London gilt Mitte des 19. Jahrhunderts als die größte Metropole. Und die dreckigste. Über der Stadt lasten Smog und der Geruch einer vor sich hingammelnden Stadt, aber auch vermischt mit den wohltuenden, völlig kontrastierenden Gerüchen ferner Gewürze aus dem Hafen. Doch weit unter den Straßen, im Netz der Abwasserkanäle existiert eine ganz andere Welt. Die Parallelwelt der Kanaljäger.
Nur selten kommen höhergestellte Persönlichkeiten in diese Tiefen, ist es doch der Geruch und der Fluss der Exkremente einer Metropole, die es nicht gerade vorzeigbar machen. Hier unten, in den verwinkelten Backsteintunneln suchen die Kanaljäger nach Schätzen, die sie zu Geld machen können. William May, Vermesser beim Londoner Wasserbauamt hat nach der Rückkehr aus dem Krimkrieg wieder eine Aufgabe bekommen, mit der er ein Einkommen für sich und seine Familie bietet. Die Kriegserfahrungen haben sich jedoch in seinem Unterbewusstsein so stark eingenistet, dass er für viele Mitmenschen als "verrückt" gilt. Erinnerungen an den Krieg lassen den innerlichen Druck in William ansteigen. Nur durch das Ritzen kann er sich die gewünschte Erleichterung verschaffen. Um nicht bei der Arbeit oder zu Hause damit aufzufallen, zieht er sich in die Tunnel unter der Stadt zurück. Als er dort Zeuge eines Mordes wird, glaubt nicht nur er an seinem Verstand zu zweifeln.
Die Parallelwelt der Kanaljäger sieht anders aus. Ein Leben nahezu täglich unter der Stadt, auf der Suche nach Geldmünzen oder anderen verlorenen Gegenständen treibt sie um. Unter ihnen der Langarmige Tom, der sich mit dem Fangen von Kanalratten für illegale Hundewettkämpfe ein tristes und einfaches Leben finanziert. Ein Einzelgänger auf der Suche nach seinem persönlichen Reichtum.
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Krimkrieg und Hundewettkämpfe
Geschickt vermischt die Autorin authentische Gegebenheiten mit ihren Figuren. Die bilderreichen Schilderungen lassen die Schauplätze direkt vor dem inneren Auge des Lesers entspringen und es gelingt ein Eintauchen in die beiden Einzelgänger. Trotz Familie ist William May in seiner eigenen Welt aus Kriegserlebnissen gefangen. Seine Umwelt nimmt er kaum war. Nur in den kurzen Augenblicken nach seinen Selbstverstümmelungen ist sein Geist wieder klar. Auch Tom lebt in seiner eigenen Welt. Die richtige Freiheit empfindet er nur in dem verwinkelten Labyrinth unter der Stadt. Ein wenig Zerstreuung findet er auch bei den illegalen Hundewettkämpfen in heruntergekommenen Bars. Schließlich schließt er innige Freundschaft mit einer Promenadenmischung, die sich für ihn in den Wettkämpfen sehr gut schlägt und wenn nicht einen gewissen Reichtum, so doch ein gesundes Auskommen verspricht.
William Mays Selbstverstümmelungen nehmen immer krankhaftere Züge an. Als er Augenzeuge eines vermeintlichen Mordes in einem der Abwasserkanäle wird und nur knapp mit dem Leben davon kommt, bricht die heile Fassade zusammen. Der Höhepunkt ist erreicht, als Mordanklage gegen ihn erhoben wird.
Die Sprünge zwischen "Ober- und Unterwelt", Williams Kriegserlebnissen und Toms Teilnahme an den blutrünstigen Hundewettkämpfen, zeigen zwei unterschiedliche Menschen auf der Suche nach Verständnis und Bindung. Ohne sich zuvor gesehen zu haben, kreuzen sich deren Wege, um sich gegenseitig die nötige Gerechtigkeit geben zu können.
Clare Clark hat mit "Der Vermesser" einen stimmungsvollen, sprachlich dichten London-Roman geschrieben, deren Debütroman zu Recht kurz nach dem Erscheinen für den Orange Prize nominiert wurde.
Clare Clark Der Vermesser (Originaltitel: The Great Stink) Übersetzt von Rita Seuß, Bernhard Jendricke Heyne Verlag Taschenbuch, 414 Seiten, EUR 8,95 ISBN 3453810783