Nicht nur in Frankreich und Belgien wird Georges Remi alias Hergé als Held gefeiert. Fast überall in der Welt kennt man den Reporter Tim und seinen Foxterrier Struppi. Man ist mit ihnen zum Mond geflogen, hat Wüsten durchquert, sich durch Dschungel gekämpft, stets auf der Jagd nach üblen Verbrechern.
Ohne Zweifel, Georges Remi war ein Meister seiner Kunst, einer, ohne den der Comic in seiner heutigen Form wahrscheinlich undenkbar, sicher aber um einiges ärmer gewesen wäre. Doch gerade die frühen Werke Hergés lassen den heutigen Betrachter erstaunt bis ratlos zurück, denn die ersten Abenteuer um "Tim und Struppi" zeigen ein mehr als merkwürdiges Menschen- und Geschichtsbild, das man von einem aufklärerischen Journalisten, den der Reporter Tim verkörpern soll, so sicher nicht erwartet hätte.
Die Anfänge
Der große Aufstieg Remis begann am 10. Januar 1929, als die erste Fortsetzungsgeschichte von "Tim und Struppi" in der Kinderbeilage "Le Petit Vingtième" der Brüsseler Tageszeitung "Le Vingtième Siècle" veröffentlicht wurde. Der Herausgeber der Zeitung, Abbé Wallez persönlich, machte den Vorschlag, den Helden Tim bei seinem ersten Abenteuer in die Sowjetunion zu schicken, um seinen Lesern die unglaublichen Verhältnisse in diesem Land zu vermitteln. Er gab dazu dem erst 22-jährigen Remi das aus heutiger Sicht mehr als unkritische Buch "Moskau ohne Schleier - Neun Arbeitsjahre im Lande der Sowjets" an die Hand. Dementsprechend propagandistisch lesen sich heute manche Szenen des Werkes, das 1930 erstmals in Buchform unter dem Titel "Tim im Lande der Sowjets" erschien.
Im nächsten Abenteuer "Tim im Kongo", das wieder als Fortsetzungsgeschichte im "Vingtième Siècle" erschien, zeigte sich erneut eine sehr oberflächliche Darstellung fremder Kulturen. Da zeichnete Hergé die Angehörigen des Stammes der Marodi, die Tim auf seiner Reise im Kongo trifft, als hinterwäldlerische Dummköpfe, die sich mit dumm-dödeligem Gesichtsausdruck und voller Ehrfurcht von den Taschenspielertricks Tims beeindruckt zeigen. Charakteristisch für diese Zurschaustellung der Erhabenheit des "Weißen Mannes" ist die Szene, in der Tim den Kindern der Dorfschule Unterricht geben soll. In der Originalversion der Geschichte erteilt Tim den Schülern eine Stunde Geographieunterricht mit den Worten: "Meine lieben Freunde, heute erzähle ich euch etwas über euer Land: Belgien." In der späteren stark überarbeiteten Auflage gibt Tim nur noch Mathematikunterricht.
Mag Remis Afrika-Bild auch vom damaligen europäischen Kolonialismus geprägt gewesen sein, entschuldigen kann dies die oberflächliche Darstellung des Landes und seiner Bewohner nicht.
Im Nachfolgeband "Tim in Amerika" zeigen sich jedoch erstmals Veränderungen in Hergés Umgang mit dem Fremden. Zwar werden auch hier "die Rothäute" einfältig und naiv dargestellt, doch fließen erstmalig auch sehr kritische Untertöne in die Geschichte mit ein, die zumindest von einem Erwachen des politischen Bewusstseins Remis zeugen. So ist die Ausbeutung der Indianer hier ein zentrales Thema.
Die Wandlung
Den Wendepunkt, nicht nur in Bezug auf Handlungsaufbau und Zeichnungen, markiert dann "Der blaue Lotus" von 1934. Im Vorfeld der Arbeiten zu Tims Chinaabenteuer lernte Remis den jungen chinesischen Bildhauerstudenten Tschang Tschong-Jen kennen, der ihn in die chinesische Kunst und Kultur einführte und seine Vorurteile über China über Bord werfen ließ. Aus Dank und Verbundenheit gab Remi dem jungen Chinesen einen Platz in der Geschichte von "Der blaue Lotus". Geprägt von diesen Erfahrungen und der Freundschaft mit dem Studenten, wandelte sich Remis Darstellung von einer vorurteilsbeladenen zu einer realistisch-kritischen. So traute sich Hergé in "Der blaue Lotus" auch kritische Töne anzuschlagen, indem er den japanischen Imperialismus in China zum Thema machte. Dies brachte ihm nicht nur in Europa zum Teil starken Gegenwind ein.
Der Zweite Weltkrieg und die Besetzung Belgiens bildeten nicht nur künstlerisch sondern auch persönlich eine Zäsur für Remi. Nachdem "Le Vingtième Siècle" von den Nazis eingestellt wurde, veröffentlichte Hergé seine Geschichten in der Brüsseler Zeitung "Le Soir", die allerdings als Propagandainstrument der Besatzer galt. Damit seine Geschichten weiter erscheinen konnten, musste Remi den Inhalt seiner Abenteuer von politischen Ereignissen ins Fantastische verlagern. Nach der Befreiung durch die Alliierten sah er sich deshalb scharfen Vorwürfen ausgesetzt, er sei ein Nazi-Sympathisant gewesen.
Die andere Seite Remis
Das soll jeder selbst beurteilen. Denn bei aller berechtigten Kritik, gerade die späteren Geschichten von Tim und Struppi sind Zeugen der anderen Seite Remis: Der des Gerechtigkeitssuchenden und des Menschenfreundes. Mit seinem Helden Tim schuf Remi eine Figur, die sich in Lebensgefahr brachte, um Verbrecher zu fangen und die sich stets einsetzte, um die Schwachen zu beschützen.
Wie also ist diese Zwiespältigkeit Georges Remis einzuschätzen? Remi war mit Sicherheit weder Rassist noch Faschist. Was ihn in den Anfangsjahren seines Schaffens zu dieser Kritiklosigkeit bewog, hatte wohl mehrere Gründe. Gerade bei den ersten beiden Bänden war Remi noch sehr jung und tat einfach, was sein Verleger von ihm wollte. Ihm selbst kamen später wegen dieser Undifferenziertheit Bedenken und so untersagte er lange Zeit den Nachdruck von "Tim im Lande der Sowjets". Erst 1973 stimmte er einer Wiederauflage des Werkes zu, weil schlicht die Zahl der Raubkopien immer größer wurde. Für ihn spricht außerdem die innere Wandlung, die er seit "Der blaue Lotus" und der Begegnung mit Tschang Tschong-jen erfahren hat. Seitdem war er sich seiner Verantwortung bewusst und verabschiedete sich von seiner stereotypischen Wahrnehmung zugunsten einer akribischen Recherchearbeit.
Zugegeben, die ersten Abenteuer von "Tim und Struppi" sind mehr als heikel. Doch woran man sich erinnert, das sind die aufregenden Geschichten, mit denen er Generationen von Kindern glücklich gemacht hat, und ein Gerechtigkeitsbewusstsein und eine Menschenliebe, die er leider erst in seinen späteren Werken deutlich gezeigt hat. Dort aber umso mehr.
Wenn das Centre Pomidou ihm zu Ehren eine große Ausstellung macht und die Besucher sich stundenlang die Füße platt stehen, um einen Blick auf sein Lebenswerk werfen zu dürfen, wenn man hört, dass seine Geschichten in 70 Sprachen übersetzt und über 120 Millionen mal verkauft wurden, wenn sogar Stephen Spielberg sich die Rechte gesichert hat, um die Abenteuer seines Helden zu verfilmen, dann muss dieser Mann schon Beeindruckendes geleistet haben.