„Ein eleganter und psychologisch raffinierter Spannungsroman“ sei „Obsessiv“, so verspricht die Werbung des Verlags. Wenn nur die Werbung immer halten würde, was sie verspricht…
Will Moreland ist ein Psychoanalytiker, der seinen Beruf haargenau so praktiziert, wie man sich das klischeehaft vorstellt: auf einer Couch lassen sich seine Patienten nieder und erzählen, was immer ihnen durch den Kopf geht, während er ihnen zuhört, sie zum Erzählen ermutigt und ansonsten ihren Assoziationen freien Lauf lässt.
So, wie eines Tages eine junge Studentin zu ihm kommt, die ihm von ihrer heimlichen Vorliebe erzählt, ältere Männer zu verführen. Und da Moreland selbst zu dieser Altersklasse zählt, kann sich der aufmerksame Leser schon jetzt zusammenreimen, was die Autorin offenbar für ein Spannungselement hält und daher über auf hundert Seiten qualvoll langsam entwickelt: die einzige wirkliche Überraschung ist noch, dass der Koitus zwischen Moreland und seiner Studentin nicht auf der klischeebeladenen Couch, sondern auf dem Fußboden des Sprechzimmers stattfindet.
Natürlich passt es da bestens ins Bild, dass es um Morelands eigenes Eheleben nicht besonders gut bestellt ist.Seit ihr gemeinsames Kind gestorben ist, beschränkt sich ihr körperlicher Kontakt nur noch auf freundschaftliches Beisammensein. Daher fällt es Moreland natürlich leicht, seine unerfüllten Bedürfnisse auf seine junge Patientin zu projizieren.
Anzeige Und da "Obsessiv" ein psychologisch raffinierter Roman sein will, bleibt es natürlich nicht bei diesen Konflikten.Hinzu tritt ein alter Streit zwischen Will und seinem Zwillingsbruder Mitch, der seit seiner Geburt von einem Muttermal im Gesicht entstellt ist, und der, wie Will später erfährt, hinter seinem Rücken alle seine Ex-Freundinnen hintergangen hat – seine Frau inklusive. Und dann kommt da noch eine Tochter, von der auf einem Klassentreffen erfährt, ins Spiel: Neben dem offiziellen Vater kommt eventuell Will in Frage, aber auch sein Zwillingsbruder. Und: falls einer von beiden der Vater sein sollte, könnte ein DNA-Test keine weitere Klarheit bringen, denn die DNA von eineiigen Zwillingen ist zu ähnlich. Und der aufmerksame Leser ahnt auch an dieser Stelle schon wieder, wofür die Autorin über hundert unspannende Seiten füllt: bei dieser Tochter handelt es sich um die Patientin in Morelands Praxis.
Und natürlich kann der Leser jetzt auch schon das letzte Puzzlestück in das Puzzle für Hobby-Psychologen einfügen:wenn Mitch mit sämtlichen Frauen in Wills Leben etwas hatte, was ist dann mit Wills Frau? Und: ist ihr verstorbenes Kind eventuell gar nicht von Will? Da die Autorin aber die Fähigkeit ihrer Leser zum Mitdenken gnadenlos unterschätzt, wird dieser Gedankengang weitere gefühlte vierhundert Seiten lang aufgespart und soll dann wohl so etwas wie den Höhepunkt des Romans darstellen.
Um es auf den Punkt zu bringen: "Obsessiv" ist vor allem eines, nämlich unglaublich vorhersehbar.Zwar sind zumindest einige der Hauptpersonen recht gelungen gezeichnet, aber die psychologischen Hintergründe wirken wie aus Klischees und Ratgeberbüchern zusammengesucht. Vor allem aber schafft die Autorin es nicht, einen Spannungsbogen aufzubauen, weil sie ihre Hinweise viel zu offensichtlich streut. So erreicht man beim Lesen keine Spannung, sondern lediglich ein müdes Gähnen – und das wenig glaubhafte Happy End tut sein übriges. "Ein eleganter und psychologisch raffinierter Spannungsroman" ist dieses Buch jedenfalls ganz sicher nicht – eher unser Verriss des Monats Juli.
Kathryn Harrison Obsessiv Originaltitel: Envy Übersetzt von Anke und Eberhard Kreutzer 378 Seiten, Bloomsbury Berlin ISBN-10: 3827006910 ISBN-13: 978-3827006912