Schade. Der Aufbau ist interessant, endlich mal was anderes als der Einheitskrimibrei. Statt einen Ermittler bei seiner Arbeit zu begleiten, bekommt der Leser Einsicht in Aussagen und Erzählungen, die Tathergang und Mordmotive aus Sicht der Dorfbewohner sowie des Mörders darstellen.
Elke Heidenreich schwärmte in den höchsten Tönen von diesem Roman. Und eine Jury fühlte sich sogar genötigt,Tannöd den Deutschen Krimi Preis zu verleihen.
Dieser Preis ist es, der mich auf das Buch hat hereinfallen lassen. Der Deutsche Krimi Preis ist nämlich nicht nur der älteste und renommierteste deutsche Literaturpreis für Kriminalliteratur, nein, in seiner Jury sitzen Literaturwissenschaftler, Kritiker und Buchhändler. Bei solchen Juroren glaubt man doch, wenigstens sprachlich müsse ein mit dem ersten Preis dotierter Roman überragend sein. Und da der Preis nur an Autoren verliehen wird, „die dem Genre literarisch gekonnt und inhaltlich originell neue Impulse geben“, habe ich erst recht auf literarisches Können vertraut.
Pustekuchen! Der Inhalt ist originell, ja. Möglicherweise wurde durch ihn sogar ein neuer Impuls gegeben und ab jetzt werden viele Kriminalromane im Protokollstil verfasst werden. (Hoffentlich nicht, denn die Spannung bleibt dabei – jedenfalls in Tannöd – komplett auf der Strecke.) Aber „literarisch gekonnt“? Nein.
Anzeige Die Sätze holpern nur so, dass es wehtut. Stilistische Schwachstellen ziehen sich durch den Roman – immerhin etwas, das konstant bleibt. Ganz im Gegensatz zum Tempus. Das wechselt ständig und wird so fehlerhaft eingesetzt, dass man sich ernsthaft fragt, ob Autorin und Lektor überhaupt der deutschen Sprache mächtig sind. Ein Grammatikgrundkurs dürfte beiden jedenfalls nicht schaden. Die hochgelobte Umsetzung des bayerischen Dialekts sowie der ländlichen Umgangssprache ist leider auch gründlich danebengegangen. Statt glaubhaftem Soziolekt begegnet dem Leser eine künstliche Umgangs-Hochsprache, eine misslungene Mischung aus Dialekt und gehobenem Schriftdeutsch. Und dem Spannungsbogen gelingt es auf nur 125 Seiten gar nicht erst, sich aufzubauen.
Grundlage für den Roman ist eine wahre Begebenheit. In den 50er Jahren wurde eine ganze Familie ausgelöscht, der Mörder erschlug die Opfer nachts mit einer Spitzhacke. Die Familie war im ganzen Dorf verhasst, mürrisch und geizig seien sie gewesen. Dem Vater warf man stillschweigend Nötigung und Vergewaltigung vor, sogar an seiner eigenen Tochter soll er sich vergangen und mit ihr zwei Kinder gezeugt haben. Da die Familie also freundlich gesagt „nicht beliebt“ war und auf einem abgelegenen Bauernhof lebte, kümmerte sich niemand um sie. So dauerte es einige Tage, bis der Mord bemerkt wurde. Der Mörder wurde nie gefunden. Zu viele hätten ein Motiv gehabt, aber niemand wurde in der Nähe des Hofs gesehen. Andrea Maria Schenkel erdenkt nun eine mögliche Lösung für das Rätsel der Tat.
Fazit: Elke Heidenreich sagte, der Deutsche Krimi Preis sei für dieses Erstlingswerk „verdient“. Andererseits sagte sie auch, dass sie keine große Krimileserin sei. Das merkt man. Sonst hätte sie Tannöd bestimmt nicht gemocht. Mein Rat an dieser Stelle: Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal den Mund halten. Und wenn man einen guten Krimi lesen will, auf keinen Fall Tannöd kaufen!