohmann und Andreas Gressmann Blessing Verlag, März 2007 544 Seiten, gebunden, 21,95 Euro ISBN 10: 3896673416 ISBN 13: 978-3896673411