Paris in den 1930ern. Der Designer Partout spürt, dass er aus einer speziellen weißen Seide ein Kleid erschaffen hat, das sich von all seinen anderen Kreationen unterscheidet: „Er habe ein Abendkleid daraus gemacht, ein Kleid, das alles, was er bisher geschaffen habe, übertreffe. Er sei nicht eitel, aber was er da nicht etwa genäht, sondern gedichtet habe, hebe ihn aus der Masse der Schneider heraus und mache ihn zum Künstler.“ Von seinem Werk geht eine Magie aus, die das Leben seiner Trägerin verändert und ihr Umfeld mit seiner besonderen Aura verzaubert. Liebevoll tauft Partout seine Creation auf den Namen „La jolie tremblante“, zitternde Freude.
Vier Frauen
Das weiße Abendkleid entführt vier Frauen in eine Welt unbekannter Gefühle, Situationen und Begegnungen. Das Model Sonja trägt das Kunstwerk als Erste auf ihrer Haut. Doch dieses wunderbare Gewand nur wie eine Schaufensterpuppe präsentieren zu dürfen, ist ihr nicht genug. Und so leiht sich das junge Mädchen heimlich die weiße Robe für einen Abend, der ihr Leben verändern wird, bevor sie das Kleid seiner rechtmäßigen Käuferin zukommen lässt. Die aus Schweden stammende Filmdiva Anne Lund.
Anne fühlt sich von dem Kleid magnetisch angezogen. Sie muss es einfach besitzen und ist glücklich, dass ihr Freund Partout es ihr gerne verkauft. Doch erst auf einem Filmset in Italien ergibt sich die Möglichkeit, es zu tragen. Und schon lernt sie einen Texaner kennen. Zwischen den beiden entwickelt sich augenblicklich eine leidenschaftliche Liebe. Der Filmstar steht nun vor einer seiner wichtigsten Entscheidungen. Soll sie mit diesem Mann ein neues Leben beginnen? Das Kleid jedenfalls hat seinen Zauber für sie getan und so kann sie es weitergeben an ihre Schwester Maria.
Maria lebt als Kaufmannsgattin in Paris und hat sich dort den gesellschaftlichen Normen ihres Kreises verpflichtet. Schon immer war sie als eine grobe Ausgabe ihrer berühmten Schwester gesehen worden. Doch als sie „La jolie tremblante“ anlegt, fühlt auch sie sich so schön und feminin, dass sie gleich den Wunsch verspürt, in diesem weißen Traum auszugehen - allein. In der Oper lernt sie einen jungen Herrn kennen, den sie mithilfe des Kleides sofort für sich begeistert. Doch der Abend endet ganz anders, als Maria es sich gedacht hat. Auch sie kann sich nach diesem Erlebnis von dem Kleid trennen und schenkt es ihrem Hausmädchen Ilka.
Ilka hatte schon mit dem Medizinstudium in ihrer Heimat Wien begonnen, als sie vor den Nazis nach Paris fliehen muss. Kaum zu glauben, dass sie so ein kostbares Kleid geschenkt bekommt. „In diesem Kleid vergaß sie, dass sie vor drei Monaten nachts, bei Regen, ohne Geld, ohne Pass, von einem Grenzwächter über die Schweizer Grenze geschmuggelt worden war, jetzt in diesem Kleid vergaß sie, dass ihr Vater drei Tage eingesperrt gewesen war und als Urne zurückgeschickt wurde, jetzt in diesem Kleid vergaß sie, dass sie eigentlich drüben in der Küche Salat putzen sollte. Sie war das verwandelte Aschenbrödel, das zum Ball ging. Sie schritt (...) vor Madames hohem Goldspiegel auf und ab und besah sich genau. Jede Nuance studierte sie. Sie lernte sich heute erst kennen.“
Anzeige Mehr als ein gewöhnlicher Frauenschmöker
Autorin Victoria Wolff schreibt über emanzipierte (und sich emanzipierende) Frauen. Wolff selbst war das erste Mädchen, das 1922 am Realgymnasium in Heilbronn das Abitur ablegen durfte. Trotzdem war sie keinesfalls eine vermännlichte Kampf-Emanze, sondern eine schöne Frau, die sich als Tochter eines Leder- und Ehefrau eines Textilfabrikanten in der Modewelt bestens ausgekannt hat.
Das weiße Abendkleid, so formuliert es Lesekönigin Elke Heidenreich, ist ein wunderschöner „Frauenschmöker“. Doch in diesem Buch steckt noch viel mehr. Lässt man sich ganz darauf ein, kann man es öffnen wie eine Schatzkiste. Die Geschichte, welche die deutsche Exilschriftstellerin Victoria Wolff im Jahr 1938 schrieb, ist dabei nur die auffälligste Kostbarkeit. Doch mindestens genauso aufregend wie die Schicksale der vier Frauen ist das Leben der Autorin selbst. Im NS-Deutschland unterlag die jüdische Schriftstellerin dem Publikationsverbot, sie floh bereits 1933 aus Deutschland. Über das Tessin, wo Das weiße Abendkleid entstand, und Frankreich gelang es ihr, in die USA auszureisen. Der Stoff inspirierte Hollywood und so erschien 1942 der Filmhit Tales of Manhattan mit Rita Hayworth, Ginger Rogers und Henry Fonda. Victoria Wolff konnte in Los Angeles Fuß fassen und dort weiter als erfolgreiche Schriftstellerin, Journalistin und Drehbuchautorin arbeiten. Über ihr Leben kann man im Nachwort der Herausgeberin lesen.
Und es gibt noch mehr zu entdecken, denn die vorliegende Ausgabe des wunderbaren Buches ist liebevoll gestaltet. Im Innenteil illustrieren historische Paris-Fotografien die Geschichte. Diese Aufnahmen von antiken Ansichtskarten und ein Pariser Stadtplan, der die Innenseiten der Buchdeckel ziert, versetzen den Leser schon in das Pariser Flair, bevor seine Augen überhaupt die Buchstaben erfassen. Wahrlich passend wurde außerdem das Buchcover ausgewählt. Eine Fotografie aus dem Jahr 1933 zeigt die deutsche Operettendiva Anni Ahlers in einem weißen Abendkleid beim Modellsitzen für ein Portrait. Nicht nur hat man hier das Gefühl „La jolie tremblante“ zu sehen, das Bild erzählt auch ein weiteres berührendes Schicksal: Die deutsche Sängerin schaffte es, bis nach London berühmt zu werden. Dort wurde sie von einem britischen Sir leidenschaftlich verehrt. Er gab ein Gemälde seiner Angebeteten in Auftrag. Doch die unter Tuberkulose leidende Anni starb durch einen Sturz aus ihrem Apartment, bevor das Bildnis vollendet werden konnte. Um es schließlich doch noch fertig zu stellen, saß die Tochter des Auftraggebers in dem weißen Kleid Modell.
Fazit: Es gibt Bücher, in die man schon mit der ersten gelesenen Seite eintaucht. Genau so ist es mir mit Das weiße Abendkleid ergangen. Es dauerte keine Minute, bis ich mich im Paris der 1930er Jahre wieder fand. Die Faszination für dieses Buch ging jedoch so tief, dass es eine Weile dauerte, bis ich wieder im 21. Jahrhundert auf meinem Sofa ankam.
Victoria Wolff Das weiße Abendkleid Herausgegeben und mit einem Nachwort von Anke Heimberg
Aviva
277 Seiten, gebunden, EUR 18,-
ISBN-10: 3932338286
ISBN-13: 9783932338281