Gefahr im Verzug: Horrorszenarien Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bringt sehr unterschiedliche Genres hervor bzw. lässt Altes weiter- oder auch wiederaufleben. Nachdem Charles Gaines Sohn Bill dessen Firma Educational Comics erbte, änderte er das Verlagsprogramm. Er setzte dem erzieherischen Anspruch profitablere Geschichten aus dem Bereich Krimi, Western und Seifenopern entgegen. Auch aus dem frankophonen Raum erhält die Westerncomicwelt in jenen Jahren Zuwachs. Im Jahr 1947 erscheint zum ersten Mal der Mann, der den Colt schneller zieht als sein Schatten. Zusammen mit dem Hund Rantanplan, der dümmer ist als sein Schatten, überwältigt Lucky Luke sogar die schlimmen Dalton-Brüder. Es handelt sich um eine fröhliche Figur, die auf ihrem sprechenden Pferd „Jolly Jumper“ herumreist, um den Wilden Westen von Schurken zu befreien. Da war die Welt noch in Ordnung und auch die Moralpolizei übte sich in Zurückhaltung.
Zwar ließ sich mit den neuen Themen gewinnbringend Geschäfte machen, doch Gaines wollte mehr. Er fand Geschmack an Horrorgeschichten und stellte die gesamte Produktion auf dieses Genre und Science Fiction um. Ein Ende wurde dem neuen Trend 1954 bereitet, als in den USA der „Comics Code“ verabschiedet wurde. Zeichner und Texter wurden stark eingeschränkt durch die neue Maßnahme, die den Schutz der Kinder und Jugendlichen gewähren sollte. Ursache der Zensur war die These vom vermeintlichen Zusammenhang zwischen Jugendkriminalität und Comic-Konsum. Jugendgefährdendes Material sollte es in dieser Form nicht mehr geben. Eine tatsächliche Korrelation konnte wissenschaftlich allerdings nicht nachgewiesen werden. Gewaltbereite Jugendliche gab es weiterhin in gleichem Maße. Das Verbot spiegelt jedoch den Trend der Zeit wider: bürgerlich-moralische Volkserziehung in großem Stil. Amerika ist dabei keineswegs eine Ausnahme. Auch in Europa werden Comicmachern rigide Vorschriften gemacht. Den absurden Tenor des neuen Regelwerkes kann man Aussagen entnehmen, nach denen Kinder und Jugendliche von Comics getötet werden und Comicmacher (die übrigens alle homosexuell seien und in phallischen Wolkenkratzern arbeiteten) umgehend ins Gefängnis gehörten. Die Vermutung liegt nahe, dass so manche besorgten Eltern sogar die Todesstrafe forderten… Comics galten also als gefährlich.
Von da an sollte stets „das Gute“ über „das Böse“ triumphieren und der Verbrecher an sich grundsätzlich für seine Übeltaten bestraft werden. Selbstverständlich durften keine unzüchtigen Bilder gezeigt werden. Nacktheit war strengstens untersagt. Auf der Textebene verbot der Code Flüche, Obszönitäten, Vulgarismen und diverse Worte bzw. Symbole, die auf unmoralische Doppeldeutigkeiten verweisen könnten. Blut war erlaubt, Sex nicht, Gewaltdarstellungen bedurften Vorsicht bzw. eben keiner Nachsicht mit den unmoralischen Verbrechern. Das Regelwerk war kein Gesetz, doch wurde die Vermarktung indexvermerkter Inhalte schwierig, weil sich die Großabnehmer weigerten Titel zu vertreiben, die keiner freiwilligen Selbstkontrolle unterworfen wurden. Zum Zwecke der Prüfung richtete sich eine selbsternannte Comic-Aufsichtsbehörde ein, die die notwendigen Prüfsiegel verteilte. Schon bald kam es zu paradox interdisziplinärer Zusammenarbeit unter den Behörden - Erziehung ist schließlich eine weit gefächerte Angelegenheit - die sich allerdings auch gerne widersprach. So wandte sich beispielsweise die amerikanische Gesundheitsbehörde mit einem Schreiben an den Autoren Stan Lee mit der Bitte, Jugendliche vor dem Gebrauch von Drogen zu warnen. Er ließ also ein Drogenopfer von einem Superhelden retten. Dann konnte das Comic jedoch nicht vor der Prüfstelle bestehen. Auch die Erklärung, dass es sich thematisch um einen Auftrag der Regierung handelte, konnte das Komitee nicht erweichen. Ihnen reichte schon die reine Darstellung eines Jungen, der Drogen genommen hatte, um die Zensur walten zu lassen.
Infolge des „Comics Codes“ sahen sich etliche Verlage gezwungen aufzugeben. So lösten sich 24 von 30 Verlagen auf, unter anderem der prominente Educational Comics Verlag von Gaines. Erst 1971 kam es zu einer Lockerung des Regelwerkes. Wie so oft kann aber auch die rigide Zeit der staatlichen und gesellschaftlichen Bevormundung keineswegs als vergeudet angesehen werden. Ein Nährboden für Gegen-Kulturen war geschaffen.
"Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt." - Comics aus dem Underground Regeln, Verbote, und Zensur boten eine Herausforderung, der sich eine neue Comic-Szene anzunehmen wusste. Den Wächtern der Moral wurde in den 60er Jahren Paroli geboten. Mit provokanter und aufklärerischer Munition bewaffnet kam es zum Angriff aufs Establishment. Die Verweigerung kommerzieller Vereinnahmung zeigte sich inhaltlich und stilistisch von bisherigen Normen abweichend in den neuen “Underground-Comics”. Getragen vom Lebensmotto der Flower-Power-Fraktion: “Sex, Drugs & Rock´n´Roll” wurde vor allem ein subversiver Kater bekannt, der sich duch Arbeitsscheu, Sex- und Drogensucht auszeichnete. Sein Name war “Fritz the Cat”, sein Schöpfer Robert Crumb. Fritz wurde 1959 geboren, durchlief Notizheftchen und hielt Gastauftritte in verschiedenen Magazinen ab, bis er es 1969 schließlich zu einem eigenen Buch brachte. Sein Leben sollte kurz sein - bereits 1972 musste er sterben. Auftragskiller war sein Schöpfer Crumb selbst, der ihn, angewidert vom kommerziellen Erfolg des Katers, umlegen ließ. Eine enttäuschte Frau nahm in der Geschichte Fritzs Schicksal in die Hand und entledigte sich ihm mit Hilfe eines Eispickels. Mit “Mr. Natural” schuf Crumb eine weitere Figur des Untergrunds, der sich der bürgerlichen Spießigkeit mit allen Mitteln der Kunst widersetzte. Auch er wurde aufgrund des zunehmenden Erfolges aus dem Verkehr gezogen: verrückt vor lauter Mainstream wird er in ein Irrenhaus eingeliefert - die Serie damit gestoppt.
Als der “Comics Code” 1971 endlich gelockert wird, sind die Underground Comics längst Massenkultur geworden. Die ursprüngliche Subkultur war so groß und populär geworden, dass sie alles war, nur nicht mehr Underground. In Deutschland erfuhr das Genre allerdings gerade erst seinen Aufschwung, da sich die Comicszene bis dato noch einem biederen Nachkriegsoptimismus verschrieb. In der Regel wurde Unterhaltung à la “Mecki” und “Oskar der Familienvater” geboten; Nick Knattertons Abenteuer waren dann schon das Höchste subversiver Expression.
Sind Comics eigentlich was für Doofe? Können Versager unterhalten? Dürfen Nazi-Gräuel Comicthema sein? Was hat Rita Süßmuth dagegen, dass ein Sohn seinen Vater Geschichte "auskotzen lässt"? Und warum führt die Polizei in Deutschland illegale Razzien in Comicläden durch? Warum es keine Zeitverschwendung bedeutet Comics zu lesen und welcher Differenzierung es bei der interessanten Auswahl bedarf, können Sie am Donnerstag im nächsten Artikel unserer Reihe zur Geschichte des Comics lesen.