Wenn das Centre Pomidou ihm zu Ehren eine große Ausstellung macht und die Besucher sich stundenlang die Füße platt stehen, um einen Blick auf sein Lebenswerk werfen zu dürfen, wenn man hört, dass seine Geschichten in 70 Sprachen übersetzt und über 120 Millionen mal verkauft wurden, wenn sogar Stephen Spielberg sich die Rechte gesichert hat, um die Abenteuer seines Helden zu verfilmen, dann muss dieser Mann schon Beeindruckendes geleistet haben.
Zweifelsohne, das hat er. Dennoch ist vielen in Deutschland, in Frankreich und Belgien wird er als Held gefeiert, der Name Georges Remi unbekannt. Hört man aber die Namen seiner beiden Helden "Tim und Struppi" ist sicher jedem klar, wer gemeint ist. Georges Remi, alias Hergé, wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden - mehr als ein Grund, einmal auf sein außergewöhnliches Werk zurück zu blicken.
Hergé, geboren am 22. Mai 1907 in der Nähe von Brüssel, entdeckte bereits in seiner Grundschulzeit, die in die Zeit des Ersten Weltkriegs fiel, seine Liebe zum Zeichnen, als er Karikaturen deutscher Soldaten an die Ränder seiner Schulhefte malte. Geprägt von seinem katholischen Umfeld, trat Remi 1921 den Pfadfindern bei - Erfahrungen, die in die Gestaltung seiner späteren Geschichten einfließen sollten. Erste illustratorische Arbeiten veröffentlichte er dann auch bei "Le Boy Scout", einer belgischen Pfadfinderzeitschrift. Von dieser Zeit an signierte Remi seine Zeichnungen mit Hergé, der französischen Aussprache seiner Initialen in umgekehrter Reihenfolge, also R.G.
Die Zeit bei "Le Vingtième Siècle"
Anzeige Zwei Jahre später, nachdem er die Schule verlassen hatte, fing Remi bei der katholischen Tageszeitung "Le Vingtième Siècle" (Das 20. Jahrhundert) zunächst als Hilfskraft im Abonnementservice an. Man erkannte dort jedoch schnell sein zeichnerisches Talent und so erhielt der junge Remi bald die Verantwortung für die wöchentliche Jugendbeilage "Le Petit Vingtième" (Das kleine 20.), deren erste Ausgabe dann am 1. November 1928 erscheint. Nicht ganz zufrieden mit seiner Arbeit, beschließt Remi nicht mehr wie bisher die Bilder mit Untertiteln zu versehen, sondern nach amerikanischem Vorbild die Worte direkt aus dem Mund des Sprechenden kommen zu lassen - eine Aufsehen erregende Neuerung in Europa.
Am 10. Januar 1929 tauchte erstmals ein Reporter namens Tintin in seinen Geschichten auf, dessen Weg ihn in die Sowjetunion führen sollte. Damit war das erste Abenteuer von Tim und Struppi geboren und erschien zunächst als Fortsetzungsgeschichte in „le Petit Vingtième“. Statt selbst in die Welt zu reisen, schickte Remi fortan seinen Reporter Tim in die Welt, auch wenn dieser nur im ersten Band wirklich als Journalist arbeitet. In den nachfolgenden Bänden tritt er zwar immer noch als Reporter auf, seine Arbeit gleicht aber mehr der eines Detektivs oder Pfadfinders. So verfasst Tim lediglich im ersten Band einen Artikel über seine Abenteuer, den aber sicher, alleine schon seines Umfangs wegen, keine Zeitung abgedruckt hätte.
Realität bis ins kleinste Detail
Der Erfolg der Geschichten war unglaublich. Die Auflage von "Le Vingtème Siècle" schnellte in die Höhe und auch als der Castermann Verlag die Abenteuer 1934 erstmals in Albenform herausgab, verkauften sich die Bände in einer rasanten Geschwindigkeit. Der herausragende Erfolg liegt sicher auch an den oft skurrilen Personen, die Hergé erschuf. Man denke nur an den mürrischen Kapitän Haddock, den schwerhörigen Professor Bienlein oder die beiden tollpatschigen Detektive Schultze und Schulze. Vor allem aber die große Detailversessenheit Remis sorgte für Begeisterung bei seinen Lesern. Remi legte bei seinen Recherchen für die Abenteuer einen Perfektionismus an den Tag, um die Realität bis ins Kleinste originalgetreu abzubilden. Hierzu entwickelte er eine an Besessenheit grenzende Sammelleidenschaft und Archivierungsakribie. Später sammelte er ein Spezialistenteam um sich, das ihn in den 1950 von ihm gegründeten Hergé-Studios bei seiner Arbeit für die Bände unterstützte.
Bei dieser sorgfältigen Vorbereitung seiner Werke ist es nicht verwunderlich, dass die Anzahl der Abenteuer von Tim und Struppi mit 23 Bänden und einem unvollendeten ("Tim und die Alpha-Kunst"), vergleichsweise übersichtlich ausfällt. Am 3. März 1983 starb Georges Remi in einem Krankenhaus in Brüssel an den Folgen einer Blutarmut. Die Hergé-Stiftung verwaltet seitdem den Nachlass Remis, der in seinem Testament verfügte, dass niemand nach seinem Tod an "Tim und Struppi" weiterarbeiten durfte.
Einige ausgewählte Abenteuer:
Reiseziel Mond
Der erste Teil des Doppelabenteuers erschien 1953 (der Nachfolgeband "Schritte auf dem Mond" folgte ein Jahr später) und ist sicher der Höhepunkt Remis akribischer Vorbereitung und seiner prophetischen Kraft. Lange bevor der erste Satellit ins All geschossen wurde und 16 Jahre bevor Neil Armstrong seinen Fuß auf den Mond setzte, schickte Remi seinen Tim bereits in die Weiten des Alls.
Tim in Tibet
Eines der zeichnerisch wohl schönsten Abenteuer. Tim macht sich zusammen mit Struppi und Kapitän Haddock auf die Suche nach seinem Freund Tschang, der nach einem Flugzeugabsturz in den Bergen Tibets verschollen ist. Der 1959 vollendete Band, entstand in einer der tiefsten Krisen Remis, die ihn fast zum Aufgeben seiner künstlerischen Arbeit zwang. In seiner Reduzierung auf das Wesentliche ist "Tim in Tibet" ein Loblied auf die Bedeutung von Freundschaft.
Der blaue Lotus
Im vierten Band von 1934 verschlägt es Tim nach China, wo er sich an die Zerschlagung eines Opiumringes macht. In Bezug auf Handlungsgestaltung und zeichnerischer Entwicklung ist "Der blaue Lotus" das richtungweisende Abenteuer. Erstmals stolpert Tim nicht wie in den ersten Abenteuern von einer brenzligen Situation in die nächste, sondern folgt einer konstruierten Geschichte. Auch eine Folge der erstmals sorgfältigen Recherche Remis.
Der literature.de-Buchtipp: Michael Farr - Auf den Spuren von Tim und Struppi
Die Geschichten von „Tim und Struppi“ begeistern seit Jahrzehnten Leser auf der ganzen Welt. Das liegt nicht nur an den spannenden Abenteuern, die der junge Reporter und sein Foxterrier durchleben müssen, sondern auch an ihrer Vielschichtigkeit und Detailfreude. Dieser Komplexität hat sich der Autor Michael Farr in seinem Buch „Auf den Spuren von Tim und Struppi“ angenommen. In einer unglaublichen Genauigkeit nimmt Farr jedes Abenteuer von „Tim im Lande der Sowjets“ bis zu „Tim und die Alpha-Kunst“ auseinander und erklärt in einer unterhaltsamen Sprache die Entstehungsgeschichte, die Hintergründe und Besonderheiten der einzelnen Geschichten. Dies unterstützt er mit zahlreichen Abbildungen aus den Bänden und Bildern, die als Vorlage oder Anregung für Remi dienten.
Für „Tim und Struppi“-Liebhaber ein wundervoller Schatz, auf dessen sorgfältige Recherche und Zusammenstellung Georges Remi sicher stolz gewesen wäre.
Aus den Archiven des Tim-Schöpfers Herge fördert Michael Farr eine beeindruckende Fülle von Material zu jedem einzelnen Abenteuer von "Tim und Struppi" zu Tage. Hunderte von Fotos und Zeitungsausschnitten zeigen, wie sehr die Serie ein Abbild ihrer Zeit ist und wie gründlich Herge recherchierte, um seine Geschichten so realistisch wie möglich zu gestalten. Ein großes Lesevergnügen für alle Tim-Fans, das voller amüsanter Details steckt.