Der Schlagertext eines vom Vater komponierten Liedes gibt den Titel zu dem vorliegenden Buch von Marianne Gilbert.
Sie wurde als Tochter einer protestantischen Mutter und eines jüdischen Vaters 1931 in Berlin geboren. Ihr Vater und dessen Vater waren bekannte Lieder- und Schlagerkomponisten, die in den zwanziger Jahren in Berlin Furore machten, und deren Kompositionen und Liedertexte überall gesungen wurden. Sie schrieben u.a. so bekannte Texte wie "Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln geh’n" und die Melodien und Texte zu der Operette zum weißen Rössl.
Die zwanziger Jahre in Berlin waren wilde Jahre. Mariannes Mutter war eine aufstrebende Sängerin, hübsch und unternehmungslustig. Beide Eltern wandten sich mit liberalen Überzeugungen dem Spartakusbund zu, einer Abspaltung der USDP, die später in der kommunistischen Arbeiterpartei aufgehen sollte. Sie hatten sich von ihrer Herkunft, die religiös und bürgerlich geprägt war, gelöst.
Der Geburt Mariannes 1931 folgte eine dramatische Trennung vom Vater, der keine Kinder wollte. Er ging Zigaretten holen und kam erst vier Jahre später zurück! Die Mutter hat ihn sich zäh und hartnäckig zurückerobert.
Anzeige Infolge der politischen Entwicklung in Deutschland mit der Machtergreifung Hitlers musste die Familie nach Amerika emigrieren, wo sie unter ärmlichsten Verhältnissen nur ganz allmählich Fuß fasste. Sie lebten in New York, wo sich zu der Zeit viele deutsche Emigranten einfanden. Marianne nahm als Erkenntnis mit, dass man sein Herz nur an so viele Dinge hängen soll, wie in einen Koffer passen.
Amerika ist für Marianne ein Abenteuer.
Sie fühlt sich als Kind behütet und ist allem Neuen gegenüber aufgeschlossen. Den meisten Emigranten ging es schlecht. Arbeitsmöglichkeiten gab es nur wenige. Die Mutter Mariannes schlug sich mit allen möglichen Arbeiten durch, während der Vater mit seinen Kompositionen, die auf ein deutsches Publikum zugeschnitten waren, kaum Erfolgschancen hatte.
Von der Mutter fühlt sich die Tochter im Laufe der Jahre beherrscht und erdrückt, während ihr der Vater als liebenswürdiger, charmanter und charismatischer Mensch begegnet. Man spürt, dass Marianne Gilbert sich den Ansprüchen ihres hoch intellektuellen Vaters und der ehrgeizigen Mutter nicht gewachsen fühlt. Sie möchte Amerikanerin sein und wie diese leben. Auch eine Ehe stellt sie sich beständiger und sicherer vor als die, die ihre Eltern ihr vorleben.
Viele gute Freundschaften und ein naher Onkel mit seiner Frau bilden einen Ausgleich für die immer beschäftigten Eltern, die sich in Emigrantenkreisen bewegen, zu denen auch Hannah Arendt und ihr Mann Heinrich Blücher gehören. Ihre Konfessionslosigkeit berührt das junge Mädchen insofern, als man in Amerika einfach nicht ohne Religion lebt! Die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft fehlt ihr.
Der Roman gleicht nach der kriegsbedingten Fluchtgeschichte in der zweiten Hälfte eher einem Entwicklungsroman. Pubertäre Auflehnung und Versuche, einen eigenen Stil in Geschmack, Musikvorlieben und äußerer Aufmachung zu gewinnen, nehmen breiten Raum ein.
Marianne entfernt sich weit von ihren Eltern!
Wie es mit ihrem Leben in Amerika weiterging, und wie sie sich ein eigenes Leben in Unabhängigkeit aufbaut, das ist fesselnd und abenteuerlich beschrieben. Über die Judenvernichtung in Deutschland und die Folgen des Krieges schreibt sie eher in einem distanzierten Ton. Sie hat sich mit der Abnabelung von den Eltern eine eigene Identität zugelegt, so dass sie das Geschehen der Vergangenheit nicht mehr als ihre Angelegenheit betrachtet.
Durch das ganze Buch weht ein Hauch von Leichtigkeit und Unbeschwertheit.
Sie schreibt in einem heiteren und fröhlichen Ton, ist oft belustigt, manchmal traurig, im Grunde ihre Herzens aber ein froh gesinnter Mensch. Diese innere Ausgeglichenheit schlägt sich in der Erzählung wohltuend nieder. Man liest selten über ein Auswandererschicksal in einem so unbelasteten Ton.
Neben der persönlichen Entwicklungsgeschichte werden in diesen Lebenserinnerungen in unterhaltsamer Weise die zwanziger Jahre noch einmal beschworen, die dennoch längst versunken sind, als mit der Emigration eine neue Zeit für alle angebrochen ist.
Es ist ein Vergnügen, sich mit Marianne Gilberts Lebensgeschichte zu befassen, die von Flucht, Neubeginn und Integration handelt und ganz unsentimental geschrieben ist.
Marianne Gilbert Das gab's nur einmal. Verloren zwischen Berlin und New York Originaltitel: Memories of a Mischling
Aus dem Amerikanischen von Renate Orth-Guttmann
Diogenes, 2007
303 Seiten, gebunden, 22,90 Euro
ISBN-10: 3257065809
ISBN-13: 978-3257065800