Die letzten zehn Lebensjahre des weltberühmten französischen Komponisten Maurice Ravel und sein Meisterwerk der "Boléro" hat Jean Echenoz in seinem Buch Ravel festgehalten oder besser gesagt: wunderbar elegant, lebendig und feinfühlig darüber geplaudert...
Detailreich beschreib Echenoz den Stil und die Atmosphäre der Jahre um 1930 - zeitgenössische Autos, Eisenbahnlinien, Luxusdampfer oder Anzüge, aber vor allem die Macken, Vorlieben und die Lebensart des Künstlers: "Liebhaber blutigen Fleisches", "24 Stunden von 24 wie geleckt" gekleidet, vornehmlich mit Lackschuhen - obwohl er nur einen Meter einundsechzig groß war und nur ganze 45 Kilo wog. Wir lernen ihn in der Badewanne kennen, die er am liebsten nicht verlassen will, weil beim Aussteigen immer das Risiko besteht, sich "am Wannenrand den Schritt zu prellen". Aber es muss halt sein, man will ja nach Amerika.
In den vier Monaten in Amerika sammelt der blasierte Franzose Konzerttriumphe, langweilt sich bei Gesellschaften der Reichen und Musikbegeisterten und leidet am schlechten Essen. Aber diese Reise brachte ihn schließlich auf den Gipfel seines Schaffens, seiner Berühmtheit und Beliebtheit. Nun teilte er sich mit Strawinsky "die Rolle des meist geachteten Musikers der Welt". Auch nach seiner Rückkehr ebbt der Erfolg nicht ab, nicht zuletzt durch seinen weltberühmten "Boléro".
Anzeige Die andere Seite dieser modernen Halt- und Rastlosigkeit dürfte die Langeweile sein, die ihn immer wieder befällt. Ein paar Jahre später wird es jedoch ruhig um ihn. Ravel leidet an einer Gehirnerkrankung, sein Körper gehorcht ihm nicht mehr, das Gedächtnis setzt aus. Im Dezember 1937 wird ihm von einem berühmten Chirurgen der Schädel geöffnet. Wenige Tage darauf stirbt er.
Äußerst lebendig und exakt stellt Echenoz dem Leser diesen Lebensabschnitt Ravels dar. Jedoch statt "Ikonographie" zu betreiben, erschafft Echenoz auf meisterhafte Art eine eigenständige Figur: Einen berühmten und beliebten Komponisten, der die Gründe für seinen Ruhm eigentlich nie begreift. Im Grunde handelt der Roman vom Spannungsverhältnis zwischen Öffentlichkeit und Kunst.
Auch sprachlich ist dieses Buch ein Vergnügen. Da ist kein Wort zuviel, aber dennoch kann man sich genau einfühlen und sogar Verständnis für die ausgeprägten Marotten der Figur entwickeln. Daher gebührt auch der wunderbaren Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel Beachtung. Die ganz eigene Prosa von Jean Echenoz wird souverän wiedergegeben. Er schafft es, gleichzeitig avantgardistisch und gut lesbar zu schreiben, was ihm eine Nominierung für den Leipziger Buchpreis in der Kategorie Übersetzung eintrug.
Fazit:
Ein wunderbarer Zeitvertreib und ein außerordentlich kurzweiliges Lesevergnügen ist dieser kleine Roman, der die Überempfindlichkeit eines einsamen Genies zeigt, mal schnoddrig, mal overdressed wie sein Held, aber stets kultiviert.
Das Ravel-Büchlein schmiegt sich zudem ganz virtuos der Musik an. Es beginnt ganz langsam, nimmt Fahrt auf und gerät am Ende in einen wahren Geschwindigkeitsrausch - ganz wie der "Boléro".
Echenoz' "Biofiction" steckt von der ersten bis zur letzten Zeile voller feinster Literatur. Lesen Sie dieses 100seitige Büchlein am besten mit der Musik des wunderbaren "Boléro" im Hintergrund.
Jean Echenoz Ravel Übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel Berlin Verlag, 2007 109 Seiten, gebunden, 18,00 Euro ISBN-10: 3827006937 ISBN-13: 978-3827006936