Dass die Inuit einen Haufen verschiedener Worte für die unterschiedlichen Arten von Schnee verwenden, ist eine recht bekannte Tatsache. Ähnlich interessante Eigenarten hat eigentlich jede Sprache, doch nur wenige sind so prominent wie die Schnee-Vokablen der Eskimos. Christopher Moore hat sich auf einen Streifzug durch die Sprachen der Welt gemacht und dabei Begriffe gesammelt, die sich nicht einfach wörtlich übersetzen lassen. Mit viel Spaß an dem Phänomen ´Sprache´ und ohne staubigen Wissenschaftsanspruch ist so "ganz zufällig und nach Lust und Laune" eine Sammlung ´unübersetzbarer´ Begriffe aus aller Herren Länder entstanden.
Jede Sprache spiegelt wieder, wie ihre Sprecher denken, fühlen und leben. Unternehmen Sie zum Beispiel mal eine geistige Reise in die Niederlande. Nur zu, bedienen Sie sich dabei ruhig der üblichen Klischees: "Windmühlen, Deiche, Butter, Fahrräder, Tulpen (...)". Diese Bilder finden sich durchaus auch in der Sprache wieder. Da wäre die "ganz bodenständige Wendung De molen gaat niet om met wind die voobij is - »die Windmühle kümmert sich nicht um den Wind von gestern«." Oder auch das schöne Verb uitwaaien, was soviel bedeutet wie "»zum Spaß im Wind herumspazieren«. Man sieht förmlich, wie die Holländer draußen umherlaufen und genau wissen, was sie tun müssen, um ihre Landschaft und ihr Wetter genießen zu können." Solche landes- bzw. sprachtypische Ausdrücke finden sich im Wortgestöber dieses kleinen Buches.
Sollten sich die Hobby-Sprachwissenschaftler unter Ihnen schon einmal gefragt haben, warum die Briten häufig so ein schlechtes Französisch sprechen, finden Sie hier die Antwort: "Viele Engländer behaupten, für sie sei das Französischlernen besonders schwer, weil auf Französisch grundsätzlich alles umgekehrt ausgedrückt wird als auf Englisch. Das englische »taking French leave« (sich davonstehlen, wörtlich: sich auf Französisch verabschieden) nennt der Franzose filer à l´Anglaise (auf Englisch verschwinden). »Walking up and down« (rauf- und runtergehen) verwandelt sich in marcher de bas en haut (runter- und raufgehen)." Na, das erklärt, warum Engländer und Franzosen sich nicht wirklich gut verstehen.
Anzeige Moore hat sein Buch in übersichtliche Kapitel eingeteilt. Hauptsächlich wird sich an der geographischen Verbreitung orientiert. Da wären zunächst die westeuropäischen, dann die osteuropäischen und die skandinavischen Sprachen, die Sprachen des Nahes Ostens, die afrikanischen und asiatischen, schließlich die alten und klassischen Sprachen, die indigenen und die Kreol- und Pidgin-Sprachen. Zu letzteren gehört auch Tok Pisin. Leider fehlt es dem Buch an einigen interessanten Details und so müssen Sie dann doch noch im Lexikon nachschlagen, um zu erfahren, dass es sich hier um die Verkehrssprache von Papua-Neuguinea handelt. Dafür bietet Ihnen aber nur Moores Wortgestöber schöne Beispiele dieser exotischen Sprache wie bel hevi. "Dieses Wort heißt übersetzt »Bauchschwere« und bezieht sich auf das flaue Gefühl, das oft mit extremer Traurigkeit einhergeht."
Zu jeder Sprache gibt es eine kurze Einleitung, gefolgt von einigen charakteristischen Beispielen. Gezieltes Nachschlagen könnte der Wortindex im Anhang möglich machen, doch leider hat man sich nicht die Mühe gemacht, ihn mit Seitenangaben zu versehen. Stattdessen findet man dort nur, um welche Sprache es sich bei dem jeweiligen Beispiel handelt. So erfährt man also im Index, dass sian ein gälisches Wort ist. Im Inhaltsverzeichnis findet man dann unter dem Oberbegriff "Alte und klassische Sprachen" endlich das "Schottische und irische Gälisch" und so gelangt man nach einigem Blättern auch zum Ziel. Um Ihnen die Suche zu ersparen: sian finden Sie auf Seite 172 und es ist "ein irisches Wort für die sanfte, traurige Musik, die aus einem Feenhügel dringt".
Fazit: Ein nettes Buch für alle Sprachbegeisterte. Vielleicht nicht, um eine Seite nach der anderen zu lesen, sondern eher um zu darin zu stöbern. Also die ideale Klo-Lektüre für eine WG von Linguistik-Studenten.
Christopher J. Moore Mister Moores Wortgestöber Ein Wegweiser durch die Sprachen der Welt
Übersetzt von Christine Strüh
Fischer
189 Seiten, gebunden, 9,95 Euro
ISBN-10: 3596171830
ISBN-13: 9783596171835
Sprachliebhabern und anderen Neugierigen öffnet Mister Moore mit seinem Büchlein Fenster in fremde Sprachwelten. Dem studierten Linguisten gelingt es auf unterhaltsame und liebenswürdige (und überhaupt nicht verstaubt akademische) Weise, seine Lust an Sprachen und seinen Sinn für ihre individuellen Merkwürdigkeiten mit seinen Lesern zu teilen.