Parallelwelten: Katz und Maus mit Ente Bereits mit „Krazy Kat“ war eine Comigfigur entstanden, die menschliche Züge hatte. Jedoch erst in den zwanziger Jahren setzen sich so genannte anthropomorphe Tiergestalten in Comics durch. Der Beginn einer Epoche, in der die Projektion menschlicher Eigenschaften auf Tiere in Mode kommt. Ein Stilmittel, um stereotype Figuren darzustellen, damit Betrachter- und LeserInnen ihren Charakter einfach erfassen und reflektieren können.
Ein Star aus der Stummfilmzeit machte den Anfang: Felix the Cat. Im Gegensatz zu anderen, späteren Katzenfiguren war sein Charakter positiv besetzt. Der aufgeweckte schwarze Kater wurde 1923 dem Trickfilmoriginal nachempfunden und von Pat Sullivan zu Papier gebracht.
Beinahe 10 Jahre ungeteilter Ruhm bis dann die große Konkurrenz erschien, ausgerechnet von einer Maus! Es war 1926: Ein Mann namens Walter Elias Disney befindet sich, gebeutelt von existentiellen Fragen, in einem Zug. Verlassen von seinen Mitarbeitern, die er nicht mehr bezahlen konnte, und gerade um die Veröffentlichungsrechte von „Oswald dem Hasen“ ärmer, kommt ihm die Idee. Seine Erfindung sollte zunächst Mortimer getauft werden. Disneys Frau Lilliane war es schließlich, die der Berühmtheit ihren schlichten Namen gab: Micky Maus. Nach etlichen Filmauftritten, Micky wurde über Nacht integrativer Vorfilmbestandteil eines jeden Filmtheaters, hatte die Maus 1930 dann ihren ersten Auftritt in einem comic strip. Im Laufe der Zeit unterlag die Figur einigen Änderungen. War sie anfangs noch ungebärdig, wild und frech, so änderte sich dies Mitte der 30er Jahre, als sie begann, ihre Karriere als logisch denkender Detektiv zu starten. Micky hatte einen unmissverständlichen Auftrag zu erfüllen: Als Symbol des „American Dreams“ verhalf sie der Gerechtigkeit zum Sieg. Das Gute gepaart mit dem Erfolg des Tüchtigen setzte sich durch. Gesellschaftliche Entwicklungen, Verhältnisse und Ideale waren Bestandteil der Geschichten. Parallel zu anderen Superhelden bewies sich die Maus im Kampf gegen die Nazis sowie gegen Kommunisten, kam Bösewichten wie Kater Karlo in die Quere und reagierte auf den großen Börsenkrach.
Ebenfalls Produkt einer Trickfilmgestalt ist die Comicfigur einer Ente. Zunächst nur in Nebenrollen in Walt Disneys Micky-Maus-Filmen erscheinend, brachte sie es 1936 zu einer eigenständigen Comicserie, die als täglicher Streifen in zahlreichen Tageszeitungen erschien. Ab 1942 erhält Donald Duck, dank seines Zeichners und Texters Carl Barks, eine Exklusiv-Heftreihe. Entenhausen nennt sich das Zuhause des tollpatschigen Anti-Helden, das sich mit der Zeit charakterlichen Zuwachses erfreuen darf. Donald ist ein notorischer Pechvogel. Ständig von Geldsorgen geplagt, hält er sich mit gelegentlichen Jobs über Wasser. Er ist nicht sehr begabt und außerdem ein zu Wutausbrüchen neigender Choleriker. Am liebsten entspannt er sich seinem faulen Gemüt entsprechend in der Hängematte. Seine große Leidenschaft gilt seiner Verlobten - der Entendame Daisy Duck. Um sie konkurriert er mit Vetter Gustav Gans; ein Rivale in Liebe und im Allgemeinen. Denn im Gegensatz zu Donald fliegt dem Glückspilz Gustav praktisch alles zu. Neben der charakterlichen Kontrastierung von Glück und Pech, ist die Unterscheidung zwischen Arm und Reich ein bestimmendes Thema. Bestimmend in charakterlicher Präsenz vom superreichen und damit mächtigen Onkel Dagobert Duck. Im Gegensatz zum bemitleidenswerten Sympathieträger Donald ist sein Onkel eine geizige, unsympathische Figur. Die cleveren drei kleinen Neffen von Donald, für die er das Sorgerecht hat, und er sind von Dagobert gnadenlos abhängig. Erst viel später darf auch Donald, dank italienischem Einfluss, als starke Figur auftreten. Dann jedoch auf maskierter Mission als „Phantomias“, ähnlich den Superhelden mit verdeckter Doppelidentität. Auch Donald wird in den ideologischen Kampf geschickt. In einem Film von 1943 „The Fuehrer´s Face“ ironisiert Donald auf unterhaltsame Weise das Regime der Nazis, indem er als einfacher Fließbandarbeiter in einer deutschen Munitionsfabrik an den totalitären Strukturen verzweifelt. Gewürdigt wurde sein Auftritt mit einem Oscar. Im Gegensatz zu den Superhelden paralleler Welten, agieren die Tierhelden weitaus pazifistischer.
Anzeige Abgesehen von der politischen/ideologischen Komponente in Walt Disneys Comics, ist die bereits erwähnte Widerspiegelung gesellschaftlicher Verhältnisse sehr interessant. Gerade die Reduktion struktureller Verhältnisse auf einfache Charaktere erlaubt einen leicht verständlichen Einblick in eigentlich komplexe gesellschaftliche Machtmechanismen. Allerdings werden diese nur oberflächlich hinterfragt und prinzipiell hat in Entenhausen jede Figur ihren unveränderlichen Platz, auf den sie scheinbar gehört und den sie akzeptiert. Die Kräfte von Glück und Pech determinieren die ökonomische Existenz. Als kleines Trostpflaster für den charmanten, unterdrückten Donald hält „Disney“ die Message parat, dass wahre Freude nur als immaterielles Glück zu haben ist, in der Liebe und Beliebtheit beispielsweise- und dieses bleibt natürlich nur „den Guten“ vorbehalten…
Die 50er Jahre markieren einen einschneidenden Wandel in der Comic-Welt. Die Zensur waltete und verbot im Auftrag bürgerlicher Moral sogenanntes "jugendgefährdendes Material". Wer schon immer mal wissen wollte, warum Comics gefährlich sind, wie ein sex- und drogensüchtiger Kater den Underground eroberte und was im biederen Deutschland in dieser Zeit angesagt war, kann sich nächsten Donnerstag im 4. Teil der Comic-Geschichte informieren.