Erinnerungen an Czernovitz. Wo Menschen und Bücher lebten ist der ungewöhnliche Titel dieses schönen Buches.
Die Stadt Czernovitz verbindet man mit den Namen vieler berühmter jüdischer Dichter, Denker und Forscher, die zu Zeiten der k.u.k. Monarchie dort geboren wurden. Paul Celan, Rose Ausländer, Erwin Chargaff , Gregor von Rezzori, Aaron Appelfeld, Wilhelm Reich und eben Zvi Yavetz, um nur einige wenige zu nennen, kamen aus der Bukowina, deren Hauptstadt damals Czernowitz war.
Die Geschichte der Stadt und ihrer Menschen ist die Geschichte einer einzigartigen Kulturmetropole, wie es auf dem Klappentext heißt, die s. Zt. zur österreichischen Monarchie gehörte. Eine wechselvolle Geschichte hatte sie dahin geführt. Hier lebten Ukrainer, Rumänen, Polen Ruthenen, Juden und Deutsche zusammen und hatten die Stadt zu kultureller Blüte geführt. Hier tummelten sich fremde Sprachen und Völker. Alles aber endete mit dem Faschismus, der auch in Rumänien Einzug hielt und alles zerstörte, was bis dahin war.
Nach einer ausführlichen historischen Einführung in die Geschichte der Stadt beschreibt Zvi Yaretz in diesem Buch seine Kindheit mit vielen Details und lebhaften Eindrücken. Beginnend mit seiner Leidenschaft für Schnee, die ihn nie verlassen hat, leitet er über in das alltägliche Leben im Hause seiner Großeltern mütterlicherseits, in dem er aufgewachsen ist. Seine Mutter lebte ebenfalls dort. Von seinem Vater erfuhr er erst sehr spät, wer er war. Gekannt hat er ihn nicht und um seine Abwesenheit wurde ein großes Geheimnis gemacht. Es hatte mit den Familien der Eltern zu tun, die sich aus dem Wege gingen. Den Großvater mütterlicherseits, der ihm Vaterersatz war, verehrte er sehr. Von ihm hat er viel gelernt hat. Spät erst wird ihm bewuß, wie prägend auch seine Großmutter mit ihrer Herzenswärme und Bildung für ihn war.
Anzeige Früh lernte Zvi Yavetz Sprachen und kannte Bibeltexte und Dichtungen auswendig. Er erwarb sehr jung ein umfassendes religiöses, biblisches Wissen und ein humanistisches Menschenbild, das ihm nie mehr verloren gehen sollte. Er wurde von mehr oder weniger eindrucksvollen Persönlichkeiten zu Hause unterrichtet und sprach schon in jungen Jahren fließend hebräisch. Seine Mutter legte den größten Wert auf eine exzellente Ausbildung für ihren Sohn. Er besuchte zeitweise Eliteschulen. Dabei war die Familie Yavetz nicht gerade begütert. Sie lebte in einer einfachen Gegend mit schlechten Straßenverhältnissen fern von den wohlhabenden Schichten in den besseren Vierteln der Stadt.
Zvo Yavetz entwirft in seinen Erinnerungen ein sehr persönliches Bild seiner Kindheit. Die vielen Personen, die erwähnt werden, und deren Namensträger für ihn damals und gelegentlich bei späteren Zusammentreffen in Israel von Bedeutung waren, sind verwirrend. Er schließt sich in seinen jungen Jahren der zionistischen Jugendbewegung an, die ihm Heimat und Hort werden, als seine Großeltern tot sind und auch die Mutter 1941 an einer schweren Krankheit verstarb.
Mit den Vorahnungen zum zweiten Weltkrieg und veränderten politischen Machtverhältnissen begann in der Bukowina ein Umschwung, der bei den Juden Angst und Schrecken auslöste. Von nun an wurde bei den Familientreffen immer häufiger von der Auswanderung nach Palästina gesprochen. Man fürchtete die ersten Pogrome. Im Kopf von Zvi setzte sich der Gedanke fest, unbedingt nach Palästina auszuwandern. In Czernowitz ist während der Zeit des Faschismus die gesamte kulturelle Vielfalt zerstört worden. Die Juden, die ihren Beitrag dazu geleistet hatten, sind entweder umgebracht oder vertrieben worden, oder sie sind beizeiten nach Palästina oder in andere Länder ausgewandert.
Während sich der erste Teil des Buches ganz mit dem persönlichen Schicksal und dem der Familien befasst, zeigt sich im zweiten Teil der Althistoriker; in diesem Teil widmet sich Yavetz der historischen Entwicklung der Stadt in den Jahren 1937-1940. Die kulturelle, wirtschaftliche, politische und demographische Entwicklung wird erläutert und mit Zahlen belegt. Zeitungen, die man las, werden besprochen, wo man Urlaub machte, wie die Theater und Künstlerszene sich gestaltete usw.
Wer sich ein Bild machen will, wie es in Czernowitz vor dem Krieg zuging, woher die vielen bekannten jüdischen Intellektuellen aus der Bukowina stammten, der wird mit diesem Buch einen interessanten Eindruck gewinnen können.
Das Buch ist sachlich geschrieben, ohne die Gefühle und lebhaften Erinnerungen an eine untergegangene Heimat zu verleugnen. Das Glossar enthält ausführliche Informationen. Die jüdischen Feste, Traditionen und besondere Ausdrücke des Jüdischen Lebens sind dort nachzuschlagen.
Zvi Yavetz ist Professor em. für alte Geschichte der Universität von Tel Aviv, zu deren Mitbegründern er zählt.
Zvi Yavetz Erinnerungen an Czernowitz. Wo Menschen und Bücher lebten Beck, 2007 254 Seiten, gebunden, 24,90 Euro ISBN-10: 3406557473 ISBN-13: 978-3406557477