"Moderne Familien haben nicht nur ihre äußere Struktur verändert, sondern auch untereinander neue Formen gegenseitiger ‚familienähnlicher’ Unterstützung hervorgebracht."
So heißt es in der Einleitung dieses spannenden Buches, das zweierlei auf jeden Fall klarstellen will: erstens ist das ‚Zusammenleben in sogenannten Stieffamilien Alltag und zweitens "ihm haftet längst kein sozialer Makel mehr an."
Und überhaupt: was ist eigentlich Familie?
Ein Taschenbuch, das aufräumt mit althergebrachten Vorstellungen, betonierten Ansichten und eingeengten Sichtweisen, das unflexiblem Besserwissen argumentativ bestens gerüstet entgegentritt und familienpolitisch Stellung bezieht. Ein Buch, das vehement und überzeugend dafür plädiert: „Familie ist überall dort, wo Menschen dauerhaft füreinander Verantwortung übernehmen, Sorge tragen und Zuwendung schenken.“ Und so ist es gleich, ob Familie „tragende Säule der Gesellschaft“ ist, „Fundament völkischen Gemeinschaftslebens“, eine „engere Verwandtschaftsgruppe“ oder ein „Netzwerk von Menschen“: „Eine Familie ist eine Familie“ Basta.
Anzeige Das unterhaltsame und erhellende Buch ist bei vielen Familien zu Gast und ihre Unterschiedlichkeiten könnten größer und schillernder nicht sein.
Da ist die Großfamilie mit ihren drei Generationen unter einem Dach, die Patchworkfamilie, in der sich Mitglieder, Kinder und Partner zusammenfinden, die vorher lange in anderen Beziehungen, Ehen oder Familien lebten. Perspektivreich wird das Familienbuch durch die verschiedenen Sichtweisen: selbstverständlich kommen auch Kinder zu Wort, so sagt die 13jährige Laura: „Ich habe...eine super Fluchtmöglichkeit. Wenn ich von einem Elternteil die Nase voll habe kann ich zum anderen wechseln.“
Großfamilien und Patchworkfamilien, soweit so gut, bekannt, oft diskutiert. Dass Familie aber soviel mehr ist, der Rahmen so kreativ und weit gesteckt werden kann und eine sich zunehmend verändernde Gesellschaft dies überhaupt ermöglicht, das macht das Buch zu einem besonderen Erlebnis und gibt Mut für viele Gedanken und vielleicht ja neue Wege: Wohnfamilien im Alter, Wahlfamilien von WG bis Kommune, Regenbogenfamilien, die geborgenen Familien von Schwulen und Lesben, und natürlich die zunehmende Zahl der Einelternfamilien.
Alle zusammen genommen sprechen deutliche Zahlen: "Nach Schätzungen lebt jedes siebte Kind nicht mit seinen leiblichen Eltern unter einem Dach."
Das Buch erschöpft sich aber nicht im Porträtieren der verschiedenen Familientypen, es geht weit darüber hinaus, dies nicht nur mit ausführlichen Adressen und Tipps, mit einem Glossar, das von ‚Abstammung’ bis ‚Zugewinnausgleich’ reicht, es stellt auch die Folgen der veränderten Familienzusammensetzung dar, zum Beispiel auf rechtlichem Terrain.
Ein Nachschlagebuch, ein Lesebuch mit einzelnen, teils munter und anrührend erzählten Kapiteln verschiedener Autoren und ein umfassender Gesamteindruck zum Thema Familie heute.
Micha Schulze/ Christian Scheuß (Hrsg.) Alles, was Familie ist Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf, 2007
335 Seiten, broschiert, 9,90 Euro
ISBN-10: 3896027441
ISBN-13: 978-3896027443